sich beim Lesen von Wöhlers Arbeiten einem alten herrschaftlichen Kutscher, der selbst nicht mehr fahren kann, sich aber freut, wenn er das Knallen der Peitschen anderer hört. Andere Gedanken weckt der Strom von Wöhlers glänzenden Entdeckungen im Geiste Liebigs. Wohl steht er noch wie Wöhler selber auf der Höhe schöpferischer Tätigkeit, allein er hat die Wege der frohen experimentalen Einzelforschung, auf denen der Lorbeer blühte, vertauscht mit einem Arbeitsfelde, auf dem die Aussaat von Dornen überwuchert erscheint. Im April 1857 schreibt er von München aus, wohin er 1852 von Gießen übergesiedelt war, an Wöhler:„Deine Briefe vom 5. und 14. heimeln mich an wie ein Märchen aus alten Zeiten; das ist das alte Feuer und die Jugend, und Jahre, die vergangen, und Töne, die verklungen sind, steigen vor mir auf und versetzen mich in die blühenden Tage unseres freudvollen und neidlosen Zusammenwirkens. Du hast Dir den reinen Sinn bewahrt und schaffst Dir immer sich erneuende Genüsse; ich aber komme mir vor wie ein Abtrünniger, wie ein Renegat, der seine Religion aufgegeben und keine mehr hat. Ich habe die Bahn der Wissenschaft verlassen, und in meinem Bemühen, in der Land- wirtschaft und Physiologie etwas zu nützen, wäalze ich den Stein des Sisyphus; er fällt mir immer auf den Kopf zurück, und ich verzweifele manchmal an der Möglichkeit, ihm einen festen Boden zu schaffen. Das Bor und die anderen neuen Dinge gehõören zu Deinen schönsten Sachen.“
Am 29. Juli 1857 schreibt Liebig seinem Freunde mit Bezug auf dessen Untersuchungen über das Silicium und das Titan:„Die Siliciumsachen sind höchst merkwürdig, werden aber, wie mir scheint, bei weitem von dem Titan und dessen Beziehungen zum Stickgas an Wichtig- keit übertroffen; denn diese Bildung von Stickstoffmetall war doch kaum erdenkbar. Wie kommst Du nur auf solche ganz verdammte ldeen? Der Teufel bläst sie Dir ein. Wenn ich nur auch einmal zu so etwas käme, ich quäle mich mit den Landwirten und komme doch zu nichts mit ihnen.“ Unterm 25. Nov. des gleichen Jahres sendet er an Wöhler folgenden poëtischen Herzens- erguß:„lch bewundere Dich und Deine schönen Arbeiten, wie glücklich bist Du in Deinem Gebiete! Du bist alter als ich, und ich bin weit stumpfer wie Du; Du kommst mir in Deinen Arbeiten vor wie der Mann in dem indischen Märchen, aus dessen Munde, wenn er lachte, Rosensträuße fielen; ich bin mit den Landwirten von dem Schidksal verdammt, Wasser in das Faß der Danaiĩden zu tragen: alles, was ich tun mag, ist vergeblich, ich mühe mich ab und zehre meine besten Kräfte auf, ohne einen Erfolg zu haben.“
Die Taätigkeit eines deutschen Hochschullehrers ist bekanntlich eine dreifache: er hat sich zu betätigen als Forscher, als Schriftsteller und als Lehrer. Die großartigen Leistungen auf dem Gebiete der Forschung haben Wöhler nicht gehindert, gleichzeitig eine umfassende literarische Tätigkeit zu entfalten. Von den vier ersten Auflagen des großen Berzelius'schen „Lehrbuchs der Chemie“ hat er die Ubersetzung ins Deutsche besorgt, ebenso hat er die Berzelius'schen„Jahresberichte“ vom 4. bis zum 20. Jahrgange herausgegeben. Von durchschlagendem Erfolge sind Wöhlers„Grundriß der unorganischen Chemie“ und sein „Grundriß der organischen Chemie“ gewesen, die beide eine große Zahl von Auflagen erlebt haben und in viele fremde Sprachen übersetzt wurden. Ein Buch, aus dem Generationen von Chemikern die Kunst des Analysierens gelernt haben, hat uns Wöhler in seinen„Beispielen zur Übung in der analytischen Chemie“ gegeben, dessen letzte Auflage im Jahre 1861 unter dem Titel„Die Mineralanalyse in Beispielen“ veröffentlicht wurde, und das ebenfalls vielfach in fremde Sprachen übersetzt wurde. Wöhler hat ferner gemeinschaftlich mit Liebig und Poggendorffi) die ersten sechs Bände des„Handwörterbuchs der reinen und ange- wandten Chemie“ herausgegeben und war lange Jahre an der Herausgabe von Liebigs „Annalen der Chemie und Pharmacie“ beteiligt.
Neben seiner unablässigen Wirksamkeit auf dem Gebiete der Forschung, neben seinen um- fassenden literarischen Arbeiten hat Wöhler eine bewunderungswürdige Lehrtätigkeit geübt. Während einer langen Reihe von Jahren war gerade der Unterricht in der Tat seine Lieblings- beschäftigung, und zwar waren es besonders die Vorlesungen, die ihm immer Vergnügen machten(wie aus seinem Briefwechsel mit Liebig hervorgeht), während er, gerade wie sein Freund Liebig, über die Mühen und Verdrießlichkeiten, die ihm das chemische Praktikum, also die Unterweisung der Studierenden in den praktischen Laboratoriumsarbeiten, verursacht, oft bittere Klagen führt. Die Zahl der Zuhörer in seinen Vorlesungen hatte sich im Laufe zweier Dezennien mehr als verdoppelt, und das Göttinger Laboratorium war das Ziel einer außerordentlich großen Anzahl junger Leute, darunter auch zahlreicher Ausländer, insbesondere Amerikaner, die dort unter Wöhlers Anleitung sich zu praktischen Chemikern ausbilden wollten. Das alte Laboratorium, das Wöhler in Göttingen vorfand, war denn auch, trotz mehrfacher Vergrößerungen, auf die Dauer zu eng für diesen Andrang und mußte im Jahre 1859 durch einen Neubau ersetzt werden. Was Liebig von der hervorragenden didaktischen Befähigung
¹) Joh. Christian Poggendorff(1796-1877), Physiker, seit 1834 Prof. in Berlin, erfand den Multiplikator(ein Galva-
nometer mit in vielen isolierten Windungen um eine Magnetnadel herumgeführten Leitungsdrähten), redigierte seit 1824 die„Annalen der Physik und Chemie“. Auch verdient um die Geschichte der Physik und Chemie.
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