Aufsatz 
Kritik des Abschnittes "Die modalen Kategorien" in Trendelenburgs logischen Untersuchungen
Entstehung
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Definition der Nothwendigkeit durchaus nicht dem Begriffe derſelben, indem ſie nur das ausſagt, was in jedem Geſchehen ſich vollzieht, was aber nicht den Begriff des Nothwendigen involvirt.

Nicht günſtiger lautet das Urtheil, welches Tendelenburg über die Kantſche Erklärung der modalen Kategorieen gefällt hat. Er ſtellt entſchieden in Abrede, daß Möglichkeit, Wirklichkeit und Nothwendigkeit nur die Bedeutung hätten, eine leere Copula, ein bloßes Band zwiſchen Subject und Prädicat zu ſein; er behauptet vielmehr, daß ihnen ein tieferer, in der Natur der Sache be⸗ gründeter Sinn innewohne. Wenn man freilich wie Kant nur die äußere Form eines modalen Urtheiles berückſichtigte, könnte es allerdings(z. B. in dem Urtheiledie Erde iſt ſphäroidiſch) ſcheinen, als ſei es für den Subjects⸗ und Prädicatsbegriff gleichgültig, ob ſie durchiſt oder muß ſein oderkann ſein verbunden ſeien; wenn man dagegen ſtatt eines fertigen Urtheils die Entſtehung eines ſolchen beobachtete, würde zweifelsohne klar werden, daß es nicht nur vom Denken, ſondern auch von der Natur der zu verknüpfenden Begriffe abhängig ſei, ob in einem concreten Falle die Möglichkeit oder die Wirklichkeit oder die Nothwendigkeit prädicirt werden müſſe. Daraus ergebe ſich aber, daß die modalen Kategorieen nicht rein ſubjective Beſtimmtheiten ſeien, nicht bloße Verbindungsglieder in dem Bau der Urtheile der willkürlichen Wahl des Denkens zu beliebigem Gebrauch überlaſſen, ſondern daß ſie auch reale Elemente enthielten.

Trendelenburgs eigene Anſicht über die modalen Kategorieen haben wir oben ſchon kurz be⸗ rührt. Er will ſie weder als Beſtimmtheiten des Denkens allein aufgefaßt wiſſen, noch in den Dingen ganz aufgehen laſſen, ſondern ſtellt ſie als ein Product der lebendigen Wechſelwirkung zwiſchen Denken und Sein dar, als eine eigenthümliche Doppelbildung, in der ſich beide Elemente miſchen, indem ſie ſich einander theils ergänzen theils durchdringen. Das objective Element iſt in der Sache gegeben, in welcher Möglichkeit und Nothwendigkeit gewiſſermaßen vorgebildet ſind, das ſubjective Element liegt in dem hinzukommenden Denken. Daß Trendelenburg die Hegelſche Anſicht an ſich ganz verwirft, dürfte wohl jedermann anerkennen; ob er aber mit gleichem Recht der Kant⸗ ſchen jede ſelbſtändige Geltung entzogen hat, erſcheint zweifelhaft. Wir ſehen zum Beiſpiel in der ausführlicheren Erörterung des Begriffes Möglichkeit das reale Element ganz ſchwinden und doch wird die Möglichkeit noch immer von Trendelenburg zugegeben, ja ſogar behauptet, ihre Grenzen ſeien in dieſer Faſſung am weiteſten. Darüber wird ſpäter eingehender zu ſprechen ſein.

Bevor wir jedoch zur Behandlung der Kategorieen im einzelnen übergehen, müſſen wir die von Trendelenburg vorausgeſchickten Bemerkungen über das Verhältniß der Dinge zum Denken, auf denen ſich alsdann die Kategorieen aufbauen, kurz darlegen: Die Dinge ſtellen ſich unſerem Denken in zweifacher Weiſe dar, zunächſt als bloße Erſcheinung für die auffaſſende Thätigkeit des Geiſtes, ſodann als Erſcheinung des thätigen Grundes für die begreifende Thätigkeit desſelben. Die Erſcheinung iſt ein modaler Begriff des Sinnes, in welchen ſich das Sein kleidet, um überhaupt aufgefaßt zu werden. Der Grund iſt ein modaler Begriff des Verſtandes. Er wird von dem Denken erkannt, wenn die wirkende Urſache und der Zweck erkannt und in ihr Allgemeines erhoben worden ſind, ſo daß die Urſache aufhört als vorangehendes ein einzelnes folgendes zu bedingen und der Zweck nicht mehr nach einem einzelnen Ziele hinſtrebt, ſondern jene als Nothwendigkeit, dieſer als eine Anderes beſtimmende Macht gedacht wird. Die aus der wirkenden Urſache und dem Zwecke eines Gegenſtandes erkannten Gründe nennt Trendelenburg Gründe der Sache. Es iſt möglich, daß der Sachgrund direct auf unſere Sinne wirkt, ſo daß wir ihn unmittelbar erfaſſen können. Aber in den meiſten Fällen wird er unſerem Geiſte verborgen ſein. Denn die Thätigkeit, welche den