machen. Bei einigen, erst seit gestern angefangenen Untersuchungen habe ich Resultate bekommen, die vielleicht den Weg zeigen, wie ihr beizukommen ist.... lch hoffe, daß Du noch Harnsäure genug hast, um ebenfalls gleich ad rem gehen zu können: ich will Dir sonst schicken.“ Wöhlers Vorschlag wurde von Liebig, der bereits einige Jahre früher(1834) die Zusammensetzung der Harnsäure endgültig festgestellt hatte, mit Begeisterung aufgenommen. Die Harnsäure stellt ein weißes, geruch- und geschmackloses Pulver dar, das aus kleinen Kristallschuppen besteht. Im Wasser ist sie sehr schwer löslich(1 Teil braucht zur Lösung 15000 Teile kaltes Wasser und 1600 Teile siedendes Wasser). Die Harnsäure findet sich im freien Zustande und in Form von Salzen in vielen tierischen Flüssigkeiten, im Blute und im Muskelsafte, namentlich im Harne der fleischfressenden Säugetiere(im Harne der Herbivoren, z. B. des Pferdes und des Rindes, ist sie größtenteils durch Hippursäure ersetzt); ferner in den(mit dem Harne untermischten) Exkrementen der Vögel(daher im Guano), Schlangen und Insekten. Der Harn des Menschen enthält in 100 Teilen: Harnstoff 1,4; Harnsäure 0,1; Farbstoff und Schleim 1,5; Salze 1,3; Wasser 95,7. Bei der sog. harnsauren Diathese(Gicht) ¹) ist die Menge der Harnsäure im Körper ver- mehrt; sie scheidet sich dann gern, in Form von saurem harnsaurem Kalk, in Gelenkkonkretionen (Gichtknoten) oder in Harnsteinen ab. Die Harnsäure wurde 1776 von Scheele'’) in tierischen Konkretionen(Blasensteinen) entdeckt und von ihm anfangs Blasensteinsäure, später, als er sie auch im Menschenharn aufgefunden hatte, Harnsäure genannt. Fourcroy und sein Schüler und Mitarbeiter Vauquelin wiesen sie später in den Vogelexkrementen und im Guano nach, und William Prout(sprich praut) ³) endlich zeigte in der Frühzeit des 19. Jahrh., damals noch ein ganz junger Mann, daß das feste Exkrement der Schlangen bis zu neun Zehntel seines Gewichts an dieser Säure enthält. Man gewinnt die Harnsäure am zweckmäßigsten aus Schlangen- exkrementen oder aus Guano. In neuerer Zeit wurde sie auch mehrfach synthetisch dargestellt, zum erstenmale 1882 von Joh ann Horbaczewski durch Zusammenschmelzen von Glykokoll (Aminoessigsäure, CH. NHA. COOH) und Harnstoff(Carbamid, CO(NHZ)) bei 2200— 230 C. Die Harnsäure ist, nach unseren heutigen Kenntnissen, ein Abkömmling des Harnstoffs und nahe verwandt mit den beiden Alkaloiden(Pflanzenbasen) ¹) Caffein oder Thein(in den Blättern und Bohnen des Kaffeebaums, im chinesischen Tee und Paraguaytee, in der Kolanuß und in der Guaranàâ, einer aus den Samen von Paullinia sorbilis gewonnenen schokoladeartigen Paste) und Theobrominè)(in den Kakaobohnen). Sie enthält zwei Harnstoffreste, CO(NH),, verbunden mit einem Säurerest, C= C CO, sie kann als das sog. Diureid der Trioxyacrylsäure, C(GOH).= COH(CO0O8, betrachtet werden:⁰)
HN=CO
00 C= NH 1 C0—
HN--C-NHE
Harnsäure.
Man kann sich nämlich vorstellen, daß sich zwei Harnstoffmolekeln mit einer Molekel Trioxy- acrylsäure unter Austritt von 4 Molekeln Wasser zu einer Molekel Harnsäure verbänden:
200(NIH), C(OH), COH COOH geben CO(NE,C=C Co.(NH), Co- 4H-OH
Die Beschaffung des nötigen Versuchsmaterials, des Schlangenkotes, macht den beiden Freunden
nicht geringe Sorge, denn die Versuche verschlingen Quantitäten von Harnsäure, die kaum noch
aufzutreiben sind. Die Arbeit nimmt immer grõßere Proportionen an. Die Zahl der in den
¹) Harnsaures Lithium ist in Wasser verhältnismäßig leicht löslich; deshalb trinkt man lithiumhaltige Mineral- wässer(Kaiser Friedrich-Quelle in Offenbach, Aßmannshäuser Lithionquelle), um gichtische Ablagerungen zu lösen und durch den Harn aus dem Körper wegzuführen.
²) Karl Wilhelm Scheele, geb. 1742 in dem damals schwedischen Stralsund, gest als Apothekenbesitzer in Köping (Schweden) 1786; einer der größten Experimentalchemiker, der den Sauerstoff(1774, gleichzeitig mit dem Engländer Joseph Priestley), das Chlor, das Glycerin, die Blausàure, die Weinsãure, Xpfelsäure, Zitronensäure, Milch- säure, Oxalsäure, Harnsäure entdeckte.
³) William Prout(1786— 1850), Chemiker und Arzt in London. Er bezeichnete 1816 den Wasserstoff als die Ur- materie und betrachtete die Atomgewichte der Elemente als Multipla(einfache Vielfache) des Atomgewichts des Wasserstoffs, das er gleich 1 setzte. 4
⁴) Als Alkaloiĩde(auf Deutsch Alkali-ähnliche Stoffe) bezeichnet man alle stickstoffhaltigen Kohlenstoffverbindungen von ausgesprochen basischem(alkaliähnlichem) Charakter. In der Pflanzenwelt sehr verbreitet, bilden sie meist die wirksamen Bestandteile der als Gifte oder Heilmittel offizinellen Pflanzen.
⁵³) Das Theobromin läßt sich synthetisch in Caffein(Methyltheobromin) umwandeln(Strecker, E. Fischer); das Caffein wird technisch aus der Harnsäure des Guanos gewonnen.
) In der modernen organischen Chemie wird die Harnsäure gewöhnlich als Abkömmling des Purins, nämlich als „2,6,8— Trioxypurin“ bezeichnet. Das Purin, C;Hl.Na, kann aus Harnsäure synthetisch erhalten werden. Es verhält sich gleichzeitig wie eine Säure und starke Base und bildet farblose, leicht lôsliche Kristalle.
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