wo er in der trefflichen Pension der würdigen Madame Vautier, deren„altmodische Haube“ sein besonderes Wohlgefallen erregt, fast als Stammgast betrachtet wird. Auf einer dieser Reisen an den Genfer See, die er in Begleitung seiner Tochter HFanny im Frühjahre 1863. machte, wohnte er auch zwei Tage bei Schönbeini) in Basel, Liebigs und Wöhlers gemeinsamem Freunde. Der zeigte ihm auch„allerlei kuriose Versuche,“—„unter anderen auch den, daß, wenn man einen erhitzten Platindraht über Ammoniak hält, sich Nebel von salpetrigsaurem Ammoniak bilden.“ Wöhler nimmt die Sache sofort auf und findet,„daß, wenn man eine etwa zwei Zoll lange Spirale von Platindraht glühend über konzentriertes Ammoniak in einem Kolben hält, sie so lange glühend bleibt, als Ammoniak da ist. Es dauert dies eine ganze Stunde. Das Ammoniak wird dann gelb von gebildetem Salz, aus dem man mit Schwefelsäure rote Dämpfe austreiben kann. Wässerige schweflige Säure gibt sogleich dicke Dämpfe von Schwefelsäure, aber nur einen Moment, und der Draht glüht nicht fort.“ Bei Schönbeins lernen Wöhler und Fanny auch das in Basel wohnende lebhafte 75 jährige Fräulein Charlotte Kestner kennen, eine Tochter von Goethes Lotte. Selbst noch im Alter von 72 Jahren weilt Wöhler— zum letztenmale— in Begleitung seiner Tochter Fanny an seinem geliebten Genfer See, der schon auf Davy und Faraday eine so große Anziehungskraft ausgeübt hatte, und schreibt von Vernex aus am 18. Sept. 1872 an Liebig voller Begeisterung:„Von der Morgensonne wunder- voll beleuchtet liegen die Savoyer Berge wieder in vollem Glanze vor uns, der blaue See ist spiegelglatt, und wir freuen uns dieses Stückes glücklichen Daseins ungetrübt, solange es noch währen kann.“ Dann erzählt er ihm, wie er jetzt mit zwei alten Berliner Bekannten zusammen- wohnt, die zufällig auch an den Genfer See geraten sind, mit Poggendorff und Ehrenberg'). „... ein merkwürdiges Zusammentreffen von alten Hàusern, unter denen Du, der 72 jährige, noch der Jüngste warst,“ nennt Liebig es in seiner Antwort.
Im Frühjahr des gleichen Jahres(1872) hatte Wöhler, um sich von einem leichten Un- wohlsein zu befreien, in Reichenhall, wo Liebigs ältester Sohn Georg Arzt war, Aufenthalt genommen, Liebig hatte sich auch eingefunden, und die beiden Freunde hatten lange Spazier- gänge zusammen gemacht, die Reize der herrlichen Alpennatur in vollen Zügen genießend. Als Wöhler und Liebig auf dem Bahnhofe in München Abschied von einander nehmen, ahnen sie nicht, daß sie sich zum letztenmale die Hände reichen. Am 18. April des folgenden Jahres (1873) erhielt Wöhler in Hanau, wo er sich, von Wiesbaden kommend'), bei seinem Schwager vorübergehend aufhielt, die Nachricht von Liebigs Tode. Wöhler hat seinen Freund um nahezu ein Jahrzehnt überlebt; im Laufe dieses Zeitraums hat er Göttingen kaum mehr verlassen. Nur einmal noch— im Jahre 1875— hat er mit seiner Tochter Fanny einen Ausflug nach dem Bodensee gemacht. Es war ein ruhiges, beschauliches Leben, das er nunmehr führte. Er war, wie er selbst einmal sich ausdrückte,„mit allem, was den Menschen erfreuen kann, mit Geld und Gut, mit Ehren und Anerkennung, mit dem Besuch fremder Länder, mit dem Anblick des Meeres und der Alpen gesättigt.“ Die äußere Anerkennung der Zeitgenossen hatte Wöhler in der Tat nicht gefehlt. Kaum eine Akademie der Wissenschaften, kaum eine gelehrte Gesell- schaft, die nicht eine Ehre darin erblickt hätte, den Namen Wöhler in ihre Listen einzutragen. Er war Foreign Associate(sprich: förin ässoschiät) of the Royal Society(korrespondierendes Mitglied der königl. Gesellschaft) seit 1854, auswärtiges Mitglied der Berliner Akademie der Wissenschaften seit 1855, Associé étranger de l' Institut de France seit 1864. Schon im Jahre 1848 hatte ihm die philosophische Fakultät in Gôttingen den philosophischen Doktorgrad ver- liehen, 1873 wurde er, gelegentlich seines medizinischen Doktorjubiläums, von der Universität Dorpat zum Doktor der Chemie, 1875, bei der Feier seines Amtsjubiläums, von der Universität Tübingen zum Doktor der Naturwissenschaften ernannt. Er war Ehrenbürger der Stadt Göttingen. Im Jahre 1872 empfing er von der Royal Society die Copley-Medaille, die höchste wissenschaft- liche Auszeichnung, die sie zu vergeben hat. Von der Medaille, die Deville ihm zu Ehren von dem ersten Barren Aluminium, den er gewonnen hatte, prägen ließ, haben wir schon genört, ebenso, daß Napoléon III. im März 1855 Wöhler zum Offizier der Ehrenlegion ernannte. Unter den vielen anderen Orden, die seine Brust schmückten, verdienen der von König Max ll. von
¹)y Christian Friedrich Schönbein(1799- 1868), seit 1828 Prof der Chemie an der Univ. Basel. Er entdeckte das Ozon(1830), die Schießbaumwolle(1845), das Kollodium(1846).— Liebig beneidete, wie wieder- holte Kußerungen in seinen Briefen an Wohler dartun, Schonbein um seinen guten Humor, seinen Magen und seine Trinkfestigkeit, Wöhler ahnlich den„originellen Kerl“ um„seine Rhinoceroshaut“. Allerdings heißt es später in einem Briefe Wöhlers an Liebig vom Jan. 1866:„Von Schönbein habe ich einen komischen Brief. Er hat in hohem Grade Zipperlein und Gelenkrheumatismus gehabt und muß im Sommer zur Strafe seiner Sünden in ein langweiliges Bad.“
²) Christian Gottfried Ehrenberg(1795— 1876), berühmter Infusorienforscher(„Die Infusionstierchen als voll- kommene Organismen,“ mit 64 Kupfertafeln), seit 1827 Prof. der Medizin in Berlin, begleitete 1829 Alex. v. Humboldt durch Asien.—
³) Wöhler hatte einen kürzeren Kuraufenthalt in Wiesbadengenommen und wohnte dort im Hotel„Zur Post“, wo er 44 Jahre zuvor schon einmal gewohnt hatte.. eV 13134
36


