Aufsatz 
Friedrich Wöhler, der Arbeitsgenosse und Freund Justus Liebigs
Entstehung
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Die Vögel in der Nachbarschaft wußten es wohl; in dichten Schwärmen erschienen sie im Winter vor seinem Fenster, das seine mildtätige Hand auch alsbald öffnete, um ihnen den Frühstücks- tisch zu decken. Zufriedenheit und Heiterkeit pflegte Wöhler über alles zu schätzen, und charakteristisch für ihn sind die Worte, mit denen er seinen Freund Liebig, der öfters an melan- cholischen Stimmungen litt, zu trösten versuchte:Mögest Du auf dem Teppich der Zufriedenheit sitzen und die Sonne der Heiterkeit in Dein Gehirn scheinen!

Daß ein Mann wie Wöhler von vielen umworben wurde, die seine Freundschaft be- gehrten, ist begreiflich. Aber Wöhler war mit diesem köstlichen Gute nicht eben freigebig. Wem sich aber sein Herz einmal erschlossen hatte, dem gehörte er auch ganz und gar, dem bewahrte er unverbrüchlich die Treue. In seinem lebenslangen Verkehre mit Berzelius spiegelt sich dieser schöne Charakterzug. Das Gefühl der ehrerbietigen Bewunderung für den schwedischen Meister, das dem Jünglinge eingab, auf seiner Wanderung durch Ostgotland Roklösa aufzusuchen, um sich das Kirchenbuchi) zeigen zu lassen, in dem die Geburt seines Lehrers eingetragen war, dieses Gefühl war bei dem Manne zur Freundschaft geworden, die dem geliebten Lehrer willig Kraft und Zeit opfert, wenn es gilt, ihm literarisch(bei der Obertragung von Berzelius' Werken ins Deutsche) behilflich zu sein, dieses Gefühl hat sich im Alter zu einem Kultus gestaltet, in dessen Übung das Auge des Greises erglänzt, wenn der Name Berzelius über seine Lippe kommt*²). Diese unverbrüchliche Treue offenbart sich auch in seiner lebenslänglichen Freundschaft mit Hermann Kopp'), dem berühmten Geschichtsschreiber der Chemie, mit Heinrich Buff, dem früher schon erwähnten Gießener Physiker, mit seinen Berliner Freunden Eilhard Mit- scherlich, Heinrich Rose und Gustav Magnus, vor allem aber in seinem Freundschaftsbunde mit Justus Liebig. Das Schicksal hatte es so gewollt, daß gerade diejenigen seiner Freunde, die er am liebsten hatte, durch räumliche Entfernung von ihm getrennt lebten. Ein lebhafter Briefwechsel muß dann den Gedankenaustausch vermitteln. Für die Freunde Wöhlers bedeutet der Empfang eines Briefes von ihm jedesmal einen Festtag. In diesen Briefen, besonders aber in denen an seinen liebsten Freund, Justus Liebig, gewährt uns Wöhler Einblicke in die verborgensten Falten seines Herzens, wir lernen darin die ganze Lebensauffassung des Mannes kennen, wir erfahren seine Gewohnheiten, wir werden in seine Hoffnungen und Sorgen einge- weiht. Wie scharf porträtiert, um eine Probe herauszugreifen, doch Wöhler sich selbst in einem Briefe an Liebig vom 12. Nov. 1863:Meine Phantasie ist ziemlich beweglich, aber im Denken bin ich ziemlich schwerfällig. Niemand ist weniger zum Kritiker gemacht als ich. Das Organ für philosophisches Denken fehlt mir gänzlich, wie Du längst weißt, so gänzlich wie das für Mathematik. Nur zum Beobachten habe ich, wie ich mir einbilde, eine passable Einrichtung in meinem Gehirn, womit auch eine Art nstinkt, tatsächliche Verhältnisse vorauszuahnen, verbunden sein mag. Dieselbe Selbsterkenntnis und Bescheidenheit spricht sich auch in einem Briefe an Liebig vom 10. Mai 18490 aus:Wie gefallen Dir denn die Dinge, die jetzt wieder in der Welt vorgehen? Mir ist der jetzige Wahnsinn in der Welt im Grunde der Seele widerwärtig, auch fühle ich in meinem Schädel nicht das kleinste Organ zu dieser leidigen Politik. Niemand kann mit größerer Begierde und größerem Interesse die Ereignisse der Zeit verfolgen als ich, aber es ist mir nicht gegeben, mich aktiv dabei zu verhalten. Es wäre besser in der Welt bestellt, wenn tausende von anderen, die ebensowenig dazu berufen sind wie ich, es ebenso machten. Es ist der Fluch der Zeit, daß jeder Narr jetzt glaubt, in diesen Dingen mitsprechen und miturteilen und mitregieren zu müssen. Wir erfahren aus dem Briefwechsel zwischen Wöhler und Liebig aber auch, wie die beiden Freunde öfters mit allerhand Leibesstärkungen einander beschenken. Bald erfreut Wöhler seinen Freund Liebig durch ein Paket der berühmten Göttinger Würste,

¹)In dem Dorfe Roklösa. in einer der schönsten Gegenden Ostgotlands, verweilten wir einige Stunden bei dem ehrwürdigen Pfarrer Ek, einem Geschwisterkind von Berzelius, der mir das Kirchenbuch zeigte, in dem Berzelius' Geburt eingetragen war(20. Aug. 1779). Er war übrigens nicht hier, sondern in dem nahen Dorfe Wäfversunda geboren, dessen Kirchturm wir sehen konnten(Wôhler,Jugenderinnerungen eines Chemikers. Ber. chem. Ges. VIII, 846, 1875.) Wäfversunda liegt nicht fern vom Strande des Wettersees am Fuße des Ombergs.

²) Einen tiefen Einblick in das Verhältnis zwischen Berzelius und seinem Schüler und Freunde Wöhler gewährt uns der von O. Wallach in 2 Bänden herausgegebene Briefwechsel zwischen Berzelius und Wöhler in den Jahren 1824 1848(Leipzig, Engelmann, 1902).

³) Hermann Kopp(1817 1892), geb. in Hanau, 1843 Prof. in Gießen, seit 1864 in Heidelberg, der klassische Ge- schichtsschreiber der Chemie(sein Hauptwerk:Geschichte der Chemie, in 4 Bdn.); außerdem hervorragend auf dem Gebiete der theoret und physikal. Chemie(Gesetz von Neumann und Kopp: die Molekularwärme ist gleich der Summe der Atomwärméèn). Kopp redigierte 185171 mit Liebig und Wöhler dieAnnalen der Chemie und Pharmacie. Von ihm schreibt Liebig an Woôhler unterm 8. Nov. 1863:Du hast ganz recht, daß Kopp der Gründer des chemisch-physikalischen Gebietes ist, wodurch die theoretische Chemie eigentlich erst entstanden ist. Wir besitzen ein Gruppenbild von Liebig, Wohler, Bufft und Kopp: die vier Freunde sind um ein Tischchen gruppiert. Wöhler und Buff stehen dahinter, Liebig, einen Stock in der Hand haltend, sitzt, den rechten Arm auf das Tischchen gestützt, in einem Sessel, auf der andern Seite sitzt. auf einem Lehnstuhle der kleine Kopp undmacht, wie Wöhler sich einmal ausgedrückt hat,das bekannte Gesicht, wie wenn sein Unterleib nicht in gehöriger Verfassung wäre.

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