Freunde Herrn Wöhler zu Füßen.)“ Aber auch die Mineralchemie hat in Kassel ihre Anziehungs- kraft auf Wöhler nicht eingebüßt. Es fallen in die Kasseler Periode(1831—1836) eine ganze Reihe, wenn auch meist kleinerer, Arbeiten aus dem Bereiche der anorganischen Chemie. Auch eine industrielle Episode in Wöhlers Laufbahn gehört dieser Zeit an. Während seines Aufenthalts in Kassel veranlaßte ihn der große Vorrat von Arseniknickel(Kobaltspeise), der sich auf dem kurhessischen Blaufarbwerk Schwarzenfels angesammelt hatte, zu Versuchen über die technische Gewinnung des Nickels. Sie gelangen so gut, daß er mit einigen Freunden eine Nickel-Fabrik gründen konnte, aus der jährlich tausende von Pfunden, namentlich nach Birmingham, verkauft wurden. Schon damals hatte er die Idee, daß Nickel zu Münzen verwendet werden könne—, aber sie wurde nicht beachtet.
Das Jahr 1836 brachte eine neue tiefgreifende Veränderung in Wöhlers Lebensverhält- nissen. Im August des vorhergehenden Jahres war Professor Friedrich Stromeyer in Göttingen, der Entdecker des Cadmiums, gestorben. Bei der Beratung über die Wiederbesetzung des erledigten Lehrstuhls für Chemie wurde Leopold Gmelin in Heidelberg(Wöhlers früherer Lehrer), dessen Vater, Johann Friedrich Gmelin, Stromeyers Vorgänger in Göttingen gewesen war, in erster Linie vorgeschlagen. Da dieser ablehnte, teilten sich die Stimmen: die einen wollten Liebig, die anderen Wöhler berufen. Wöhler trägt schließlich den Sieg davon: das Ziel seines Ehrgeizes, eine Professur an deutscher Hochschule, ist endlich erreicht. Die Be- rufung ist um so ehrenvoller, als der Göttinger chemische Lehrstuhl zu damaliger Zeit als der vornehmste in ganz Deutschland gilt— Im Frühjahr 1836 trat Wöhler, und zwar auf seinen Wunsch als Mitglied der medizinischen Fakultät, seine neue Stelle an. Seine Stelle in Kassel kann glücklicherweise durch Robert Bunsen, der damals noch Privatdozent in Göttingen war, alsbald wieder besetzt werden. Bald hat er sich in die neuen Verhältnisse eingewöhnt und ist in freundschaftliche Beziehungen zu Kollegen eingetreten, namentlich zu dem Mineralogen Ludwig Hausmann und zu Wilhelm Weber, dem berühmten Physiker, die er beide schon von früher her kannte. Wöhler ist jetzt 36 Jahre alt, er steht in der Blüte des Mannesalters und ist von freudiger Schaffenskraft erfüllt. Schon am 26. Oktober 1836 schreibt er von Göitingen aus seinem Freunde Liebig:„Lieber Freund! Mir geht es wie einem Huhn, das ein Ei gelegt hat und darauf ein großes Gagsen beginnt. Ich habe heute früh gefunden, wie man aus dem Amygdalin blausäurehaltiges Bittermandelõl machen kann, und wollte Dir die weitere Verfolgung dieser Sache zu einer gemeinschaftlichen Arbeit vorschlagen, da der Gegenstand zu innig mit der Benzoyl- Untersuchung im Zusammenhang steht, und es doch kurios aussehen würde, wenn einer von uns beiden wieder allein auf diesem Felde aufträte. Denn es läßt sich gar nicht absehen, wie weit es sich erstreckt, und ich glaube, es ist gewiß fruchtbar, wenn es mit Deinem Mist gedüngt wird.“ Die Arbeit über das Amygdalin:), einen zu den sog. Glykosiden*²) gehörigen, in den bittern Mandeln und einigen andern Fruchtkernen, auch in den Blättern des Kirschlorbeers(Prunus lauro-cerasus) sich findenden, bitter schmeckenden, in weißen, glänzenden Blättchen kristallisierenden Stoff, der im Jahre 1830 von Robiquet und Boutron in den bittern Mandeln entdeckt wurde, wird nun von den beiden Freunden sofort in Angriff genommen. Wöhler, der entdeckt hat, daß das Amygdalin bei der Destillation mit Braunstein und verdünnter Schwefelsäure ein blausäurehaltiges Bittermandelöl liefert, ähnlich dem, das man erhält, wenn man zer- quetschte bittere Mandeln mit Wasser destilliert, kommt auf die schlaue ldee, es könne das Bittermandelöl bei der gewöhnlichen Destillation der bittern Mandeln mit Wasser vielleicht aus dem Amygdalin durch eine ähnliche Wirkung entstehen, wie sie das Hefeferment auf den Zucker ausübt, und er hält es für am wahrscheinlichsten, daß diese Wirkung hier dem Eiweiß der Mandeln zuzuschreiben sei, das als Ferment wirke. Und diese ldee bestätigt sich glänzend Als er in Wasser aufgelöstes Amygdalin mit einer zerquetschten süßen Mandel digerierts), fängt es sogleich an, nach Bittermandelõl zu riechen. Dieselbe Wirkung bringt eine geseihte Emulsion) von süßen Mandeln hervor. Hiermit ist Wöhlers Beitrag zu der Arbeit in der Hauptsache
¹) Der Name kommt her von dem griech. Worte amygdalon, Mandel, Mandelkern.
²) Als Glykoside(abgeleitet von dem griech Worte glykys, süß, bezw. Glykose, Traubenzucker, und eidos, idos, das Bild, die Ahnlichkeit) bezeichnet man gewisse, in den Pflanzen seur verbreitete Substanzen, die beim Kochen mit verdünnten Sâuren oder Alkalien, wie auch durch die Einwirkung von Fermenten(Gârungserregern) in Glykosen(meist Traubenzucker) und andere Stoffe gespalten werden.
¹) Unter„Digerieren“ versteht der Chemiker, eine feste Substanz bei mäßiger Wärme mit einer Flüssigkeit be- handeln zur Auslaugung oder Zerlegung.
⁴) Emulsionen(von dem lat. Worte emulgeo, emulsi, emulsum, ausmelken, ausschöpfen, verwandt mit den deutschen Worten„melken“ und„Milch“) sind milchähnliche Flussigkeiten, die dadurch zustandekommen, daß hochst fein zerteilte Flüssigkeitströpfchen(z. B. von fettem O!) in einer anderen Flüssigkeit(dem sog Dispersionsmittel) freischweben, da sie mit dem Dispersionsmittel ungefahr gleiches spezif. Gewicht haben. Die Kuhmilch z. B. ist eine Emulsion, in der fein zerteilte Butterkügelchen schweben. Die Emulgierung wird durch die Gegenwart bestimmter Stoffe(Gummi, Schleim, Emulsin) befördert.
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