geliefert. Liebig, dem Meister der organischen Analyse, fällt nun die Aufgabe zu, die quanti- tative Seite der Erscheinungen zu erforschen und das andere Produkt, das außer dem blausäure- haltigen Öl bei der Zersetzung des Amygdalins wahrscheinlich noch entsteht, zu ermitteln In kurzer Frist ist die quantitative Zusammensetzung des Amygdalins von Liebig festgestellt, und schon am 31. Dez. 1836 kann er auch in bezug auf das noch auszumittelnde Produkt seinem Freunde Wöhler berichten:„Es ist entschieden, bei der Zersetzung des Amygdalins entsteht Zucker.“ Ferner schreibt er:„lch ließ Emulsin darstellen durch Auswaschen süßer Mandeln mit Ather bis zur Entfernung alles ffetten] öls und löste den Rückstand in Wasser. In dieser Lösung wurde eine gewisse Menge Amygdalin aufgelöst und an einem 35 warmen Ort stehen gelassen, bis aller Geruch[nach Blausäure und Bittermandelöl] verschwunden war. Dies dauerte sechs Tage lang, die Masse war sirupförmig geworden, schmeckte ganz süß und kam, mit Hefe versetzt, in eine stürmische Gärung.“
Dem bei der Zersetzung des Amygdalins wirksamen Fermente(Gärungserreger) oder Enzyme¹), wie die moderne Chemie sich ausdrückt, gaben die beiden Forscher den Namen „Emulsin“, weil sie es zuerst in Form einer geseihten Emulsion von süßen Mandeln verwendeten. Dem Emulsin— einem in den süßen sowohl wie in den bitteren Mandeln enthaltenen, im Wasser sich langsam lõsenden, dem Eiweiß ähnlichen Stoff, der als weißes amorphes Pulver gewonnen werden kann— kommt nämlich die Eigenschaft zu, das(fette) Mandelöl in der Mandelmilch(d. h. in der milchähnlichen Flüssigkeit, die man erhält, wenn man süße oder bittere Mandeln zu einem feinen Brei stößt und mit dem vier- bis sechsfachen Gewicht Wasser anrührt) in feiner Verteilung, als sog. Emulsion, zu erhalten.(In der Ruhe lagern sich diese fein zerteilten Öltröpfchen auf der Oberfläche in Gestalt eines Rahmes ab.) Stellt man die Mandel- milch aus bitteren Mandeln her, die bekanntlich(neben Emulsin) Amygdalin enthalten, so tritt die andere, bereits besprochene Eigenschaft des Emulsins, nämlich das Amygdalin in Zucker, Blausäure und Bittermandelöl zu spalten, noch hinzu.(Destilliert man eine auf diese Weise erhaltene Flüssigkeit durch Einleiten von Wasserdämpfen, so bleibt der Zucker im Destillations- gefäß, während Wasser, Blausäure und Bittermandelöl übergehen und in einer Vorlage, die etwas Alkohol enthält, aufgefangen werden. Durch Verdünnen bringt man den Gehalt an Gesamt- blausäure dann auf 0,1%. Dieses sog. Bittermandelwasser, das als Arzneimittel dient, ist eine starkriechende Flüssigkeit, die milchig getrübt ist durch eine Menge darin herum- schwimmender öltröpfchen, die nach und nach als ölschicht sich zu Boden setzen. Es ist dies eben das Bittermandelöl, ein flüchtiges öl von dem stärksten Geruch und Geschmack nach bittern Mandeln und schwerer als Wasser. Die Ausbeute wird größer, wenn man die bitteren Mandeln vor dem Verreiben mit Wasser durch Auspressen von dem fetten 0le befreit.) In ihrer Amygdalinarbeit, die im April des folgenden Jahres(1837) gedruckt wird, können also die beiden glücklichen Forscher der Welt verkünden, daß das Amygdalin durch ein(in den süßen sowohl wie in den bitteren Mandeln enthaltenes) Ferment, dem sie aus dem oben angegebenen Grunde den Namen Emulsinꝰ) beilegen, unter Mithilfe des Wassers, glatt in drei Stoffe, Blausäure, Bittermandelöl(Benzaldehyd) und Traubenzucker(Dextrose) zerlegt wird.
CaoHe. NO+ 2H20= CaHl. CHO+ CN+ 2HO. Amygdalin Wasser Benzaldehyd Blausäure Traubenzucker)
Die Spaltung des Amygdalins in die drei soeben genannten Stoffe wirft sofort einen will- kommenen Lichtstrahl in das bis dahin so geheimnisvolle Dunkel der Gärungserscheinungen und wird später zum Vorbild bei der künstlichen Bereitung des Duftes der Spiräen und des Aromas der Vanille.
Bereits im Sommer des gleichen Jahres(1837) hat Wöhler wieder Lust bekommen zu einer neuen gemeinschaftlichen Arbeit. Er schreibt(am 20. Juni) an Liebig:„... Laß uns die alte Harnsäure wieder vornehmen und zum Gegenstand einer gemeinschaftlichen Untersuchung
1) Enzyme, früher ungeformte Fermente genannt,(von dem griech. Worte zyme, der Sauerteig, entsprechend dem lat. fermentum, das Gärungsmittel, der Sauerteig) sind eiweißähnliche Verbindungen, die katalytisch wirken, d. h. chemische Prozesse beeinflussen(beschleunigen oder verzögern), ohne(scheinbar) selbst verändert zu werden Die Enzyme spalten zusammengesetzte Stoffe unter Wasseraufnahme in einfachere Verbindungen (flydrolyse). Sie kommen im pflanzl. und tier. Organismus vor und vermitteln alle chemischen Umsetzungen, die sich im Pflanzen- und Tierleben abspielen. Zu ihnen gehôren z. B. die Diastase, die Stärke in Maliose (Malzzucker) und Dextrin(Stärkegummi) umwandelt, und die Zymase, die Zucker in Alkohol und Kohlen- säure spaltet.
²) In den„Chemischen Briefen“ bezeichnet Liebig diesen Eiweißstoff als„Pflanzenkäse.“
²) Ein Teil der Blausäure vereinigt sich mit einem Teil des Benzaldehyds zu sog. Benzaldehydcyanbydrin: CeHs ·CHO+ HCN= Cel,CH. OH. CN.
Das im Handel vorkommende blausäurefreie Bittermandelôl(Benzaldehyd) wird fabrikmäßig auf rein chemischem Wege(synthetisch) dargestellt Es besitzt einen Geruch nach bittern Mandeln, ist nicht giftig und oxydiert sich an der Luft ziemlich rasch zu Benzoésäure.
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