Henle ¹), der Geologe Wolfgang Sartorius von Waltershausen*) Auch Gäaste von auswärts fanden sich in dem gastlichen Hause des weltberühmten Göttinger Gelehrten des öfteren ein, so eines Tages der namhafte Münchener Mineraloge und Dialektdichter Franz von Kobellꝰ), der Verfasser des berühmten(in den„Gedichten in pfälzischer Mundart“ an erster Stelle stehenden) Gedichtes„S Lob vun Binge“, dessen erste Strophe im Originaltext folgendermaßen lautet:
„Die herrlichscht' Gegend am ganze' Rhei' Deß is die Gegend vun Binge',
Es wachst der allerbeschte Wei',
Der Scharlach wachst bei Binge',“
und das nicht bloß auf Binger Ansichtspostkarten, sondern jetzt sogar an den beiden Fassaden der Binger Weinschenke„Zum geschwollenen G prangt.
„Es hat mir Vergnügen gemacht,“ schreibt Wöhler unterm 7. Juni 1860 an Liebig,„von Kobell, den echten Münchener Bierkenner, hier in Göttingen mit einer Flasche Bock über- raschen zu können. Er hat sich hier ganz behaglich gefühlt. Er ist in der Tat ein humorvoller Gesellschafter. Als ich ihn mit Waltershausen, Henle und andern zu Tisch hatte, mußte er natürlich beim Champagner⁴), zum Ergötzen aller, einige seiner hübschen Gedichte zum besten geben.“ Den„Bock“ hatte Liebig aus München seinem Freunde als Geschenk übermittelt.
Von den Kindern aus Wöhlers erster Ehe bildete sich der Sohn August, auf den sich die Vorliebe seines Großvaters und Paten August Wöhler für den Feldbau vererbt hatte, zum Land- wirte aus und übernahm das früher im Besitze der Familie gewesene Landgut in Rödelheim, das schon die Großeltern bewirtschaftet hatten. Die älteste Schwester Sophie verheiratete sich mit dem Stadtsekretär in Hannover und späteren Oberbürgermeister von Göttingen Georg Merkel. Von den Kindern aus zweiter Ehe vermählte sich Liebigs Liebling Fanny mit dem Kapellmeister Karl Bargheer in Hamburg und Pauline mit dem Londoner Kaufherrn Otto Schmedes. Zwei Schwestern, Helene und Emilie, im Familienkreise Mix genannt, sind im elterlichen Hause geblieben und haben sich mit der Mutter in die Pflege des teuren Vaters geteilt.
Wöhler war nicht nur ein genialer Chemiker, er war auch ein Mensch von vortrefflichem Charakter und von tiefem Gemüte. Die Grundzüge seines Charakters waren unbestechliche Wahr- haftigkeit und echte Menschenliebe, sein inniges Gemüt offenbarte sich in seiner natürlichen Heiterkeit, in seinem lebhaften Sinn für die Freundschaft und in seiner schwärmerischen Be- geisterung für die Natur. Eine bessere Schilderung von Wöhlers Charakter könnten wir nicht geben, als wie sie in dem Glückwunschschreiben seiner Freunde, Schüler und Fachgenossen zur 80. Wiederkehr seines Geburtstags ihren Ausdruck gefunden hat:„Wir bewundern in Ihnen“, so heißt es darin,„den Forscher, wir verehren in Ihnen den Lehrer; aber es gibt noch einen Ruhm, der selbst über den Ruhm der wissenschaftlichen Tat und der segensreichen Lehrtäaätigkeit hinausreicht: es ist dies der Ruhm des hochherzigen Mannes. Auch mit diesem Ruhmeskranze ist Ihre Schläfe umwunden. Die gewonnene Ansicht ohne Rückhalt und ohne Scheu vertretend, aber gleichwohl lieber selber Unbill erduldend als anderen Wunden schlagend, fremdes Ver- dienst stets über das eigene stellend und fremden Erfolges wie des eigenen sich freuend, Schülern und Freunden mit offener Hand aus dem reichen Schatze der Erfahrung austeilend, haben Sie durch Ihr Leben das Ideal des erobernden Forschers, des weithin wirkenden Lehrers und des edelsinnigen Mannes verkörpert.“ Die unbestechliche Gerechtigkeitsliebe, die Wöhler in wissen- schaftlichen Fragen beseelte, regelte auch seine Handlungsweise in den Geschâften des gewöhn- lichen Lebens, gab sich auch im Alltagsverkehr mit der Welt zu erkennen. Das sich stets gleich- bleibende Wohlwollen für alle, die mit ihm zu tun hatten, war zur anderen Natur bei ihm geworden und stand unverkennbar in seinen freundlich-teilnehmenden Zügen zu lesen. Der Armut standen sein Herz und seine Börse immer offen. Im Winter namentlich ließ er seinen Wohltaàtigkeitssinn frei walten. Und diese Teilnahme erstreckte sich selbst bis auf die Tierwelt.
¹) Jakob Henle(1809— 1885), seit 1852 in Göôttingen als Prof. der Anatomie, vertrat im„Handbuch der ratio- nellen Pathologie“ die rationalistische Schule, die alle Krankheiten von den Nerven ausgehen ließ
(Neuropathologie).
*) Wolfgang Freiherr Sartorius v. Waltershausen(1809— 1876), seit 1847 Prof. in Göttingen, Geolog und
4 Vulkanolog, veröffentlichte Untersuchungen über den Atna und die vulkanischen Gesteine in Sizilien und lsland. Begleiter Bunsens bei dessen Studienfahrt nach Island 1846.
¹) Franz Ritter von Kobell(1803— 1882), geborener Münchener, seit 1826 Prof. der Mineralogie an der Münchener Hochschule, 1849 Konservator der mineralog, Staatssammlungen, erfand die Galvanographie(ein galvan. Vervielfältigungsverfahren) und neue Methoden zur Untersuchung der Mineralien auf chem. Wege. Er schrieb, außer fachwissenschaftlichen Werken,„Gedichte in oberbayrischer Mundart“ und„Gedichte in pfälzischer Mundart“. 2
¹) Wöhler war, wie aus diesem Briefe hervorgeht, kein Abstinenzler. In einem Briefe an Liebig vom 6. Febr. 1862 erzählt er, wie er eine Grippe gegen alle ärztliche Regel mit Austern und Rheinwein kuriert und nach Lust
Wein getrunken habe, auch um sein Herz zu prüfen, das er im Verdacht hatte, abnorm erweitert oder sonst fehlerhaft zu sein.
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