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vom Denken gemeſſen werden, erſteht der Begriff ihrer Nothwendigkeit. Alſo iſt der letzte Punct, auf dem alle Nothwendigkeit ruht, eine Gemeinſchaft des Denkens und Seins. Wir könnten dieſen letzten Punct, wenn der Ausdruck nicht in vielfachem Sinne verbraucht wäre, die Identität des Denkens und Seins nennen.“ Dieſe Erörterungen ſind abſtracter gehalten als jene, welche ſich an die nega⸗ tive Seite der Nothwendigkeit knüpfen. Wir wollen ſie jedoch der beſſeren Uebereinſtimmung und leichteren Vergleichung halber concret faſſen. Entſprechend der Function der negativen Nothwendig⸗ keit beſteht die Bedeutung der poſitiven darin, daß ſie diejenige Thätigkeit iſt, welche das Denken und das Sein mit einander identiſch macht. Dieſe Erklärung genügt aber offenbar nicht, um ein mit Nothwendigkeit nach Verwirklichung ſtrebendes Denken zu characteriſiren. Denn jeder Gedanke, der real werden will, ſucht ſeinem Begriffe gemäß real zu werden d. h. das Sein mit ſich identiſch zu machen. In dem Nothwendigen liegt aber noch der Zwang, daß etwas ſo und nicht anders werden muß. Demnach wäre die richtige poſitive Erklärung der Nothwendigkeit dieſe: Die Noth⸗ wendigkeit iſt diejenige Thätigkeit, welche das Denken und das Sein mit einander identiſch machen muß. So hätte Trendelenburg den Sinn des Nothwendigen gewahrt, wäre aber freilich ganz offen wieder dem leidigen Cirkel verfallen.— Wir müſſen jedoch auch in der abſtracten Ausführung Trendelenburg den trügeriſchen Schein nachweiſen. Zunächſt wird darin gezeigt, wie unbedingt er⸗ forderlich die Anerkennung unſeres Geiſtes ſei, um ein Ding als nothwendig ausſprechen zu können. Das iſt zweifelsohne richtig, denn ein Verhängniß nennen wir erſt dann ein nothwendiges, wenn unſer Denken, nachdem es vergebens zu entfliehen geſucht hat, ihm ſeine Anerkennung zollt. Gilt aber auch der umgekehrte Fall? Wird ein Verhängniß dadurch nothwendig, daß wir es denken? Wir denken auch jenes, welchem wir entrinnen: es war ſomit kein nothwendiges. Demnach enſteht durch das Zuſammenſchlagen des Denkens und Seins, des Subjectiven und Objectiven allein noch keine Nothwendigkeit, denn jedes beliebige Erkennen und Begreifen ſetzt eine Identität des Denkens und Seins als condicio sine qua non ſeiner Möglichkeit voraus. Wie iſt aber Trendelen⸗ burg zu dieſer ungenügenden Erklärung der Nothwendigkeit gekommen? Ihre Geneſis liegt klar zu Tage: Der Geiſt weigert ſich, ein Ding als nothwendig anzuerkennen, bis ihm dieſe Anerkennung abgenöthigt wiird. Aus dieſem Factum wurde zunächſt gefolgert, daß das Nothwendige das Nicht⸗nicht⸗zu⸗denkende ſei. Da aber hier der circulus in definiendo zu offen vorliegt,— denn wer fühlt aus dieſen Worten nicht ſofort den Sinn heraus„das was gedacht werden muß?“— ſo fährt Trendelenburg zunächſt fort, die Anerkennung als etwas Weſentliches im Begriffe der Nothwendigkeit mit allem Nachdruck hervorzuheben, ſie außerdem mit einem beſtechenden Beiſpiele zu illuſtriren, um uns dadurch das attributive Particip die„abgenöthigte,“ worin doch eigentlich die Hauptſache liegt, vergeſſen zu machen. So iſt Trendelenburg zu dem Endreſultate gekommen, daß die Nothwendigkeit die Gemeinſchaft des Denkens und Seins ſei, während er getreu ſeinen voraus⸗ gehenden Auseinanderſetzungen hätte ſagen müſſen:„die Nothwendigkeit iſt die dem Denken abge⸗ nöthigte Gemeinſchaft des Denkens und Seins.“ Dieſe Faſſung würde den Sinn des fraglichen Begriffes zwar richtig umſchreiben, aber freilich nicht einmal ſcheinbar definiren.
Wir ſind alſo zu dem Ende gekommen, daß weder die negative noch die poſitive Erklärung der Nothwendigkeit, welche uns geboten wird, als Definition jenes Begriffes gelten kann. Beide bewegen ſich in Circeln und ſind deßhalb vom Sandpuncte der Logik aus zu verwerfen. Mit dem mißlungenen Verſuche, die Nothwendigkeit zu definiren, ſtürzt ſelbſtverſtändlich das ganze Gebände der Erklärung der modalen Kategorieen zuſammen. Wir verſtanden die Möglichkeit nur


