Aufsatz 
Friedrich Wöhler, der Arbeitsgenosse und Freund Justus Liebigs
Entstehung
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bald dieser jenen durch eine Kiste Wein oder spaàter, von München aus, durch ein Fäßchen Bock- bier.Tausend Dank für den Bock, schreibt Wöhler bei Gelegenheit einer solchen Sendung, das ist ja ein wahrer Nektar, und selbst meine Frauensleute sind ganz versessen darauf. Unterm 9. Dez. 1868 geht von Göttingen aus eine Sendung an Liebig ab mit der Benach- richtigung:Hierbei ein holländischer Käse und ein Fäßchen Kaviar, die von Dir verspeist zu werden wünschen. Eine große Rolle spielen auch die Sendungen von Zigarren, die zwischen Göttingen und Gießen und später zwischen Göttingen und München fast ständig unterwegs sind. Denn beide Freunde sind leidenschaftliche Raucher, zumal Wöhler, der einmal einem nicht- rauchenden Kollegen die tröstliche Bemerkung machte, man habe Beispiele, daß auch Nichtraucher erträgliche Chemiker geworden seien; der Fall komme aber doch selten vor. Etwa ein Jahr vor seinem Tode schreibt Liebig an Wöhler, nachdem er ihm den Tod eines gemeinsamen guten Bekannten gemeldet hat:So geht denn einer nach dem andern hin. Nun will ich auch keine schlechten Zigarren mehr rauchen, wie lange kann ich noch gute rauchen?

Mit tiefer Rührung ersehen wir aus dem Briefwechsel aber auch immer wieder, wie lieb die beiden Freunde einander haben, und wie besorgt einer um des andern Gesundheit ist. Am 27. Dez. 1857 schreibt Liebig an Wöhler:Das Vergnügen, welches ich habe, wenn ich auf der Adresse eines Briefes an mich Deine Hand erkenne, ist immer neu für mich; denn keiner Deiner Briefe, soviel ich auch schon empfangen habe, hat mir jemals etwas anderes als Angenehmes gebracht. In einem Briefe vom 15. März 1861 gibt Wöhler seiner Sehnsucht nach dem Freunde folgenden innigen Ausdruck:Könnte ich doch den Rest meines Lebens mit Dir zubringen! und zum neuen Jahre 1866 gratuliert er Liebig mit den Worten:Von ganzem Herzen erwidere ich Deine Glückwünsche zum neuen Jahre; möge es uns Gesundheit, Heiterkeit und jugendlichen Sinn erhalten! Als Wöhler im Frühjahr 1870 leidend ist, rät ihm Liebig, einen längeren Urlaub zu nehmen, und richtet bei dieser Gelegenheit an Wöhlers Tochter Fanny, seine Freundin, die rührenden Worte:Liebe Fanny, hilf mir ein wenig, Deinen Vater zu bestimmen, daß er meinen Rat befolgt. Ich möchte gern noch die paar Jahre, die uns noch vergönnt sind, mit ihm zusammen auf der Welt sein. Ich liebe Euch unbeschreiblich. Am Sylvestertage des Jahres 1871 schreibt Liebig, der im Sommer des vorhergehenden Jahres eine schwere Krankheit durchgemacht hatte, seinem Freunde Wöhler die denkwürdigen Worte:lch kann das Jahr nicht ablaufen lassen, ohne Dir noch ein Zeichen meiner Fortexistenz zu geben und die herzlichsten Wünsche für Dein und der Deinigen Wohl im neuen auszusprechen Lange werden wir uns Glückwünsche zu neuen Jahren nicht mehr senden können; aber auch wenn wir tot und längst verwest sind, werden die Bande, die uns im Leben vereinigten, uns beide in der Erinnerung der Menschen stets zu- sammenhalten, als ein nicht häufiges Beispiel von zwei Männern, die treu, ohne Neid und Mißgunst, in demselben Gebiete rangen und stritten und stets in Freundschaft eng verbunden blieben. Wöhler erwidert hierauf am 7. Jan. 1872:Herzlichen Dank für Deinen liebenswürdigen Brief vom 31. Dez. und Deine Giückwünsche zum neuen Jahr. Ich schäme mich, die meinigen Dir nicht zu rechter Zeit dargebracht zu haben. Nimm sie, so spät sie kommen, jetzt noch an, sie kommen aus vollem Herzen. Ich preise meinen guten Stern, der mich noch das zweiundsiebzigste Jahr erleben ließ, um durch Deine liebevollen Ausdrücke der treuesten Freundschaft erfreut zu werden. So vielerlei Gedanken drängen sich auf über die lange Vergangenheit die am Ende doch nur so entsetzlich kurz war und den noch so kurzen Rest von Zukunft; aber ich will sie unter- drücken, jeder fühlt und sagt sich ja das alles selbst.

Der hervorstechendste Zug in Wöhlers Wesen war seine Freude an der Natur. Sie gibt sich kund in seiner nie nachlassenden Lust am Experimentieren, sie offenbart sich im Sammeln von Mineralien Wöhlers Sammlung enthielt die glänzendsten Erzstufen, die prachtvollsten Kristalldrusen, die seltensten Meteorite¹) sie zeigt sich vor allem in seiner Begeisterung für die Herrlichkeiten der Alpenwelt und die erhabene Gréße des Meeres. Wie wird er poëtisch, wenn er seinem Freunde Liebig schildert, was er auf seinen Reisen sieht und erlebt.Der Himmel ist heute grau, schreibt er ihm am 30. März 1870 von Mentone aus,es weht ein garstiger Nord-Ost, die Meeresbrandung unter unseren Fenstern hört nicht auf zu brausen und zu donnern, Schwärme von großen und kleinen Möven suchen in den zierlichsten Flugbe- wegungen auf den Wellen ihren Raub zu erhaschen; das alles wird man zuletzt müde zu be-

¹) In einem Briefe an Liebig vom 12. Nov. 1851 heißt es:Du bist die Güte selbst, daß Du auf mein kindisches Gelüste nach Meteoreisen, das seit einiger Zeit zu einer kleinen Passion bei mir geworden ist, Rücksicht ge- nommen und mir das Stückchen Toluca-Eisen geschenkt hast Es ist durch dic scharf ausgeprägten Atzfiguren sehr ausgezeichnet. Diese Massen haben einen so großen Reiz durch das geheimnisvolle Dunkel ihres Ur- sprungs, jedenfalls schon durch die Betrachtung, daß sie von jenseits unserer Atmosphäre kommen, und daß sie ursprünglich nicht zu unserem Pianeten gehôrten. Und zwanzig Jahre später, am 1. Dez. 1871, schreibt er Liebig:Von Nordenskjôld habe ich bedeutende Stücke von den kolossalen Meteorcisenmassen, die er auf Grônland entdeckt hat, erhalten und bin mit der Analyse beschäftigt. Wöhler hat übrigens auch nach⸗ gewiesen, daß das Eisen in den Meteoriten passiv ist, d h. die Fähigkeit verloren hat, Kupfer aus neutralen Lösungen des Sulfats zu fällen, welche Fähigkeit jedoch durch äußere Einflüsse wiedergewonnen wird.

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