und die Benzoësäure0) gehörten zur damaligen Zeit bereits zu den bekanntesten Stoffen. Jenes war 1803 entdeckt worden, diese bereits 1608 von Blaise de Vigendre(durch Sub- limation aus Benzoéëharz). Man wußte auch, daß ein Tropfen Bittermandelöl, der ein paar Stunden an der Luft stehenbleibt, sich in eine Rosette von Benzoésäure verwandelt. Allein dieser Übergang war völlig unverständlich, wenn man die damals geltende Formel der Benzoé- säure, die Berzelius aufgestellt hatte, zu Grunde legte Die erste Entdeckung der beiden Arbeitsgenossen war nun die Erkenntnis, daß die Berzelius'sche Formel, die aus der Analyse des Bleisalzes abgeleitet worden war, falsch war. Indem sie, statt des Bleisalzes, das Silbersalz der Benzoésäure verbrennen, gelangen sie zu der richtigen Formel, und auf Grund dieser neuen Formel stellt sich die Umwandlung des Bittermandelöls in Benzoësäure an der Luft als ein ein- facher Oxydationsvorgang dar.²) In dem Bittermandelõöl oder Benzaldehyd aber lernen die damaligen Chemiker den ersten Stoff aus der Gruppe der Aldehyde kennen. Das bemerkenswerteste Resultat, das die beiden jungen Forscher erhielten, war aber das, daß in der Benzoësäure und deren Aldehyd, dem Bittermandelöl, eine gemeinsame, aus drei chemischen Grundstoffen(Elementen) bestehende, also ternäre, Gruppe enthalten ist, die die Rolle eines Elementes spielt und auch wie ein solches in die verschiedenartigsten Verbindungen sich über- führen läßt. Diese Gruppe oder dieses„Radical“(von radix, Gen. radicis, die Wurzel)— es hat die chemische Formel CaH.CO— nannten die Forscher auf Liebigs Vorschlag„Benzoyl“ (von Benzoë und dem griech. Worte hyle, der Stoff, hergeleitet).
Das Benzoylchlorid, CaH.COCl, das sie durch Einwirkung des Chlors auf das Bitter- mandelöl erhalten, wird in den Händen der beiden Freunde zu einem mächtigen Rüstzeug, mit dessen Hilfe sie eine Reihe von anderen Benzoylverbindungen darstellen. Die klassischen Re- aktionen des Benzoylchlorids, seine Umwandlungen durch Wasser, Alkohol und Ammoniak in Säure, Kther und Amid der Säure, dienen heute noch als Vorbilder bei den Forschungen auf dem Gebiete der organischen Chemie.
Seit der Synthese des Harnstoffes war auf dem Gebiete der organischen Chemie keine ähnliche bahnbrechende Arbeit erschienen, wie die klassische Untersuchung Liebigs und Wöhlers über die Benzoylverbindungen. Der Eindruck, den diese Arbeit auf die Zeitgenossen machte, war ein überwältigender. Der sonst so nüchterne und mit seinem Lobe karge nordische Meister Berzelius schreibt am 2. Sept. 1832 an die glücklichen Experimentatoren:„Die von Ihnen dargelegten Tatsachen geben zu solchen Betrachtungen Anlaß, daß man sie wohl als den Anfang eines neuen Tages in der vegetabilischen Chemie ansehen kann. Von dieser Seite aus würde ich vorschlagen, das zuerst entdeckte, aus mehr als'zwei Körpern zusammengesetzte Radical chemischer Verbindungen Proin[von dem griech. Worte prol, Anfang des Tages, in dem Sinne „apo prol heòos hesperas“³)(Act. Apost. 28, v. 23)] oder Orthrin(vom griech. orthros, Morgen- dämmerung) zu nennen, von welchen nachher die Namen Proinsäure, Orthrinsäure, Chlorproin, Chlor- orthrin u. s w. mit großer Leichtigkeit hergeleitet werden könnten.“ Auch auf die Pariser Chemiker, Gay-Lussac und seine Schule, übt die Arbeit über die Benzoylverbindungen ihren Zauber aus, und Liebig kann am 15. März 1833 an Wöhler berichten:„Die Pariser sind über diese Abhandlung rein toll. Pelouze¹) schreibt mir:„„On ne parle plus à Paris dans le monde chimique que de vos expériences. Venez donc avec M. Wöhler, venez y recevoir le tribut d'hommages qui vous est dü.““(Man spricht in der Pariser chemischen Welt von nichts andrem als von lhren Experimenten. Kommen Sie doch mit Herrn Wöhler, kommen Sie hierher, um die Ihnen gebührenden Huldigungen entgegenzunehmen.) Zuletzt:„„Soyez assez bon pour présenter mes civilités respectueuses et l'hommage de mon admiration à votre ami M. Wôhler eic.““(Seien Sie so gut und legen Sie meine ehrerbietigsten Grüße und meine bewundernde Huldigung lhrem
¹) Die Benzossäure findet sich im Benzoéharze, im Peru- und Tolubalsam und im Steinkohlenteer. Sie kann auch künstlich(z. B aus Bittermandelöl oder aus der im Pferde- und Rinderharn sich findenden Hippursäure) erhalten werden. Aus dem Benzoéharz kann man sie gewinnen durch Ernitzen des gepulverten Harzes auf etwa 200 ⁰, wobei die Benzossäure in Dampf verwandelt wird, der sich in einem übergestülpten Kasten in Form von feinen weißen Kristallblättchen wieder verdichtet(Sublimation), die schwach nach Vanille riechen (die künstlich hergestellte B ist geruchlos) und sauer schmecken. Die Benzoésäure ist ein bekannies anti- septisches Mittel und dient auch zur Herstellung von blauen und violetten Anilinfarben. Das Benzoéharz ent- halt etwa 12— 20% Benzoéësäure und 70— 80% Harz Es wird durch Einschnitte in Rinde und Holz des besonders auf den Sundainseln wachsenden Benzoébaumes(Benzoin officinale) gewonnen.
²) CeH-CHO+ O= Côal COOH Bittermandelöl Sauerstoff Benzoésäure.
³)„Von frühmorgens an bis an den Abend“.
⁴) Théophile Jules Pelouze) sprich p'lus), 1807— 1867, bedeutender Pariser Chemiker, Direktor der Münze; er bestimmte viele Atomgewichte und untersuchte den Zucker in der Runkelrübe. Als junger Mann lebte er in den bescheidensten Verhältnissen(seine hygienischen Mahlzeiten bei Wasser und Brot, ein régime, das, wie er 25 degen pflegte, den Kopf klar erhaält). Mit Liebig sehr befreundet, stand er in späterer Zeit auf„Du“ mit ihm.
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