Aufsatz 
Friedrich Wöhler, der Arbeitsgenosse und Freund Justus Liebigs
Entstehung
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sich Manganheptoxyd, Mn Os, als flüchtige, braungrüne, ölige Flüssigkeit ab, deren Dampf leicht explodiert, wobei sich Sauerstoff und Braunstein, MnOa, bilden ¹). Selbst bis ins höhere Lebens- alter bewahrt sich Wöhler die Freude am Experimentieren, die dem Jüngling schon eigen war, wobei die beiden Sprichwörter, die er im Munde zu führen pflegte:Nil novi sub sole (Es geschieht nichts Neues unter der Sonne)) undProbieren geht über Studieren, in einem reizvollen Gegensatz zu einander stehen. Im Jahre 1862 stellt er durch Erhitzen von Calcium und Kohle(Glühen von Zinkcalcium im Kohletiegel) Calciumcarbid, CaC,, her und beobachtet, daß daraus in Berührung mit Wasser ein brennbares Gas, das bereits 1836 von Sir Humphry Davy entdeckte, heute jedermann, zumal dem Radfahrer, wohlbekannte, auch bei der sog. autogenen Schweißung und Schneidung benutzte Acetylengas, CeHa, sich entwickelts). Das Calciumcarbid, CaCa, wird heutigestages aus gebranntem Kalk und Koks im großen erzeugt im elektrischen Ofen, dort wo entweder bedeutende Wasserkräfte, wie in Neuhausen am Rhein- fall, oder billige Kohle(Braunkohlen) zur Verfügung stehen¹). Durch Böhm(1891), Willson (189²2), Borchers und Moissan)(1892) Moissan verwendete anfangs zur Darstellung Marmor und Zuckerkohle ist die gegenwärtige Darstellung im elektrischen Widerstandsofen ausgearbeitet worden. Im Jahre 1872 macht Wöhler, der 72 jährige, die wunderbare Ent- deckung, daß eine mit Oxalsäure, C.O. H, vermischte konz. Lösung von Sublimat(Queck- silberchlorid), HgCl., im Sonnenschein schon nach wenigen Minuten unter Bildung eines dicken Niederschlags von kristallinischem Kalomel(Quedksilberchlorür), HgeCle, sich trübt. Hierbei zerfällt die Oxalsäure, unter der Beihilfe des Sonnenlichts, in Kohlendioxyd(Kohlensäure), COa?, und nascierenden(d. h. im Entstehungsmoment auftretenden) Wasserstoff, Ha, der dem Sublimat die Hälfte seines Chlors unter Salzsäurebildung entzieht: 2HgCL+ CeOaHl= HgeCl+ 2HlCl+ 2002 Sublimat Oxalsäure Kalomel Salzsäure Kohlendioxy d)

Daß er auch seine Jugendliebe, das Cyan, nicht vergessen hat, geht aus folgender Mitteilung an Liebig vom 10. Febr. 1873 hervor:Das beste Verfahren, Cyangas in beliebiger Menge darzustellen, besteht in der Tat darin, daß man ein Gemenge von Quecksilberchlorid und ganz entwässertem Blutlaugensalz erhitzt. Ich habe auf diese Weise ungefähr 20 cem liquides Iflüssiges! dargestellt, gleich liquid gemacht durch Kochsalz und Schnee. Das Cyan, CN), ein wie ein chemisches Element, dem Chlor, Brom und Jod ähnlich sich verhaltendes, von Gay-Lussac 1815 entdecktes Radikal, läßt sich als sog. Dicyan,(CN)e, in Form eines farblosen, stechend, den bitteren Mandeln ähnlich riechenden, zu Tränen reizenden, sehr giftigen Gases in freiem Zustande erhalten. Die von Wöhler angegebene Methode seiner Darstellung beruht wohl darauf, daß das gelbe Blutlaugensalz, K.(FeCN)«, sich beim Glühen in Stickstoff, Ne, Cyankalium, KCN, und Kohleneisen(Eisencarbid), FesC, zersetzt Das Cyankalium setzt sich mit dem Quecksilber- chlorid zu Chlorkalium und Ouecksilbercyanid um, das sich dann seinerseits in Quecksilber und Cyan spaltet: K(FeCN).+ 2 HgCl.= N.+ 4KCN2Re, C+ 2Hg Cl.= N.+ akCl+ 2F9C 2Hg(CN);; Hg(CN).= Hg+(CN)[bzw. HeNN liEe C)e Iuis Ouecksilberchlorür(Karl A. Hof- mann, Lehrb. d. Anorg. Chemie, 4. Aufl., S. 307)]. Diese Methode scheint sich aber nicht ein- gebürgert zu haben(sie ist wenigstens in den gebräuchlichsten Lehrbüchern nicht erwähnt), wie- wohl Liebig Wöhler unterm 23. Febr. 1873 antwortet:Deine Beschreibung der Darstellung des Cyans habe ich mir bereits zu nutze gemacht. Sie ist in der Tat gut, und man bekommt viel mehr Cyan als mit Cyanquecksilber allein.

Dieser ununterbrochene Strom der schönsten chemischen Experimentaluntersuchungen hat schon die Zeitgenossen Wöhlers mit freudiger Bewunderung erfüllt. Der alternde Berzelius, der bereits aufgehört hat, sich selber an dem Weiterbau der Wissenschaft zu beteiligen, vergleicht

¹) 2KMnO.+ H.SO.= K, SO.+ H. O+ Mn. O.; Mn.O,= 2 MnO.+ 30 ²) Pred. Salomonis 1,9.

³) CaC,+ 2 ,O= Ca(OoH),+ CaHl Calciumcarbid Wasser gelöschter Kalk Acetylen ) CGaO+f C;= CaCc,+ 00

gebr. Kalk Kohle Calciumcarbid Kohlenoxyd

³) Henri Moissan(1852 1907), beruhmter Pariser Chemiker. Ihm gelang 1887 die von Davy vergeblich ver- suchte Isolierung des Fluors, durch elektrolytische Zersetzung reiner wasserfreier Flußsäure, HF, ferner im Jahre 1893 die Herstellung künstlicher Diamanten bis zu 0,5 mm Grôße durch Auflösung von Kohlenstoff in flüssigem Eisen bei der Hitze des elektr. Bogenlichtes und Erstarrenlassen des Schmelzflusses unter hohem Druck. Nobelpreis 1906.

) Der Versuch gelingt am besten, wenn man, statt der freien Oxalsäure, neutrales Kaliumoxalat(wie es beim Ferro- oxalatentwickler Verwendung findet) benutzt; statt der Salzsäure entsteht alsdann Chlorkalium.(Vergl. hierzu: Reduktion von Quecksilberchlorid durch Oxalsäure unter dem Einflusse der Sonnenstrahlen. Von Prof. G. Erckmann in Bingen a. Rh., Zeitschr. f. d. physik. u chem. Unterricht XXII, S. 180).

*) Der Name Cyan ruhrt her von dem griech. Worte kyaneos, stahlblau, und bezieht sich darauf, daß der bekannte Farbstoff, das sog. Berlinerblau, eine Cyanverbindung ist.

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