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ſeine Wirklichkeit vorhanden ſeien. Daß dem nicht ſo iſt, gibt Trendelenburg ſelbſt kurz nachher zu, indem er ſchreibt:„Wird der Gedanke, der das Wirkliche abbilden oder vorbilden ſoll, nur auf ſich bezogen, ſo daß er aus dem Verbande der Wirklichkeit abgelöſt allein für ſich betrachtet wird: ſo ſieht man von den fehlenden Bedingungen und von allem, was Widerſtand leiſten könnte, gänzlich weg und die Möglichkeit iſt am weiteſten. In dieſer willkürlichen Trennung des Gedankens, wo nichts Einſage thut, weil man alles Andere im Gedanken ausgelöſcht hat, erſcheint alles möglich.“ Es dürfen alſo alle realen Bedingungen eines Gegenſtandes fehlen und trotzdem kann unſer Denken ihn für möglich halten. Die eben beſprochene einſeitige Beziehung des Möglichen auf das Wirkliche hat aber nicht etwa bloß fremde, leicht auszuſcheidende Beziehungen in die aufgeſtellte Definition des Möglichen hinein⸗ ſie iſt vielmehr der Grund, daß dieſelbe ſich überhaupt des Anſpruches begeben muß, in Wahrheit Definition des Möglichen zu ſein. Ziehen wir zur Klärung der Frage den Begriff des Unmöglichen heran, den wir weiter unten als die einzig feſte Baſis in der ganzen Frage der modalen Kategorieen erkennen werden. Die Unmöglichkeit iſt nur Gedanke und zwar näher der Gedanke, daß etwas mit Nothwendigkeit nicht iſt. Die Richtigkeit dieſer Erklärung iſt nicht zu bezweifeln. Ausgehend aber von der Trendelenburgſchen Definition des Möglichen müßte man den Begriff Unmöglichkeit dahin beſtimmen:„Es ſind keine Bedingungen für die Wirklichkeit eines Gegenſtandes vorhanden.“ Es bedarf wohl nur der flüchtigen Andeutung, daß dies höchſtens eine Erläuterung der Nichtwirk⸗ lichkeit, nimmer aber, was es doch ſein müßte, eine Begriffsbeſtimmung der Unmöglichkeit iſt. Ergibt aber die Negation des Möglichen, wie es von Trendelenburg gefaßt wird, nicht den offen⸗ kundigen Begriff der Unmöglichkeit, ſo hat er unzweifelhaft das Mögliche nicht richtig definirt. Dieſen Einwurf hat Trendelenburg wohl vorausgeſehen und ihn deßhalb abzuwenden geſucht, indem er behauptet, das Unmögliche ſei nicht die reine Verneinung des Möglichen. Doch mit einem ſchwachen Stab ſtützt man nicht ein ſchwankendes Gebäude! Wortbildungen wie„unangenehm,“„unſchön,“ „unmöglich“ ſind und bleiben die Negation von„angenehm,“„ſchön,“„möglich.“ Solche Dinge bedürfen keines Beweiſes, ſie ſind gegeben durch die Geſetze der Wortbildung. Es ſei hier noch beiläufig bemerkt, daß es nicht einmal deutlich erhellt, wie Trendelenburg nun eigentlich das Verhältniß bei⸗ der Begriffe zu einander gefaßt wiſſen will. Denn was er darüber ſagt, klingt zwar ſehr ſcharfſinnig, iſt aber doch nicht ſehr verſtändlich:„Daher verhalten ſich Mögliches und Unmögliches nicht wie reine Verneinungen zu einander, ſondern die Elemente ihres Weſens ſind geradezu umgekehrt. Im Möglichen iſt der erzeugende Grund nur theilweiſe da, im Unmöglichen der verhindernde ganz.“
Nachdem die letzte Stütze gefallen, dürfen wir die von Trendelenburg gegebene Definition des Möglichen als widerlegt erachten. Zugleich iſt der einzig ſichere Weg angedeutet, auf dem man zu der richtigen Erklärung des Begriffes gelangen kann. Wir gehen von dem Unmöglichen aus und nennen dem entſprechend alles möglich, was nicht mit Nothwendigkeit nicht⸗wirklich ſein muß. Dieſe reinſte Geſtalt der Möglichkeit iſt alſo nur Gedanke und innerhalb der eben gezogenen Grenzen hat ſie ein unermeßliches Feld, auf dem ſie ſich bewegen kann.„Bei Gott iſt alles möglich“ ſagen wir um jene Unermeßlichkeit und Unendlichkeit in Worte zu faſſen. Wenngleich der Möglichkeit des endlichen Geiſtes engere Grenzen gezogen ſind, ſo bewundern wir doch auch noch ihre Unbegrenztheit. Wer hindert den freien Flug der ſchöpferiſchen Phantaſie, die wir in den Werken unſerer Dichter und Tonkünſtler bewundern? Aber an dem mit Nothwendigkeit Nichtwirklichen findet jede Möglichkeit, ſelbſt die der Gottheit, ihre Schranken. Ein viereckiger Kreis, ein rundes Dreieck kann ſelbſt der Allmacht nicht möglich ſcheinen. Bringen wir dieſe rein gedankenmäßige Möglichkeit in Beziehung


