Aufsatz 
Friedrich Wöhler, der Arbeitsgenosse und Freund Justus Liebigs
Entstehung
Einzelbild herunterladen

trachten, man nimmt wieder ein Buch in die Hand oder setzt sich hin zum Briefschreiben. Und nun erzählt er Liebig:Erst an der See, von Toulon an, kamen wir in Frühlingswärme und fuhren in einer Fülle von jungem Grün durch die Orangen- und Citronenpflanzungen. Kein schönerer Weg als diese Eisenbahnfahrt am blauen Meere mit seinen malerischen Buchten und Vorgebirgen! Es ist ganz so wie die Fahrt, die wir vor einem Jahre von Nervi aus machten. Bei Toulon und in noch grõößerer Zahl bei Monaco sieht man die ersten schlanken Dattelpalmen, die sich so malerisch gegen den blauen Himmel oder das Meer abheben. In Nizza stehen sie in Menge auf allen Promenaden, so auch hier in Mentone, wo sie nur in wenigen Gärten fehlen. Erhöht wird noch das Fremdartige der Vegetation durch die kolossalen Kaktus und Agaven. Mentone ist nur ein kleiner Ort, an der steilen Küste zum Teil hinauf gebaut; zwischen Olivenwäldern eine Reihe guter Hotels mit schönen Gärten dicht am Meere. Von unserer Wohnung aus kann man sehr früh morgens, wenn die Luft klar und die Sonne noch nicht ganz aufgegangen ist, sehr deutlich die bergige Westküste von Corsica sehen. Eine Woche später(am 5. April 1870) schildert er Liebig einen Ausflug nach Bordighera:Gestern machten wir mit Merck') eine Fahrt nach Bordighera, berühmt durch seinen kleinen Wald von Dattelpalmen, der jährlich für den Palmsonntag die Palmenwedel nach Rom liefert. Die Fahrt dauert bis hin gegen drei Stunden. Der Weg entfernt sich selten vom Meere, das man oft in schwindelnder Höhe unter sich hat, und geht meist durch Citronen- und Olivenpflanzungen, mit den prächtigsten Aussichten auf die Buchten, Landzungen und malerisch gelegenen Ortschaften. Meisterhaft versteht er es auch, den Zauber des deutschen Frühlings zu malen. Von Göttingen aus schreibt er am 7. Mai 1841 an Liebig:Die Akazie vor meinem Fenster ist wieder mit jungem Grün bedeckt und reicht mit ihren Zweigen in meine Stube hinein. Alle Bäume in meinem Garten, in den ich von meinem Schreibtisch aus sehen kann, blühen und duften; auf der einen Linde sitzt schon seit drei Tagen eine Nachtigall und ist unermüdlich in ihren Liebesliedern. Vom Reisen war Wöhler, im Gegensatz zu Liebig, der sich zu Hause behaglicher fühlte, ein großer Freund. Seine Reisen dienten ihm, besonders in jüngeren Jahren, des öfteren zur Belehrung, meistens aber zur Er- heiterung und Auffrischung des Geistes. Von seiner dreimonatlichen Reise in Schweden und Norwegen unter Berzelius' Führung haben wir schon erzählt. Von Kassel aus machte er im Jahre 1833 mit Gustav Magnus eine vierwöchentliche Reise nach Paris,deren Hauptzweck war, die dortigen chemischen Fabrikationen kennen zu lernen. Bei dieser Gelegenheit wurde er mit allen damaligen chemischen Berühmtheiten Frankreichs persönlich bekannt, mit Gay-Lussac, Dumas, Thénard, Pelouze, Ampère*), Arago?), Chevreul¹), Dulongs). Dem Umstande, daß Wöhler mit den beiden Brongniart(Vater und Sohn) von seiner Reise in Schweden und Norwegen her sehr befreundet war, verdankten es die beiden Reisenden, daß sie eine ganze Reihe von Einladungen zu Gesellschaften und Diners bei den genannten chemischen Notabilitäten erhielten. Auch einer Institutssitzungé6) wohnten sie bei, wobei sie auf Gay-Lussacs Ein-

¹) Die bekannte Darmstädter Familie(Merck'sche Apotheke und Merck'sche Chemische Fabrik).

²) André Marie Ampère(1775 1836), genialer Pariser Physiker und Chemiker, arbeitete über Magnetismus und Elektrodynamik(Ampère'sche Theorie des Magnetismus, Ampdère'sche Schwimmerregel, elektrodynamisches Fundamentalgesetz). Er betrachtet zuerst(1810) die Flußsäure, in Analogie der Salzsäure, als Wasserstoff- säure und kommt 1814, von ähnlichen Ausichten ausgehend wie der Turiner Physiker Graf Amedeo Avogadro di Quaregna e Ceretto(1776-1856), zur Bestätigung der von diesem 1811 aufgestellten sog. Avogadro'schen Regel, des Fundamentes der ganzen modernen theoret. Chemie. Auch die Ammoniumhypothese(NH gleich

Am) ist 1816 dem ahnenden Geiste Amperes entsprossen. Ihm zu Ehren hat man die technische Einheft der StromstärkeAmpeère genannt.

²) Frangçois Dominique Arago(17861853), Physiker, Astronom und Staatsmann, seit 1830 Direktor der Pariser Sternwarte, arbeitete über Polarisation des Lichts, über Galvanismus und Magnetismus.

) Michel Eugène Chevreul(17861889), berühmter Pariser Chemiker, arbeitete über Farben- und Fettchemie.

Er stellte 1811 den Farbstoff des Blauholzes, das Hämatoxylin, und den des Rotholzes, das Brasilin, in freier Form dar, desgl. 1812 das Indigweiß. 1816 erklärt er die Verseifung als einen auf der Verbindung von Alkali mit den sauren Substanzen im Fett und auf der Ausscheidung von Glycerin beruhenden Vorgang und entdeckt 1818 die Buttersäure, die Capronsäure und die Valeriansäure. Eine Frucht von Chevreuls Arbeiten war die Fabrikation der Stearinkerzen und des Glycerins.

) Pierre Louis Dulong(1785 1838), Pariser Chemiker und Physiker, arbeitete über Wärme(bestimmt mit Hilfe eines von ihm konstruierten Wassercalorimeters die Verbrennungswärme einer großen Anzahl von Substanzen; Dulongs Formel zur Berechnung der Heizkraft der Brennmaterialien). Er entdeckt 1811 den Chlorstickstoff, NOh., einen äußerst explosiven Stoff(Dulongs explosives 61*), dessen Entdeckung ihn ein Auge und drei Finger kostet, und macht 1819(in Gemeinschaft mit Alexis Thérèse Petit) die Entdeckung, daß das Produkt aus spezifischer Wärme und Atomgewicht, die sog. Atomwärme, für die meisten festen Elemente, insonderheit die Metalle, annähernd gleich ist, namlich ungefähr 6,4(Dulong-Petit'sches Gesetz).

*)Institut de France ist der Gesamtname der fúnt in Paris bestehenden gelehrten Gesellschaften oder Aka- demien: 1. Klasse, Académie frangçaise, sie umfasst 40 Mitglieder(les quarante immortels, die vierzig Unsterblichen) und ist der Pflege der franzôs. Sprache und Literatur geweiht, auch mit der

Redaktion desDictionnaire beauftragt; 2. Klasse, Académie des inscriptions et belles-lettres; 3. Klasse, Académie des sciences, für Mathematik, Naturwissenschaften, Geographie und Medizin; 4. Klasse,

33