Aufsatz 
Friedrich Wöhler, der Arbeitsgenosse und Freund Justus Liebigs
Entstehung
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fürs Leben gefunden zu haben. Im Laufe der nächsten Jahre liefern trotzdem die beiden Freunde einander noch öfters wissenschaftliche Scharmützel. Als aber übelwollende dritte Personen die beiden zu verhetzen suchen, da schreibt Wöhler seinem Freunde unterm 8. Juni 1829:Es muß wirklich ein böser Dämon sein, der uns immer wieder unvermerkt mit unseren Arbeiten in Kollision bringen und das chemische Publikum glauben machen will, wir suchten dergleichen Zankäpfel als Gegner absichtlich auf. lIch denke aber, es soll ihm nicht gelingen. Wenn Sie Lust dazu haben, so können wir uns den Spaß machen, irgendeine chemische Arbeit gemein- schaftlich vorzunehmen, um das Resultat unter unseren gemeinschaftlichen Namen bekanntzumachen. Versteht sich, Sie würden in Gießen und ich in Berlin arbeiten, nachdem wir uns in den Plan eingeteilt und uns von Zeit zu Zeit über den Fortgang Nachricht gegeben hätten, Ich überlasse die Wahl des Gegenstandes ganz Ihnen.

Damit ist die fruchtbare Periode gemeinsamen Schaffens der beiden Forscher eingeleitet. Zu Anfang des Jahres 1830 erscheint die erste Arbeit, die die Namen Liebig und Wöhler gemeinsam an der Spitze trägt: sie handelt von der Honigsteinsäure. ¹)

Bald sind die beiden Freunde wieder mit einer neuen gemeinsamen Arbeit beschäftigt: sie spüren den Rätseln nach, die in bezug auf die Säuren des Cyans und ihr Verhältnis zum Harnstoff noch zu lösen waren. Während des Verlaufs dieser Untersuchung macht Wöhler, der um drei Jahre ältere der beiden, Liebig den Vorschlag, das gemesseneSie mit dem brüderlichenDu zu vertauschen. Liebig erwidert unterm 19. Okt. 1830:Ich kann Dir das Vergnügen nicht ausdrücken, welches mir Dein letzter Brief gebracht hat; ich brauche nicht zu sagen, daß ich Deinen Vorschlag mit ganzem Herzen annehme. Unser Verhältnis ist mir von jeher vorgekommen, als wäre es von Jugend auf geknüpft worden, und es ist mir stets schwer gefallen, in Briefen an Dich die Sprache von ganz vertrauten Freunden nicht zu sprechen. Du darfst überzeugt sein, daß ich Dir mit ganzer Seele angehöre, und daß mir unsere Verbindung eine wahre Erheiterung meines Lebens ist. Ich fürchte nur, daß ich mit der Zeit bei Dir ver- lieren könne, wenn Dir meine Armut an erworbenen Kenntnissen bekannt sein wird.

Ein Brief von Wöhler, der gedruckten Abhandlung über die Cyansäure, die er am 2. Jan. 1831 an Liebig absenden kann, beigelegt, gibt uns Kunde von einem kleinen wissen- schaftlichen Mißgeschick, das den jungen Forscher um diese Zeit ereilte. Der schwedische Chemiker Sefström, ein Schüler von Berzelius, war ihm mit der Entdeckung eines neuen chemischen Elementes, des Metalles Vanadium, zuvorgekommen. Hören wir, was Wöhler uns darüber mitteilt:Verzeihe mir, schreibt er an Liebig,wenn ich auf die Ansichten, die Du mir in Deinem letzten Briefe über die Natur der organischen Körper geschrieben hast, heute nicht näher eingehe. Ich habe heute keinen Sinn dafür, denn im Augenblick interessiert mich nur das neue schwedische Metall, das Vanadium, von Sefström, eigentlich von Berzelius entdeckt. Ich war ein Esel, daß ich es nicht schon vor zwei Jahren entdeckt habe in dem Braunbleierz von Zimapan in Mexiko. Ich war mit der Analyse beschäftigt und hatte schon etwas Apartes darin gefunden, als ich infolge von Flußsäuredämpfen für mehrere Monate krank wurde; und so blieb die Sache liegen. Unterdessen meldete mir Berzelius Sefströms Enitdeckung, der es in schwedischem Stabeisen und der Schlacke davon gefunden hatte. Es ist dem Chrom sehr ähnlich und ebenso merkwürdig. Es ist übrigens dasselbe Metall, das schon Del Rio in dem mexi- kanischen Bleierz gefunden und Erythronium genannt hatte; Descotils aber erklärte dieses Erz für chromsaures Blei. Daß Wöhler das Vanadium unbemerkt durch die Finger geschlüpft war, darüber durfte er mit Liebig sich trösten, dem nicht lange vorher, 1826, ein ähnliches, vielleicht noch empfindlicheres Malheur mit dem Brom passiert war. Liebig, der manche Unter- suchungen wegen Uberhäufung mit wichtigeren Arbeiten auf spätere Zeiten zurückzustellen pflegte, konnte sich, als er Balards²) Abhandlung über das neue chemische Element, das Brom, zu Gesicht bekam, alsbald eine große Flasche Brom aus seinem Schranke holen, in dem es, von der Untersuchung der Kreuznacher Sole herrührend, mit der AufschriftChlorjod schon seit geraumer Zeit aufbewahrt wurde. Berzelius aber tröstet seinen jungen Freund Wöhler in launiger Weise. Er schreibt ihm unter dem 22. Jan. 1831 von Stockholm aus:Was die über- schickte kleine Probe der Substanz mit dem? betrifft, so will ich folgende Geschichte erzählen: Im hohen Norden wohnte in alter Zeit die Göttin Vanadis, schön und liebenswürdig. Eines Tages klopfte es an ihre Tür. Die Göttin war bequem und dachte: es kann wohl noch einmal angeklopft werden; aber es klopfte nicht mehr, sondern der Klopfende ging weiter. Die Göttin, neugierig, wer es sein könne, dem es so gleichgültig war, eingelassen zu werden, sprang ans

¹) Die Honigsteinsäure oder Mellithsäure, C(CO H)., kommt in Form ihres Aluminiumsalzes als sog Honig- stein(gelbe quadrat. Oktaéder) in einigen Braunkohlenlagern vor.

²) Antoine Jéròôme Balard(18021876), Pariser Chemiker, in seinen Lebensgewohnheiten und Anschauungen ein moderner Diogenes, entdeckte das Brom 1826 in den Mutterlaugen der Meeressalinen.

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