den alten Ouäker, den berühmten Chemiker und Physiker John Dalton ¹). Die Rückreise machte Wöhler allein und traf in Bonn nach Verabredung mit Berzelius zusammen, der von Paris kam undlseinen ehemaligen Schüler bis Kassel begleitete. Einen Abstecher nach dem„Land, wo djie Zitronen blühn,“ machte Wöhler zusammen mit seiner Frau und Buff im Herbste 1843, im Anschluß an den Besuch der deutschen Naturforscherversammlung in Graz. Während aber dieser Ausflug sich auf Oberitalien und die Borromeischen Inseln beschränkte, ging es in den Jahren 1846 und 1847 beidesmal bis nach Neapel, das von Genua aus zu Schiff erreicht wurde, während die Rückreise über Rom angetreten wurde. Das erstemal, 1846, geschah die Reise in Gesellschaft seiner Frau und des Prof. der Medizin in Göttingen Hofrat Konrad Fuchs nebst Frau, das zweitemal zusammen mit seinem Freunde, dem Physiker Peter Rieß*²). Auf seiner zweiten Reise, 1847, wollte er Liebig mitnehmen, aber der hatte trotz aller Lockungen mit der südlichen Pracht und Herrlichkeit und dem Blick in den Krater des Vesuvs abgelehnt und den Gegenvorschlag gemacht, mit ihm in den Odenwald zu gehen, doch Wöhler schrieb zurück: „Deine Einladung in den Odenwald ist sehr verführerisch, aber diese kleine Natur genügt mir nicht. Ich muß Alpenzacken und Gletscher und Meer sehen, wenn ich mich erholen und Leib und Seele stärken soll.“ Wöhler blieb auf dieser zweiten Reise vierzehn Tage in Neapel und vierzehn in Rom. In Neapel traf er Piria), der Grüße an Liebig bestellte.„Ich war,“ schreibt Wöhler an Liebig, „mit ihm und Scacchi¹) und meinem Reisegefährten Peter Rieß auf dem Vesuv, wo wir Zeuge der prächtigsten Eruptionen und Lava-Ergüsse waren.“ Ob Liebig, der vorher geschrieben hatte: „Was hat man denn davon, in den Krater des Vesuvs geguckt zu haben. Ich gehe in den Oden- wald und trinke Bergsträßer,“ nicht doch nachträglich etwas Reue bekommen haben mag?!⁵) Im Frühjahre 1862 nahm Wöhler mit seiner Tochter Fanny einen längeren Aufenthalt in Venedig.„Es ist in der Tat wundervoll hier;“ schreibt er darüber an Liebig,„es ist die merkwürdigste Stadt, die es gibt, alles sonderbar, eigentümlich und anders als sonst in der Welt.— Unser Hauptvergnügen und für mich die Hauptkur sind unsere Wasserfahrten, deren wir täglich in der Regel mehrere machen; heute noch weit hinaus bis Malamocco, einem Ort auf dem süd- lichen Teil des Lido, dem großen natürlichen Damme zum Schutz der Lagunen gegen das Meer. Es gibt nichts Großartigeres als der Anblick des weiten Meeres, nichts Erquickenderes als das Einatmen der reinen warmen Meeresluft.“ Im Herbst 1851 bereist er mit seiner ältesten Tochter Sophie das herrliche Berner Oberland und erfreut sich an dem Anblick dieser ungeheuren Gebirgsnatur, besonders auf den äußerst bequemen, tagelangen Ritten über die Gebirgspässe. Als Liebig im Jahre 1852 nach München übersiedelt, freut sich Wöhler, daß er nun künftig für die Ferien ein sicheres Reiseziel habe, und hofft, daß sie noch manchmal zusammen die Frien im bayerischen Gebirge zubringen werden. Und in der Tat gelingt es den Freunden in der Regel, wenigstens einmal im Jahr zusammenzutreffen, und in den meisten Fällen ist es, trotz des unvermeidlichen Kalbfleisches, über das sich Liebig beklagt, das bayerische Gebirge, Tirol oder das Salzkammergut, wo man sich am behaglichsten fühlt. Wenn Liebig verhindert ist mitzugehen, dann müssen die anderen Freunde in die Bresche springen, und Liebig erhält eine kurze Schilderung der Reise zugesendet. So macht Wöhler im Jahre 1868 einen Frühlings- ausflug mit Buff, Kopp und Bunsen durch das Lahntal nach dem Nahetal bis Oberstein. „Unsere kleine Reise,“ so schreibt er darüber an Liebig,„war sehr angenehm und vom herr- lichsten Wetter begünstigt. In Oberstein gedachten wir Deiner bei köstlichem Scharlachberger. Die Fahrt durch das Nahetal mit seinen achtzehn Tunnels war prächtig. In Oberstein, dem Ziel der Reise, blieben wir über Nacht und besahen die Achatschleifereien.“ Die größte Anziehung jedoch für Wöhler, wenn er nicht in Gesellschaft von Liebig reisen kann, hat stets der Genfer See, und zumal die Umgebung des am nordöstlichen Ufer so lieblich gelegenen Montreux,
¹) John Dalton(sprich daolt'n), geb. 1766 als Sohn eines armen Wollwebers, gest. 1844 in Manchester als Lehrer der Mathematik und Physik. Er untersuchte die physikal. Eigenschaften der Gase und entdeckte 1802 das nach ihm benannte Dalton'sche Gesetz über die Partialdrucke der Gase(Diffusionsgesetz der Gase). 1807 entdeckt er das Gesetz der multiplen Proportionen, stellt 1808 im Anschluß daran im ersten Band seines Werkes: New System of chemical philosophy die atomistische Theorie auf und zeigt, wie man die relativen Atomgewichte der Elemente bestimmen kann. Bereits 1794 hatte er, an seinen eigenen Augen, die Farbenblindheit(„Daltonismus“) entdeckt.
²) Peter Theophil Rieß(1805—1883), Berliner Physiker, seit 1842 Mitgl. der Akad. der Wissenschaften, arbeitete. hauptsächlich über Reibungselektrizität, untersuchte die Verteilung der Elektriz. auf Leitern, die elektr. Influenz usw. Von ihm stammt die scherzhafte Definition: die Chemie sei der unreinliche Teil der Physik
³) Raffaele Piria(1815— 1865), Schüler von Dumas, Prof. der Chemie in Pisa und später in Turin, lieferte denkwürdige Arbeiten über die Glykoside Salicin(aus der Weide) und Populin(aus der Pappel), führte 1838 das Salicin in Salicylaldehyd über, aus dem er 1839 durch Schmelzen mit Kalihydrat die bis dahin unbe- kannte Salicylsäure, Ortho(1, 2)-Oxybenzoësäure, CaH.OH. COOH, herstellte, die man später im freien Zustande in den Blüten von Spiraea ulmaria und als Methyläther im Wintergrünél entdeckt hat.
¹) Arcangelo Scacchi(Sprich arkändschelo Hkäcki), 1810— 1893, seit 1842 Prof. der Mineralogie in Neapel, schrieb über die Vulkane Calabriens und gab einen„Katalog der vesuvischen Mineralien“ heraus.
⁵) Es scheint so, denn zehn Jahre später(1857) hat Liebig doch in den Krater des Vesuvs geguckt und war hoch befriedigt davon(„Briefwechsel“, L. an W., 23. 10. 57).
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