Wie sehr Liebig Wöhlers außerordentliche Begabung für scharfe Beobachtung zu schätzen wußte, erfahren wir unter anderm auch aus einer humoristischen Aufforderung, die er in einem Briefe vom 8. Jan. 1839 an ihn richtete:„Wenn Du Deine lange Nase einmal auf einige Minuten hineinstecken wolltest, Sso würdest Du sicher etwas herausschnüffeln, was meinen schwer- fälligen Gang erleichtern könnte.“ Wir würden ein unvollständiges Bild von Wöhlers Forscher- tätigkeit gewinnen, wenn wir nicht auch an dieser Stelle derjenigen Entdedkungen gedächten, die er, auf eigene Faust in noch unerforschten Jagdgründen pirschend, während der Göttinger Periode(1836— 1882) gemacht hat. Die Zahl und Mannigfaltigkeit der Arbeiten Wöhlers aus den ersten Jahrzehnten dieser Periode ist wahrhaft staunenerregend. Alle Gebiete der Chemie, vor allem aber die anorganische Chemie, sind durch ihn bereichert worden. Die Zahl der Mineral- analysen, der Darstellungsmethoden, der neuentdeckten Verbindungen, die wir ihm verdanken, ist Legion. Kaum ein Element, gehöre es zu den allerbekanntesten oder zu den Naturselten- heiten, das ihm nicht durch die Hände gegangen wäre. Wir können hier aus der ungeheuren Zahl seiner Entdeckungen nur die allerwichtigsten oder interessantesten herausgreifen. Bei seinen eingehenden Untersuchungen über das von dem Russen Alexander Woskressensky im Jahre 1838 entdeckte, von diesem Chinoyl genannte Chinon erhält Wöhler im Jahre 1844 aus diesem Stoffe durch Einwirkung reduzierender(sauerstoffentziehender) Substanzen das Hydrochinon, das er in demselben Jahre auch bei der trocknen Destillation der Chinasäure, einer in der sog. Chinarinde enthaltenen Verbindung, gewinnt. Das Hydrochinoni) ist bekanntlich heute einer der am meisten gebrauchten photographischen Entwickler. Auf seine Heidelberger Preisarbeit zurückgreifend, erforscht Wöhler durch gemeinsam mit dem Göôttinger Physiologen Frerichs) unternommene Versuche die Veränderungen, die die verschiedenartigsten organischen Stoffe bei ihrem Durchgang von den Verdauungsorganen durch den animalischen Organismus in den Harn erleiden. Das als lokales Anästhetikum(örtliches Betäubungsmittel) viel angewendete und neuerdings mißbräuchlich auch innerlich, als Berauschungsmittel, genommene Kokafn, C. Ha NO,. (ein Alkalofd der Blätter des Kokastrauchs), das von F. Gaedecke 1855 in unreinem Zustande erhalten und unter dem Namen Erythroxylin) beschrieben worden war, lehrt uns Wöhler. zuerst näher kennen, und er läßt es in seinem Laboratorium durch seinen Schüler, den Mediziner Niemann, im Jahre 1859 rein darstellen. Daß es Wöhler erst 1845 in Göttingen ge- lungen ist, das Aluminium, das er vorher nur als graues Pulver erhalten hatte, in Form von größeren Kugeln darzustellen, wurde bereits früher erwähnt. Im Jahre 1840 stellte Wöhler das Telluräthyl¹), Te(CeHs)e, dar, einen zu der interessanten Gruppe der metall- organischen Verbindungen gehõrigen, sehr übelriechenden und giftigen Stoff. Sehr eingehend hat sich Wöhler mit dem Siliciumé) beschäftigt, einem dem Kohlenstoff sehr nahe stehen- den, von Berzelius 1823 isolierten chem. Grundstoff, der mit Sauerstoff verbunden, in Form von Kieselsäure(Siliciumdioxyd, SiOa), 25% der uns zugänglichen Erdmaterie ausmacht. Bei gemeinschaftlich mit seinem Freunde Heinrich Buff in Gießen, bei dem Wöhler im Frühjalr 1856 mehrere Tage zu Besuche weilte, angestellten Versuchen über die elektrische
¹) Das Hy drochinon oder Para(1,4)-Dioxybenzol wurde im Jahre 1880 von Abney als Entwickler eingeführt, es besitzt die Struktur
OH und ist isomer mit Brenzkatechin oder Ortho(1, 2)-Dioxybenzol und Resorcin oder Meta(1,3)-Dioxybenzol. Nach Dr. M. Andresen ist das Entwicklungsvermögen gebunden an die Anwesenheit von mindestens zwei Gruppen OH(Hydroxyl) bezw. NüH,(Amido) oder ein OH und ein N,, wobei als Basis ein Kohlen- wasserstoff aus der Reihe der aromatischen Verbindungen dient(insb. Benzol).
²) Friedr. Theodor v. Frerichs(1819— 1885), 1846 Privatdozent für innere Medizin zu Cöttingen, 1850 Prof. in Kiel, 1851 Breslau, seit 1859 in Berlin als Dir. der Klinik und vortragender Rat im Minist., 1883 Wirkl. Geh. Obermedizinalrat. Hauptwerk:„Klinik der Leberkrankheiten“. Er bearbeitete die meisten physiologisch-
chemischen Artikel für Liebigs, Poggendorffs und Wöhlers„Handwörterbuch der reinen und angewandten Chemie.“
³) Der Name(vom grioch. erythros, rot, und xylon, Holz) bezieht sich auf die wissenschaftl. Bezeichnung des Koka- strauches od. peruan. Rotholzes: Erythroxylon coca.
⁴) Das Tellur(vom lat. tellus, Erde) ist ein in seinem chem. Verhalten dem Schwefel nahestehendes Element, das aber in seinen physik. Eigenschaften typischen Metallcharakter zeigt. Es wurde 1782 von Müller v. Reichen- Stein entdeckt. Seinen Namen erhielt es 1798 von Klaproth. Als 1817 Berzelius einen Begleiter des Tellurs in viclen seiner Verbindungen entdeckte, nannte er ihn nach dem Begleiter der Erde Selen(vom griech. selene, Mond).
³) Das Wort Silicium leitet sich ab von dem lat. Worte silex(Gen. silicis), der Kieselstein.
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