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zur Wirklichkeit mit dem bewußten Streben, ſie in die Wirklichkeit einzuführen, ſo verengern ſich ihre Grenzen. Denn was recht wohl als möglich gedacht werden kann, iſt deshalb doch oft unmög⸗ lich, ſofern es in die Wirklichkeit eingeführt werden ſoll. So iſt es z. B. möglich aus dem feinſten Marmor ein Haus zu bauen. Niemand widerſtreitet dieſe Möglichkeit. Ob es aber auch möglich iſt, ein ſolches Haus auf einem beſtimmten Platze zu erbauen, iſt eine andere Frage. Die Mittel können fehlen, den Marmor zu beſchaffen, die Arbeiter, welche ihn behauen und dgl. Es handelt ſich alſo für den Fall, daß das Mögliche verwirklicht werden ſoll, um den Nachweis realer Be⸗ dingungen, wie dies Trendelenburg näher Abrkelt hat. Aber dieſe helfen nicht den Begriff des Möglichen bilden, ſondern beſchränken ihn.
Von der eben beſprochenen Wirklichkeit des Möglichen unterſcheidet Trendelenburg das umge⸗ kehrte Verhältniß, die Möglichkeit des Wirklichen oder die innere Möglichkeit. Der Unterſchied bei⸗ der beſteht darin, daß wir hier erfahren, wie etwas möglich iſt, während uns dort erſchloſſen wurde, was möglich iſt. So ſpricht man von der inneren Möglichkeit eines Kreiſes, wenn man ſieht, wie er entſteht, von der Möglichkeit einer Erfindung, wenn man einſieht, wie ſie zu Stande kommt u. dgl. Die innere Möglichkeit iſt demnach ein reiner und voller Vorgang des begreifenden Denkens, in welchem es ſich darum handelt, wie aus vorhandenen realen Bedingungen eine Sache entſtehen kann. Von dieſer Einſicht hängt es zugleich ab, ob man die vorher beſprochene Wirklichkeit des Möglichen von einem Gegenſtande prädiciren darf oder nicht. Es unterliegt keinem Zweifel, daß dieſer Gedanke fein durchdacht iſt; wenn z. B. die Theile einer ſehr künſtlichen und verwickelten Maſchine einzeln vor mir liegen, ſo iſt ſie dadurch allein für mich noch keine mögliche Maſchine. Dies wird ſie erſt dann, wenn ich ihre Conſtruction kenne, wenn ich weiß, wie ihre einzelnen Theile ineinander eingreifen müſſen u. ſ. w. Wir geben bereitwilligſt die tiefe Wahrheit dieſer Sache zu. Darf man aber allgemein behaupten, daß die Einſicht in die innere Möglichkeit der Dinge die Bedingung ſei, ohne welche man die Möglichkeit derſelben nicht ausſprechen könne? Dadurch würde man eine unlösbare Forderung ſtellen; denn der Einblick in die innere Möglichkeit der Dinge iſt⸗ dem Menſchen nur in ſehr beſchränktem Maße geſtattet. Was unſerer Hände Werk iſt, können wir wohl in dem Zuſammenwirken ſeiner einzelnen Bedingungen verſtehen, aber was darüber geht, z. B. alles Leben und Weben in der Natur, entrückt uns auf ewig ſeine innere Möglichkeit. Und doch können wir jedes Thier ein mögliches Ding nennen, weil die Erfahrung uns dazu berechtigt.
Trendelenburg nennt die Einſicht in die innere Möglichkeit zwar eine ſchwierige Sache, aber für unmöglich hält er ſie nicht. Und er durfte es auch nicht, da ſie ihm die Brücke bilden muß, auf der er behenden Fußes zur Wirklichkeit hinübereilt:„Bedingungen ſind nun da, welche die innere Möglichkeit einer Sache fordert. Sie drängen ſich immer mehr nach einem Puncte hin. Die Möglichkeit iſt reif. Es erſcheint die letzte Bedingung, die noch fehlte, die die übrigen Be⸗ dingungen ſammelnde, richtende, bewegende Kraft, und die Wirklichkeit bricht hervor.“ Auf dieſe Weiſe ga Zeht Trendelenburg die Definition des ſchwierigen Begriffes der Wirklichkeit. Er läßt ihn plötzlich vow ultſeren Augen auftauchen, aber was er iſt, erfahren wir nicht. Außer einigen Be⸗ merkungen düber ſein Verhältniß zum Möglichen bemerkt Trendelenburg nur folgendes zur näheren Verdeutlichung desſelben:„Indem ſich das Sein zunächſt nur in die Fläche ausbreitet, unterſchied⸗ los(und ſich ſelbſti gleich, empfängt es in dem Begriffe des Wirklichen, der aus dem Möglichen her⸗ vorgeſtiegem iſt) die Tiefe, welche auf die Bedingungen des Grundes zurückweiſt.“ Ein bildlicher Aus⸗ druck, dergleichen ſich viele bei Trendelenburg finden, der aber keine klare Anſchauung vermitteln kann.


