Aufsatz 
Friedrich Wöhler, der Arbeitsgenosse und Freund Justus Liebigs
Entstehung
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seines Freundes hält, hat er einmal in seiner drastischen Weise in einem Briefe an Wöhler ausgesprochen. Dieser hatte Liebig gebeten, einem Göttinger Studierenden einen Platz im Gießener Laboratorium zu geben.Es sind recht dumme Kerls, antwortet Liebig,die von Göttingen nach Gießen gehen, der Chemie wegen, vom Gaul auf den Esel. Von Wöhlers Schülern und Assistenten, die nachher als Lehrer an deutschen Hochschulen den Ruhm der Göttinger Schule verbreiten halfen, seien an dieser Stelle nur Hermann Kolbe¹), Rudolf Fittig?²), Friedrich Beilstein) hervorgehoben. Das Bild, das wir von unserem Freunde Friedrich Wöhler entwerfen wollten, würde ein unvollständiges sein, wenn wir nur seiner wissenschaftlichen Tätigkeit gedächten! Es gewinnt erst Fleisch und Blut, wenn wir auch die rein menschlichen Züge in das Gemälde eintragen. Wenn wir Wöhlers so überreich mit Erfolgen gekrönte Wirksamkeit betrachten, so drängt sich uns unwillkürlich der Gedanke auf, daß ihm diese goldenen Früchte, trotz seiner genialen Begabung, nur in den Schoß fallen konnten, weil sein Leben auch in rein menschlicher Hinsicht ein vollkommen harmonisches, in sich ge- festigtes und glückliches war. Hierzu trug nicht wenig die eiserne Gesundheit bei, deren er sich zeitlebens erfreuen durfte. Als Knabe zwar war er, obwohl aus gesunder Familie stammend, zart, beinahe schwächlich gewesen. Aber planmäßig durchgeführte körperliche CEbungen, Schwimmen, Reiten, Fechten, Jagd, hatten ihn dermaßen abgehärtet und seinen Körper gestählt, daß er zu einem kräftigen und gewandten Jüngling heranwuchs, dem es ein Leichtes war, über ein galoppieren- des Pferd zu springen. Für die edle Reitkunst hatte er, den Traditionen der Familie und der eignen Jugend getreu, auch in späteren Jahren noch eine große Vorliebe. Als Mann von bei- nahe 49 Jahren schreibt er an Liebig:Die einzige Stunde, die mir täglich übrigbleibt, ver- wende ich jetzt abends zum Spazierenreiten. Seit etwa sechs Wochen mache ich mir täglich dieses prächtige, Leib und Seele stärkende Vergnügen. Man genießt die Luft doppelt; von so hoch herab sieht die Landschaft viel malerischer aus, und nichts ist angenehmer als eine rasche Fortbewegung, ohne dabei seine eigenen Beine anstrengen zu müssen. Liebig antwortet fast kleinlaut:Ich beneide Dich Deiner Reitgeschicklichkeit wegen, mich werfen die verdammten Gäule immer herunter, sonst wäre ich ganz Deiner Ansicht. Noch zwei andere köstliche Gaben waren Wöhler vom Schicksal beschert worden, eine glückliche Häuslichkeit und ein heiteres, für alles Schöne und Gute empfängliches Gemüt. Wie wir wissen, hatte Wöhler im Jahre 1832 während seines Kasseler Aufenthalts das Unglück gehabt, seine junge Frau nach zweijähriger glücklicher Ehe durch den Tod zu verlieren. Aus dieser kurzen Ehe waren ihm ein Sohn, August, und eine Tochter, Sophie, geblieben. Im Jahre 1834 verheiratete er sich zum zweiten- male, und zwar mit Julie, der Tochter des Bankiers Pfeiffer in Kassel, die, Wöhler über- lebend, ihm während einer 48jährigen Ehe die treueste, liebevollste Gattin gewesen ist. Aus dieser Ehe sind vier Töchter, Fanny, Helene, Emilie und Pauline entsprossen. In Frau Julchen hatte Wöhler eine Gattin gefunden, die es verstand, ihm das häusliche Leben zu einem behaglichen zu gestalten, in ähnlicher Weise, wie wir dies auch von Frau Jettchen (Henriette Moldenhauer), Liebigs Gattin, wissen. Zu den engeren Freunden des Wöhler schen Hauses in Göttingen gehörten u. a. in den früheren Jahren der Mineraloge Ludwig Hausmann), der Physiologe Rudolf Wagner) und der berühmte Physiker Wilhelm Weberé), in späteren Jahren der Botaniker August Grisebach]), der Anatom Jakob

1) Adolf Wilh. Hermann Kolbe(18181884), 1851 Prof der Chemie in Marburg als Nachf. Bunsens, seit 1865 in Leipzig, ausgezeichneter Experimentalchemiker. Entdeckte 1860 bezw. 1873 eine einfache Methode, Salicyl- säure(Orthooxybenzoésäure) durch die Einwirkung von Kohlendioxyd auf Phenolnatrium synthetisch darzustellen.

²) Rudolf Fittig(1835 1910), Prof. der Chemie in Göôttingen und Tübingen, seit 1876 in Straßburg. Forscher auf dem Gebiete der aromatischen und ungesättigten Verbindungen. Arbeitete WöhlersGrundriß der or- ganischen Chemie gänzlich um und gab auch denGrundriß der unorgan. Chemie heraus. 1

) Friedrich Konrad Beilstein(18381905), geborener Petersburger, studierte in Deutschland, arbeitete sodann unter Wurtz-Paris und Wöhler-Göôttingen. Seit 1866 Prof. an der techn. Hochschule in St. Petersburg. Herausgeber einesHandbuchs der organischen Chemie, des vollständigsten Werkes dieser Art, das die Literatur besitzt.

¹) Joh. Friedr. Ludwig Hausmann(17821859), seit 1811 Prof. der Mineralogie in Göttingen, schrieb ein Handbuch der Mineralogie in 3 Bdn. Nach ihm benannt der Hausmannit(Glanzbraunstein), Mn.O..

³) Rudolf Wagner(1805 1864), seit 1840 Prof. an der Univ. Göttingen. Fruchtbarer Schriftsteller(Lehrbuch der Physiologie,Uber Wissen und Glauben,Der Kampf um die Seele usw.). Sein Bruder Moritz Wagner ([813 1887), berühmter Reisender und Naturforscher, Prof. in München, stellte die Migrationstheorie (Entstehung der Arten durch räumliche Absonderung) auf. 1

) Wilhelm Weber(1804 1891), 1831 Prof der Physik in Göôttingen, 1837 seines Amtes enthoben(als einer der Gôttinger Sieben, die gegen den Verfassungsbruch protestiert hatten), 1849 zurückberufen, begründete mit seinem Bruder Ernst Heinrich W., Prof. der Physiol. in Leipzig, dieWellenlehre, baute 1833 mit Gauß in Gôttingen den ersten elektromagnetischen Telegraphen, veröffentlichte wertvolle Unter- suchungen aus dem Gebiete der Elektrizität und des Magnetismus.

¹) Aug. Heinr. Rud. Grisebach(1814 1879), seit 1841 Prof. der Botanik in Gôttingen, sehr verdient um die Pflanzengeographie..

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