Aufsatz 
Friedrich Wöhler, der Arbeitsgenosse und Freund Justus Liebigs
Entstehung
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keit, deren Zusammensetzung 1835 von Liebig ermittelt wurde. Der Acetaldehydi) ist nun aber die Zwischenstufe zwischen dem gewöhnlichen Alkohol, dem Athylalkohol, CH.. CH.OH, und der Essigsäure, CH.. COOH, und läßt sich leicht durch Wasserstoffanlagerung in jenen, durch Zusammenbringen mit Sauerstoff(Oxydation) in diese umwandeln. ²)

In Deutschland wird dieser sog. Carbidspiritus von der Bad. Anilin- und Sodafabrik in Ludwigshafen und von der Dr. Alexander Wacker-Gesellschaft in Burghausen(Oberbayern) erzeugt, in der Schweiz hat das Elektrizitätswerk Lonza in Visp, Kanton Wallis, die Carbid- spiritusgewinnung in großem Maßstabe aufgenommen; das größie Werk dieser Art ist von der Electro Products Company an den Shaniwiganfällen bei Ouebec angelegt worden, das allein an Essigsäure aus Carbid mehr erzeugen will, als alle übrigen Fabriken der Welt nach den alten Herstellungsweisen fertigbringen. War der junge Dozent an der Berliner Gewerbeschule Dr. Friedrich Wöhler durch die Entdeckung der künstlichen Erzeugung des Harnstoffs mit einem Schlage in die Reihe der ersten Forscher des Jahrhunderts eingetreten, so hatte ihm die Unter- suchung der Cyanverbindungen, durch die diese Entdeckung veranlaßt worden war, schon vorher noch einen weiteren Gewinn gebracht, den er stets zu den schönsten seines Lebens zählte, und der für ihn eine dauernde OQuelle der ungetrübtesten Freude wurde. Das war der gegen das Ende der Zwanziger Jahre mit Justus Liebig*) geschlossene Freundschaftsbund. Wie wir schon andeuteten, verdankt diese Freundschaft ihre Entstehung einem wissenschaftlichen Streite. Ungefähr gleichzeitig mit Wöhlers Untersuchungen über die Cyansäure hatte der fast gleichalterige Liebig, in dem Laboratorium Gay-Lussacs in Paris arbeitend, die denk- würdige Untersuchung über die fulminierenden(d. h. unter Knall explodierenden) Metallverbin- dungen Howards und Brugnatellis vollendet. Durch seine Versuche war die Tatsache fest- gestellt worden, daß das furchtbar explosive Knallsilber genau dieselbe prozentische Zu- sammeusetzung besitzt wie das von Wöhler analysierte vollkommen harmlose cyansaure Silber(Silbercyanat) Eine derartige Ubereinstimmung in der prozentischen Zusammen- setzung bei völliger Verschiedenheit in den physikalischen und chemischen Eigenschaften nennen wir jetzt, wie bereits oben bemerkt, nach Berzelius' Vorgang Isomerie. Sie hat heute für uns nichts Befremdliches mehr, wo wir Dutzende von Beispielen dafür kennen gelernt haben, aber zu damaliger Zeit war diese Erscheinung in hohem Grade auffallend. Liebig, an der Richtigkeit von Wöhlers Analysen zweifelnd und sich stützend auf die von ihm wiederholte Analyse des cyansauren Silbers, glaubte eine Verschiedenheit in der Zusammensetzung der beiden oben genannten Stoffe annehmen zu müssen Die Folge war eine wissenschaftliche Fehde zwischen den beiden jungen Forschern, aus der Wöhler als Sieger hervorging. Er wies nach, daß Liebig mit nicht reinem cyansaurem Silber gearbeitet hatte, und veröõffentlichte neue Ana- lysen, die seine früheren Resultate vollkommen bestaätigten. Dieser Streit aber, weit entfernt, Verstimmung hervorzurufen oder gar Zwietracht zu säen, wie sie bei solcher Gelegenheit in minder hochherzigen Gemütern nur zu leicht erwacht, wird im Gegenteil Veranlassung zu einem Freundschaftsbunde, wie ihn fruchtbringender die Geschichte der Wissenschaft kaum zu verzeichnen hat. Im Laufe des Winters, der Wöhlers Übersiedelung nach Berlin vorausging, war Liebig, der damals trotz seiner 21 Jahre bereits Professor der Chemie in Gießen war, nach Frankfurt gekommen, und die beiden jungen Chemiker hatten sich in dem Hause eines gemeinschaftlichen Freundes auch persönlich, von Angesicht zu Angesicht, kennen gelernt.) Ihre Zusammenkunft in Frankfurt war nur von kurzer Dauer, aber beide trennten sich in dem Bewußtsein, einen Freund

¹) Das WortAldehyd schuf Liebig, es sollentwasserstofften Alkohol: alcohol dehydrogenatus be- deuten; der(gewöhnliche) Aldehyd heißt deshalb A cetaldehyd, weil er zu der Essigsäure, Acidum aceticum, in naher Beziehung steht. Der Acetaldehyd reduciert ammoniakalische Silbersalzlösung und dient deshalb auch zum Versilbern von Glas(Spiegeln).

*) Bei allen diesen soeben erwäahnten chem. Vorgängen spielt eine wichtige Rolle der sog. Katalysator oder Beschleuniger. Der Name und Begriffkatalytisch wird 1835 von Berzelius aukfgestellt.

²)Joh. Justus Liebig ist, laut Kirchenbuch der Stadtgemeinde Darmstadt,geboren 12. Mai 1803 als Sohn des Bürgers und Handelsmannes Georg Liebig und dessen Ehefrau Marie Garoline, geborene Möserin und am 14. Mai getauft. Sein Pate war der Bürger und Wagnermeister Joh Justus Benner. Gestorben ist Liebig am 18. April 1873 in München, wohin er von Gießen 1852 übergesiedelt war. Liebig, aus der Pariser Schule(Gay-Lussac, Thénard, Dulong) hervorgegangen, vorher Schüler Prof. Kastners in Bonn und Erlangen, in Paris Schützling Alexander v. Humboldis, arbeitete mit Gay-Lussac zusammen über das Knallsilber und wird bereits mit 21 Jahren Prof. der Chemie in Gießen. Er wirkte bahnbrechend als Lehrer (erstes Unterrichtslaboratorium in Deutschland), Forscher(Verbesserung der organ. Elementaranalyse: Fünf- kugelapparat, Knallquecksilber, Chloroform und Chloralhydrat, Cyankalium und chlors. Kali, Bittermandelol, Amygdalin, Harnsäure, Tier- und Pflanzenphysiologie), Reformator(künstlicher Dünger, Fleischextrakt, Sâug- lingssuppe, Kleienbrot, chem. Backpulver), Schriftsteller(Die Chemie in ihrer Anwendung auf Agrikultur und Physiologie,Chemische Briefe). 1845 durch Großherzog Ludwigll. von Hessen in den erb- lichen Freiherrnstand erhoben. Präsident der bayerischen Akademie der Wissenschaften.

) Nach Liebig hätte diese Zusammenkuntft erst 1827 stattgefunden. Siehe Briefwechsel: Liebig an Wöhler, 26. V. 60, Obige Angabe stammt von Hofmann, Zur Erinnerung ete, II, S. 40.

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