Leitungsfähigkeit eines siliciumhaltigen Aluminiumbarrens wird der selbstentzündliche Silicium- wasserstoff, SiHl,, entdeckt. Man erhält diesen merkwürdigen Stoff auf diese Weise in nicht sehr reichlichen Quantitäten. Erst zwei Jahre später, 1858, veröffentlicht Wöhler eine in Gemein- schaft mit Carl Alexander Martius ausgearbeitete Methode, die es erlaubt, das Gas mit Leichtigkeit in größerem Maßstabe darzustellen¹). Im Verlaufe seiner Siliciumuntersuchungen entdeckt Wöhler mehrere Siliciumverbindungen, die eine vollkommene Analogie zu den Kohlen- stoffverbindungen der organischen Chemie aufweisen, so in Gemeinschaft mit Buff das Silicium- chloroform, SiHCl.. In bezug darauf schreibt ihm Liebig unterm 16. Juli 1863:„Deine Siliciumverbindungen sind sehr merkwürdig. Organische Körper mit Silicium statt Kohlenstoff! Auf der Sonne enthalten vielleicht die Gewächse Silicium an der Stelle des Kohlenstoffs.“ Das ist derselbe Gedankenflug, dem auch Carus Sterne(Dr. Ernst Krause, 1839— 19003), der Verfasser des einst viel Aufsehen erregenden(von Wilh. Bölsche nach des Verfassers Tode neu herausgegebenen) Buches„Werden und Vergehen“, einmal Ausdruck gibt, indem er sagt:„Denn so gut wie man Alkohol, Ameisensäure, Chloroform, Cyan und andere Ver-— bindungen dargestellt hat, die an Stelle des Kohlenstoffs eine entsprechende Menge Kieselstoff enthalten, ebenso gut läßt sich auch eine Kiesel-Cellulose, Fleisch, Blut, Fett, Eiweiß und Nerven- substanz aus Kieselverbindungen denken... Vielleicht bietet sich der Kieselstoff auf einem andern Weltkörper in anderer, leichter zersetzbarer Gestalt, als bei uns, oder unter Bedingungen, welche die Zersetzung und Verarbeitung der Kieselsäure ermöglichen. Warum sollte nicht irgend- wo ein Kieselgeschlecht mit härteren Nerven zu denken sein, welches vielleicht höhere Temperaturen mit der dem Salamander angedichteten Fähigkeit ertrüge?“ Derartige wunderliche Phantasien gemahnen einen unwillkürlich an des Mephistopheles Worte aus„Faust“. Zweiter Teil:
„Wer lange lebt, hat viel erfahren,
Nichts Neues kann für ihn auf dieser Welt geschehn,
lch habe schon, in meinen Wanderjahren,
Kristallisiertes Menschenvolk gesehn.“
Auch das dem Silicium nahestehende, 1701 von Gregor entdeckte chem. Element Titan, das seit einigen Jahren in der Stahlindustrie zur Herstellung des Titanstahls(der zu Eisenbahn- rädern verarbeitet wird) dient, wird in den Kreis der Betrachtung gezogen. Die von William Hyde Wollaston:) in Hohofen-Eisenschlacken von Merthyr Tydfil in Wales geſundenen und von ihm für metallisches Titan gehaltenen glänzend kupferroten Würfel werden von Wöhler im Jahre 1849 als Cyanstickstofftitan, Ti CN, entlaryvt. Wöhler zeigt, daß das Titan eine sehr große Neigung besitzt, sich mit dem Stickstoff zu verbinden, und stellt im Jahre 1857 messinggelben oder bronzefarbigen Titanstickstoff dadurch dar, daß er Titansäure(Titan- dioxyd), TiOa, mit Koks in einem Strom von Stickstoftgas aus der Luft glüht. Im gleichen Jahre erhalten Wöhler und Henri Sainte-Claire Deville chemisch reines Titan dadurch, daß sie glühendes Fluortitankalium unter sorgfältigem Luftabschluß im Wasserstoffstrom mit Natriumdämpfen in Berührung bringen. Schöne Untersuchungen von größerem Umfange hat Wöhler im Jahre 1857 gemeinschaftlich mit Henri Sainte-Claire Deville, der zu diesem Zwecke nach Göttingen gekommen war, über das Bor ausgeführt, ein von Gay-Lussac und Thénard) im Jahre 1808 entdecktes, dem Kohlenstoff und dem Silicium nahestehendes nichtmetallisches Element, dessen bekannteste Verbindung der Borax, NasB. O.+ 10 H, O, darstellt. Durch Lösen des amorphen (d. h. nichtkristallisierten) Bors in schmelzendem Aluminium und Erstarrenlassen stellen sie kristalli- siertes Bor her, das sie in zwei verschiedenen Zuständen, als diamantartiges und als graphitartiges Bor, erhalten. Durch Glühen eines Gemisches von Borax mit Salmiak(Chlorammonium, NH. Cl) erhalten sie in bequemer Weise Stickstoffbor(Borstickstoff), BN, das von Balmain früher in unbequemerer Weise erhalten worden war. Die seltsame Tatsache, daß beim Zusammen- treffen von Mangansuperoxyd(Braunstein), MnOa,, mit angesäuertem Wasserstoffsuper- oXxy d, HOa, sich Sauerstoff entwickelt, und zwar zur Hälfte aus dem einen, zur Hälfte aus dem andern Superoxyd(wobei der Braunstein sich in Manganoxydul, MnO, das Wasserstoffsuperoxyd sich in Wasser, H.O, umwandelt), ist von Wöhler 1854 aufgefunden worden. Ebenso hat Wöhler als der erste die Zersetzung des Kaliumpermanganats(übermangansauren Kalis oder Chamäleons), KMnO., durch konzentrierte Schwefelsäure, H.SO,, beobachtet. Hierbei scheidet
¹) Wirkt man Magnesiumsilicid, Mgasi, in verdünnte Salzsäure, so wird, neben Wasserstoff, ein Gemisch von nicht weniger als 6 verschiedenen Siliciumwasserstoffen entwickelt, die an der Luft sofort Feuer fangen und mit knatterndem Geräusch verbrennen(A. Stock, Berlin).
²) William Hyde Wollaston(1766—1828), Physiker und Chemiker, Sekretär der Royal Society in London, der Entdedter der Platinmetalle Palladium und Rhodium(1803) und Erfinder des Reflexionsgoniometers (Instrument zur Messung der Winkel an Kristallen).
³) Louis Jacques Baron Thénard(1774—1857). berühmter Pariser Chemiker, Schüler von Vauqelin und Berthollet. Er entdeckte das Wasserstoffsuperoxyd(1818) und im gleichen Jahre das Kobaltultra- marin(„Thénards Blau“), ein Kobaltoaluminat, CoO. Al.Os, das als Malerfarbe dient. Sein Name ist mit dem Gay-Lussacs durch gemeinsame Arbeiten eng verbunden.
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