Aufsatz 
Friedrich Wöhler, der Arbeitsgenosse und Freund Justus Liebigs
Entstehung
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studierten Reaktionen entstehenden Harnsäure-Abkömmlinge mehrt sich von Tag zu Tag, die Analysen sind kaum mehr zu bewältigen. Die unermüdlichen Forscher sind gleichwohl schon etwa nach Jahresfrist in der Lage, die Arbeit zu einem Abschlusse zu bringen. Am 30. Juni 1838 kann Wöhler an Liebig schreiben:Der Schluß der dickleibigen Harnsäure-Abhandlung ist richtig angelangt. Die Beschreibung der Versuche füllt mehr als 100 gedruckte Seiten der Annalen. Vor Liebigs und Wöhlers Arbeit besaß die Harnsäure ein fast ausschließlich physiologisches Interesse. Erst die Studien der beiden Forscher haben den Chemikern gezeigt, welche wunderbare Fundgrube der mannigfaltigsten Verbindungen sie in dieser Materie besitzen. Ein chemischer Proteus¹) in des Wortes vollster Bedeutung, erleidet die Harnsäure bei der Be- rührung mit anderen Substanzen(z. B. Salpetersäure) eine Reihe der seltsamsten Metamorphosen (Verwandlungen), deren Untersuchung eine Ernte von Tatsachen gezeitigt hat, wie sie von ähnlicher Fülle kaum wieder auf einem einzigen Felde der Forschung gewonnen worden ist.

Nicht weniger als 16 neue Stoffe wurden dem luftigen Fachwerke der organischen Chemie durch diese Untersuchung eingefügt. Auch mit mancher Verbindung treffen die Forscher zusammen, die schon andere vor ihnen in Händen gehabt, aber nicht genauer untersucht haben, so z. B. mit dem prachtvollen roten Farbstoff, den Brugnatelli und Prout bereits 1818, aber nur im unreinen Zustande, unter dem Namen Purpursäure dargestellt hatten. Erst Liebig und Wöhler aber veröffentlichten die erste Analyse und eine sichere Darstellungsmethode dieses schönen Stoffes, dem sie den Namen Murexid beilegten, um an die Schnecke(Murex) zu erinnern, aus der das Altertum seinen tyrischen Purpur bereitete.

Im Laufe der Harnsäureuntersuchung versuchte Wöhler auch einmal, der Harnsäure dadurch beizukommen, daß er sie mit Wasser in einer zugeschmolzenen Glasröhre bis zu 2000 erhitzte. Dieses Verfahren hat er nachher auch auf andere Substanzen ausgedehnt. Wir verdanken ihm also die so fruchtbringende Methode des Studiums der chemischen Reaktionen bei hoher Temperatur unter Druck. Welche Mühe und Schwierigkeiten die Harnsäure-Arbeit den Forschern gemacht hat, können wir auch aus einem Briefe ersehen, den Liebig am 17. Febr. 1838 seinem Freunde schrieb. Darin heißt es unter anderm:Dem Himmel sei Dank, daß ich Dir den Schluß der Abhandlung bald nachschicken kann. Schwerlich ist je eine Arbeit der Art ausgeführt worden, welche schwieriger und reicher an Resultaten war; um alles ins Klare zu bringen, dazu gehört ein Menschenleben. An die Harnsäureuntersuchung reihten sich zahlreiche andere gemeinschaft- liche Arbeiten der beiden Freunde, von denen hier nur zwei, die über das Narkotin(ein zu den Opiumbasen gehörendes Alkaloid) und die über die Aldehydbasen, erwähnt werden sollen.

Das Zusammenarbeiten der beiden Forscher auf dem Gebiete der organischen Chemie hörte erst auf, als Liebig sich dem Studium der Landwirtschaft und Tierphysiologie zuwendete, das dermaßen alle seine Gedanken und Kräfte in Anspruch nahm, daß ihm für andere Arbeiten keine Zeit mehr übrig blieb. Aber noch im Alter gedenken die beiden Freunde der schönen Zeit gemeinsamen Arbeitens mit Freude und Rührung und geben ihren Empfindungen dement- sprechenden Ausdruck. Wöhler schreibt einmal:Es war eine glückliche Zeit, diese Zeit unseres Zusammenwirkens, das sich erst lockerte, als Liebig auf weitertragende lIdeen kam und sich mit der Anwendung der Chemie auf Physiologie und Agrikultur zu beschäftigen anfing, während ich durch die Übersetzung und Herausgabe der Berzelius'schen Werke, die ich nun einmal, schon aus Pietät, übernommen hatte, soviel edle Zeit verlor und im eigenen Schaffen zurückblieb Liebig aber, der bekanntlich aus der Pariser Schule hervorgegangen ist, widmet der Freund- schaft mit Wöhler, der, wie wir wissen, der Schule des schwedischen Meisters Berzelius angehört, die folgenden schönen Worte:lch hatte das hohe Glück, daß vom Anfange meiner Laufbahn in Gießen an gleiche Neigungen und gleiches Streben einen Freund mir gewannen, mit dem mich jetzt noch nach so vielen Jahren die engsten Bande der wärmsten Zuneigung verknüpfen. Während bei mir die Neigung vorwaltete, die Ahnlichkeiten in dem Verhalten der Körper oder ihrer Verbindungen aufzusuchen, besaß er ein unvergleichliches Wahrnehmungsver- mögen für ihre Verschiedenheiten; eine Schärfe der Beobachtung vereinigte sich in ihm mit einer künstlerischen Geschicklichkeit und einer Genialität in der Auffindung neuer Mittel und Wege der Untersuchung oder Analyse, wie sie wenige Menschen besitzen. Man hat oft die Vollendung unserer gemeinschaftlichen Arbeiten über die Harnsäure und das Bittermandelöl gepriesen; es ist dies sein Werk. Ich kann den Vorteil nicht hoch genug anschlagen, den mir in der Erreichung meiner und unserer gemeinschaftlichen Ziele die Verbindung mit Wöhler brachte; denn in ihr verknüpften sich die Eigentümlichkeiten zweier Schulen, und das Gute, das jede für sich hatte, kam durch das Zusammenwirken zur Geltung. Neidlos und ohne Eifersucht, Hand in Hand, verfolgten wir unsern Weg; wenn der eine Hilfe brauchte, war der andere bereit. Man wird eine Vorstellung von diesem Verhältnisse gewinnen, wenn ich erwähne, daß viele unserer kleineren Arbeiten, die unseren Namen tragen, von einem allein sind; es waren reizende kleine Geschenke, die einer dem anderen machte.

¹) Ein Meergott, der die Gabe besaß, sich in die verschiedensten Gestalten zu verwandeln.

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