Fenster und erblickte noch den Weggehenden. Ach, sagte sie für sich, das ist der Schalk Wöhler. Nun, das hat er ganz verdient, da ihm so wenig daran lag hereinzukommen.
Nach einigen Tagen klopfte es wieder an die Tür, und zwar wiederholt und stark. Die Göttin ging selbst zu öffnen; es war Sefström, der eintrat, und eine Folge dieser Begegnung war die Geburt des Vanadins.““ Ihre Probe mit dem? ist in der Tat Vanadinoxyd. Wer aber den Weg zur künstlichen Bildung eines organischen Körpers aufgefunden hat, kann wohl auf die Entdeckung eines neuen Metalls verzichten, und man kann 10 unbekannte Elemente entdeckt haben, ohne daß dazu soviel Ingenium gehörte, als zu einer so meisterhaften Arbeit, wie die ist, welche Sie in Gemeinschaft mit Liebig ausgeführt und nun der wissenschaftlichen Welt mit- geteilt haben.“
Im Jahre 1830 hatte sich Wöhler mit Franziska, der Tochter des Staatsrates Wöhler in Kassel vermählt. Die im Laufe des Sommers 1831 in Berlin mit großer Heftigkeit wütende Choleraepidemie veranlaßte ihn, seine junge Frau zu ihren Eltern nach Kassel zu flüchten, und dahin folgte ihr Wöhler auf ihr dringendes Bitten bald nach, bei seiner vorgesetzten Behörde in Berlin den nõtigen Urlaub sich nehmend. Aber von diesem Urlaub kehrte er nur noch nach Berlin zurück, um seine dortigen Verhältnisse zu lösen. Zu diesem unerwarteten Schritte wurde er, wie es scheint, einerseits durch allerhand Verdrießlichkeiten und Unstimmigkeiten in seiner Berliner Stellung, anderseits aber durch den Umstand bewogen, daß ihm gerade jetzt die günstige Gelegenheit sich bot, in Kassel, wo er zahlreiche Familienbeziehungen besaß und außerdem seinem Freunde Justus Liebig in Gießen soviel näher war, unterzukommen. In Kassel wurde nämlich gerade zur Zeit, als Wöhler dort auf Urlaub weilte, eine höhere Gewerbeschule nach dem Muster der Berliner eingerichtet. An dieser Schule, bei deren Einrichtung er bereits vielfach zu Rate gezogen worden war, bot man jetzt Wöhler die Professur der Chemie an. Nach längerem Schwanken nahm er an, und mit Beginn des Jahres 1832 finden wir Wöhler bereits mit der Einrichtung seines neuen Laboratoriums beschäftigt. Er hat überdies die Freude, daß zwei seiner intimen Freunde, Heinrich Buffi), damals Privatdozent in Gießen, und Rudolf Am andus Philippi'ꝰ), Privatgelehrter in Berlin, als Dozenten, der Erstgenannte für Physik, der Zweite für Zoologie, an die neue Schule berufen werden. In Wöhler erwacht jetzt wieder rasch die Lust zum Experimentieren. Aber eingedenk der Worte, mit denen Diomedes den Odysseus zum Gefährten für die Erforschung des troischen Lagers verlangt:„Wo Zween wandeln zugleich, da merkt der Ein' und der Andre schneller, was heilsam sei“(llias X, 224), erinnert er sich sofort seines Freundes Justus Liebig und schreibt ihm am 16. Mai 1832:„lch sehne mich nach einer ernsteren Arbeit, sollten wir nicht die Konfusion mit dem Bittermandelöl ins Klare bringen? Aber woher Material?“ Liebig ist mit dem Vorschlag einverstanden. Das zur Untersuchung nötige Bittermandelöl wird, da es in Deutschland zu damaliger Zeit in der nötigen Menge nicht zu haben war, aus Paris verschrieben. Aber ehe die beiden Freunde die Arbeit wirklich in Angriff nehmen können, wird Wöhler von einem harten Schicksalsschlage betroffen: nach kurzer glücklicher Ehe verliert er seine Frau. In dieser trüben Zeit ist die Freundschaft der Hafen, der dem Schiffbrüchigen sich öffnet. Liebig ruht nicht, bis er den fast Verzweifelnden unter seinem gastlichen Dache geborgen weiß, und nun arbeiten die beiden Freunde zum ersten- male nebeneinander, und die Frucht dieser Arbeit ist die herrliche Untersuchung über das Bitter- mandelöl und die Benzoéëésäure. Sie wird in beispiellos kurzer Zeit vollendet, denn nach kaum mehr als vierwõchentlicher Abwesenheit schreibt Wöhler an Liebig:„Cassel, 30. Aug. 1832. Ich bin nun wieder hier in meiner betrübten Einsamkeit und weiß nicht, wie ich Euch danken soll für all' die Liebe, mit der Ihr mich aufgenommen und so lange bei ERuch behalten habt. Wie glücklich war ich, mit Dir von Angesicht zu Angesicht zusammen zu arbeiten. Ich sende Dir anbei die Bittermandelöl-Abhandlung. Die Schreiberei hat mich länger aufgehalten, als ich vermutete. Ich bitte Dich, das Ganze mit großer Aufmerksamkeit durchzulesen, besonders auch auf die Zahlen und Formeln zu achten. Was Dir nicht ansteht, ändere ohne weiteres. Ich kann oft fühlen, daß etwas nicht das Rechte ist, kann aber dafür das Rechte nicht selber finden.“ Das Bittermandelôl*)
¹) Heinrich Buff. Physiker und Chemiker, geb. 1805 in Rödelheim bei Frankfurt a. M., gest. 1878 als Prof. der Physik in Gießen; sein Nachfolger auf dem Gießener Lehrstuhl war Wilh. Konr. Röntgen.
²) Rudolf Amandus Philippi(1808— 190 4), Naturforscher, seit 1853 Prof. in Santiago de Chile.
³) Das Bittermandelôl wird durch Dampfdestillation aus den mit Wasser verriebenen, vorher ihres fetten öles durch kaltes Auspressen beraubten bitteren Mandeln gewonnen. Es ist nicht fertig darin enthalten, sondern entsteht erst beim Verreiben mit Wasser aus dem Amygdalin, einem in den bittern Mandeln in besonderen Zellen enthaltenen Stoffe, durch die Einwirkung des Emulsins, eines in den bitteren und süßen Mandeln sich findenden eiweißartigen(„Pflanzenkäse“ nach Liebig) Fermentes. Das Bittermandelöl rechnet zu den sog. ätherischen Olen und ist eine gelbliche, dünnflüssige, angenehm riechende Flüssigkeit, schwerer als Wasser, im rohen Zustande wegen ihres Gehaltes an Blausäure(2—5%) sehr giftig. Es darf nicht ver- wechselt werden mit dem Mandelbl, einem fetten Öle, also leichter als Wasser, das man durch Auspressen von süßen und bitteren Mandeln gewinnt, die davon bis zu 50% enthalten.
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