Aufsatz 
Vermischte pädagogische Aufsätze, von den Lehrern der mittleren Bürgerschule
Entstehung
Einzelbild herunterladen

19

und ſchwach iſt, ſo kann man mit Recht ſagen: Das gibt ſich mit den Jahren. Es wäre ſogar unrecht, wollte man der Natur vorgreifen. Man hat nur für gute, kräftige Nahrung zu ſorgen, für geſunde Luft, für Reinlichkeit, für Bewegung, dann gibt ſich jene Unvollkommenheit ſchon mit den Jahren.

Der Verſtand ferner kommt nicht vor den Jahren. Wenn alſo ein ſiebenjähriger Knabe noch nicht begreifen kann, was der zwölfjährige zu begreifen im Stande iſt, ſo iſt auch dies ganz natürlich; auch hier iſt nichts weiter zu thun, als die natürliche Entwickelung vor Hemmungen zu hüten; auch hier gibt ſich die Unvollkommenheit mit den Jahren. Und auch hier wäre es ein Fehler, wollte man den Verſtand, ehe er noch kräftig genug ſein kann, übermäßig anſtrengen; und wenn ein ſolcher Fehler gemacht wird, ſo rächt er ſich bald, indem ſich entweder Altklugheit oder Unluſt am Lernen zeigt.

Selbſt noch eine gewiſſe Flüchtigkeit und Flatterhaftig⸗ keit gibt ſich mit den Jahren. Der fünfjährige Knabe faßt Einzelnes auf, oft recht lebhaft; er verweilt aber nicht lange dabei, ſondern eilt das liegt eben in der Natur ſchnell zu etwas Anderm, vielleicht von dem Erſten ganz Verſchie⸗ denen hin. Auch hier wäre es ein Fehler, wollte man den Kleinen zu lange unausgeſetzt mit einem und demſelben Gegenſtande beſchäftigen.

In all dieſen Fällen hat das Sprichwort recht. Noch mehr: die Luſt am Spielen wechſelt ihre Gegenſtände; der Neunjährige kehrt ſich mit Verachtung von den Spiel⸗ ſachen des Sechsjährigen ab. Auch hier darf es den Eltern nicht leid ſein, wenn ihr Kind eben noch ein Kind iſt. Es wird ſchon mit den Jahren abthun, was kindiſch iſt. Ebenſo lernen ſich die hergebrachten Formen der HFöflichkeit mit den Jahren. Ebenſo iſt die Sprechweiſe des Kindes eine andere als die des Erwachſenen, und auch hier wäre

2*