Aufsatz 
Kritik des Abschnittes "Die modalen Kategorien" in Trendelenburgs logischen Untersuchungen
Entstehung
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realen Entſtehungsprozeß eines Gegenſtandes veranlaßt hat, tritt im Verlaufe des Werdens dieſes Gegenſtandes mit anderen theils fördernden, theils hemmenden Thätigkeiten in Verbindung und Ver⸗ miſchung, ſo daß ſie als jene erſte urſprüngliche nicht ohne Weiteres erkennbar iſt. Sie muß alſo dem Geiſte durch ein Anderes vermittelt werden. Dies Mittel iſt der Erkenntnißgrund. Darunter verſtehen wir die den Sinn treffende Erſcheinung als Wirkung der noch verborgenen Urſache. Dieſe Wirkung, welche wir auch Thatkraft nennen, bildet den Anfangspunkt des im Geiſte nunmehr ſich entwickelnden Denkproceſſes. Der Geiſt ſchließt aus den in der Wirkung enthaltenen Spuren der noch verborgenen Urſache vermöge ſeiner Macht über die Materie auf einen möglichen Grund der Sache; durch Vergleichung der aus dieſem Grunde gezogenen Folgerungen mit den vorliegenden Er⸗ ſcheinungen erkennt er den Irrthum, der ſich etwa einſchleichen könnte, beſeitigt ihn und gewinnt durch aufmerkſame Wiederholung dieſer Operation ſchließlich die Erkenntniß des wahren Grundes. Der Zweck des Erkenntnißgrundes iſt hiernach, den begreifenden Geiſt auf den Grund der Sache hinzuführen, und ſein Ziel iſt, mit dem Grunde der Sache zuſammenzufallen. Nachdrücklich hebt Trendelenburg hervor, daß man an dem Sachgrund eine weſentliche Seite nicht überſehen dürfe. Während nämlich die Sprache denſelben zu einer Einheit zuſammenfaßte, wäre er doch nichts weniger als ein einheitliches Ganzes. Denn hervorgegangen aus Urſache und Zweck, deren jedes kein unter⸗ ſchiedsloſes, einfaches Continuum ſei, müſſe er eine Vielheit von Momenten in ſich enthalten. Die Momente an und für ſich betrachtet nennt Trendelenburg die Bedingungen eines Gegenſtandes. Daß aber die Sprache den Grund trotzdem als Einheit darſtellte, ſei eine Ungenauigkeit, indem ſie entweder das lebendige Zuſammenwirken aller Bedingungen als Einheit begriffe, oder die thätigſte unter den Bedingungen, die ſich deutlich von den übrigen abhöbe, vorzugsweiſe den Grund nennte. Jedenfalls aber ſei der Grund ein Inbegriff zuſammengehöriger Bedingungen.

Dieſe Ausführungen, gegen welche wohl nichts zu erinnern ſein dürfte, bilden die Grundlage, auf der ſich zunächſt der Begriff Möglichteit erhebt. Trendelenburg erklärt ihn auf folgende Weiſe: Wenn eine oder einige Bedingungen eines Dinges erkannt ſind, aber das an dem Grunde fehlende in Gedanken ergänzt wird, ſo gibt das den Begriff der Möglichkeit. Dieſe Definition ſoll überall da Gültigkeit haben, wo die Möglichkeit als Eigenſchaft eines Dinges ausgeſprochen wird, oder was dasſelbe heißt, wo es ſich um die Wirklichkeit des Möglichen handelt. Dieſer Definition muß vor allem der Vorwurf gemacht werden, daß ſie ihr definiendum auf eine willkürliche Weiſe be⸗ ſchränkt. Gehört es zu dem Begriffe des Möglichen, daß es von einem Dinge ausgeſagt wird? Muß ich etwa, wenn ich mir den Begriff Roth vorſtelle, an einen rothgefärbten Gegenſtand denken? Sicher nicht, da jeder Begriff durch Beziehung auf einen anderen ſeine urſprüngliche Reinheit ver⸗ liert, indem er fremde Elemente in ſich aufnimmt. So iſt es auch dem Trendelenburgſchen Mög⸗ lichen ergangen. Denn durch die Beziehung auf das Wirkliche wurde ihm ſofort das Beſtreben nach Verwirklichung untergeſchoben. Die erſte Folge davon war die, daß in dem Möglichen nun auch ein Hinweis auf Zukünftiges liegen ſoll. Ich laſſe Trendelenburgs eigene Worte folgen:Das Mögliche bleibt immer ein Zukünftiges und ſelbſt da, wo es ſich um Erkenntniß des Vergangenen oder um den verborgenen Grund einer gegenwärtigen Thätigkeit handelt; denn in dieſem Falle wird das Mögliche zwar nicht durch den Verlauf der Dinge entſchieden, ſo daß es zum Wirklichen wird, aber es erwartet die Entſcheidung vom Denken, damit es erkannte Wahrheit werde. Eine weitere Folge der Verknüpfung des Begriffes der Möglichkeit mit der Wirklichkeit iſt die Behauptung, daß ein Ding erſt dann als möglich ausgeſprochen werden dürfe, wenn bereits reale Bedingungen für