Aufsatz 
Friedrich Wöhler, der Arbeitsgenosse und Freund Justus Liebigs
Entstehung
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Bayern gestiftete Maximilians-Orden für Wissenschaft und Kunst sowie der hohe preußische Orden pour le mérite besonders erwähnt zu werden. Zahllos sind die Beweise der Liebe und Ver- ehrung, die ihm von seinen Schülern und Fachgenossen bei den verschiedensten Gelegenheiten zu teil geworden sind. An dem Tage, an dem er das 60. Lebensjahr vollendet hatte, überreichten ihm seine Schüler eine goldene Gedächtnismedaille mit seinem Porträt. Nicht minder festlich ist die 70. Wiederkehr seines Geburtstages begangen worden, auch das fünfzigjährige Jubiläum seiner bahnbrechenden Entdeckung der Synthese des Harnstoffs ist nicht ungefeiert geblieben. Besonders festlich gestaltete sich die Feier seines Eintrittts in das 81. Lebensjahr. Schüler, Freunde und Fachgenossen des Gefeierten aus aller Herren Ländern widmeten ihm zwei herrliche Gaben, ein lebensgroßes Reliefporträt aus carrarischem Marmor, in einem reichgegliederten Rahmen von Bronze gefaßt, und eine in verkleinertem Maßstab ausgeführte Gedächtnismedaille, beide die Inschrift tragend: FRIDERICO WOEHLER NATVRAE INDAGATORI SAGACISSIMO IN MEMORIAM NATALICIORVM OCTOGESIMORVM XXXI IVLII A MDCCCLXXX FAVSTE PERACTORVM DISCIPVLI AMlC COLLEGAE

(Friedrich Wöhler, dem scharfsinnigen Naturforscher, zur Erinnerung an die glückliche Vollendung des 80. Lebensjahres, 31. Juli 1880, seine Schüler, Freunde und Fachgenossen). Am 31. Juli 1880 wurde die Ehrengabe Wöhler mit einem Glückwunschschreiben überreicht. Schon früher, im Jahre 1868, war dem verdienten Manne eine besondere Ehrung widerfahren, die ihm viel Freude bereitet hatte: Liebigs und Wöhlers lebensgroße Marmorbüsten wurden über dem Eingang des chemischen Instituts des neuen Münchener Polytechnikums(jetzt technische Hoch- schule) aufgestellt.

Die letzten Lebensjahre des greisen Gelehrten verliefen still und friedlich. Immer noch war er der offizielle Leiter des chemischen Instituts, hatte aber schon längst die Bürden des Amtes auf jüngere Schultern abgeladen, nur die kleinen Geschäfte, die mit dem Sekretariat der Göttinger Sozietät der Wissenschaften verbunden waren, hatte er beibehalten. Sein Geist war noch voll- kommen frisch, seine Handschrift fest wie in jüngeren Jahren, seine Sinne waren scharf, er konnte die kleinste Handschrift noch ohne Brille lesen, und er las noch viel, Wissenschaftliches, Literarisches, Romane, Reisebeschreibungen, Geschichtliches. Auch stand er noch in regem Brief- wechsel mit Freunden. In einem Briefe, den er zu damaliger Zeit schrieb, heißt es:Ich führe ein beschauliches, zufriedenes und resigniertes Leben. Von keinem der gewöhnlichen Alters- gebrechen heimgesucht, mich eines glücklichen Familienlebens erfreuend und versehen mit allem, was für das äußere Leben wünschenswert ist, könnte ich ganz glücklich dem Schlusse des Daseins entgegensehen, wenn nicht die Betrachtung, wie so ganz nutzlos ein solches Leben ist, mich öfters tief verstimmte. Doch sind solche Launen von kurzer Dauer, und ich beruhige mich mit der Er- kenntnis, daß zu nichts mehr die Kräfte reichen. Abends spielte Wöhler gewöhnlich mit einigen Freunden oder mit Familienmitgliedern Whist, für welches Spiel er, wie Liebig, eine Leiden- schaft hatte. Nach demSpielchen folgte das einfache Abendbrot; dann blieb er im Kreise der Seinigen, wenn er nicht auf seine Stube, oder wie er es nannte, in seineHöhle sich zurück- zog, wo noch einige Zeit der Lektüre gewidmet wurde. Er erfreute sich bis an sein Ende eines gesunden, Geist und Körper erquickenden Schlafes. Bei der Einfachheit und Regelmäßigkeit, mit der Wöhler lebte, schien es, als ob er das 90. Jahr erreichen sollte. Bei vollkommener Gesundheit feierte er noch am 31. Juli 1882 den Eintritt in sein 83. Lebensjahr. Am 19. Sept. des gleichen Jahres trat plötzlich bei ihm ein heftiger Fieberfrost ein. Die herbeigerufenen Arzte stellten die Symptome eines Ruhranfalls fest. Die Krankheit verschlimmerte sich rasch, und bald zeigte es sich, daß jede Rettung ausgeschlossen sei. Am 23. Sept. 1882, in der 10. Morgenstunde, schlummerte er sanft hinüber. So hatte dieses schöne Leben in einem schnellen, schmerzlosen Tode einen schönen Abschluß gefunden. Zu Häupten des mit Blumen wahrhaft überschütteten Sarges hatte eine sinnige Hand die lorbeergeschmückte Büste Liebigs aufgestellt. Über dem Grabe Wöhlers erhebt sich kein Denkmal von Erz oder Marmor. Eine einfache Steinplatte mit dem Namen Friedrich Wöhler bezeichnet, seinem Wunsche gemäß, die Stätte, wo er ruht. Seinen Schülern, Freunden und Fachgenossen war es gleichwohl ein Herzensbedürfnis, ihm als Zeichen ihrer Dankbarkeit, Verehrung und Bewunderung in Göttingen, der Stadt, in der er fast ein halbes Jahrhundert lang gewirkt hatte, ein Standbild zu errichten. Es ist aus Erz gegossen und stellt den berühmten Forscher in lebenswahrer Haltung dar, mit der Linken den Mantel zusammen- raffend, die Rechte wie zum Dozieren erhoben. Die feierliche Enthüllung fand am 31. Juli 1890 statt, dem Tage, an dem er sein 90. Lebensjahr vollendet hätte. Die Weiherede ¹) hielt August Wilhelm Hofmann, der Schüler und einstige Assistent Justus Liebigs.

¹) Vergl.Justus von Liebig. Friedrich Wöhler. Zwei Gedächtnisreden von Aug. Wilh. von Hofmann. Leipzig, Veit& Comp. 1891. pzig, P

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