Aufsatz 
Friedrich Wöhler, der Arbeitsgenosse und Freund Justus Liebigs
Entstehung
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stoff und jener kristallisierte Körper oder das cyansaure Ammoniak, wenn man es so nennen könnte, vollkommen identische Stoffe sind. Es hatte sich demnach wunderbarerweise das cyan- saure Ammoniak vor den Augen Wöhlers in Harnstoff umgewandelt.Das unerwartete Resultat, sagt Wöhler in derselben Abhandlung,ist auch insofern eine bemerkenswerte Tat- sache, als sie ein Beispiel von der künstlichen Erzeugung eines organischen, und zwar sogenannten animalischen Stoffes aus unorganischen Stoffen darbietet. Die Tatsache, daß das cyansaure Ammoniak(auch Ammoniumcyanat genannt) beim Eindampfen seiner wässrigen Lösung in Harnstoff übergeht, wird uns verständlich, wenn wir die chemischen Formeln der beiden Stoffe miteinander vergleichen. Die Strukturformel für das cyansaure Ammoniak ist:

N CO N. die für den Harnstoff oder das Carbamid: NH 0=C NH.

eingeführten Worte sich auszudrücken pflegt, isomer(von den griechischen Worten isos, gleich, und meros, Teil). Die Umwandlung des cyansauren Ammoniaks in Harnstoff beruht also auf einer beim Verdunsten der wässrigen Lösung vor sich gehenden Atomumlagerung, vergleichbar dem Spiel mit Ankersteinbauklötzchen, bei dem aus denselben Steinchen die verschiedensten Modelle sich aufbauen lassen. ¹)

Durch seine Entdeckung war Wöhler über Nacht ein berühmter Mann geworden. Durch seine chemische Großtat war die Schranke gefallen, die bis dahin die organische Chemie von der anorganischen getrennt hatte, die geheimnisvolle Vis vitalis oder Lebenskraft aber war in der Versenkung verschwunden. Nachdem einmal Wöhler den Chemikern den Weg gebahnt hatte, schritt die organische Synthese bald von Erfolg zu Erfolg, um in unseren Tagen eine staunenswerte Höhe der Vollendung zu erreichen. Der um die Synthese organischer Verbin- dungen und auch um die Thermochemie hochverdiente Pariser Chemiker Marcellin Berthelot (1827 1907) stellt 1854 die Fette, 1855 die Ameisensäure, 1867 das Benzol synthetisch dar, Friedr. August Kekulé v. Stradonitz(1829 18906) geb. Darmstädter, seit 1865 Prof. der Chemie in Bonn, berühmt durch seine Valenztheorie(Vierwertigkeit des Kohlenstoffes) undsein Sechseckschema des Benzolkerns(Ortsisomerie) 1860 die Rpfelsäure(aus Monobrombernstein- säure), Wöhlers Schüler, der Leipziger Chemiker Hermann Kolbe, 1860 die Salicylsäure, Karl Graebe(1841 1927, geb. u. gest. in Frankfurt a. M., Schüler Baeyers, 1878 1906 Prof. an der Univ. Genf) und Karl Liebermann(1842 1914, Prof. an der Techn. Hochschule in Berlin), beide damals an der Gewerbeakademie in Berlin, 1869 den Farbstoff des Krapps, das Alizarin(erste Synthese eines Pflanzenfarbstoffs), Wilhelm Haarmann und Ferdinand Tiemann 1874 das Vanillin, der berühmte Münchener Chemiker und Nachfolger Liebigs Adolf von Baeyer(1835 1917) 1880 den Indigo, und zwar aus Zimtsäure, den seit 1897 die Badische Anilin- und Sodafabrik aus Naphtalin und seit 1901 die Höchster Farbwerke aus Anilin im großen Maßstabe herstellen; Baeyers Schüler Emil Fischer(1852 1919), seit 1892 Nachfolger Aug. Wilh. v. Hofmanns auf dem Berliner Lehrstuhle, stellt 1800 den Traubenzucker und den Fruchtzudker, 1897 das Caffein und das im Kakao enthaltene Theobromin künstlich dar, die Chemiker der Chemischen Fabrik auf Aktien(vormals Schering) in Berlin 1902 den Kampfer, der Chemiker der Höchster Farbwerke Dr. F. Stolz das Adrenalin(Sekret der Nebenniere, das gefäßverengernd, also blutstillend wirkt), das die Farbwerke als Suprarenin in den Handel bringen, die Chemiker der Elberfelder Farbenfabriken Dr. Fritz Hofmann und Dr. C. Coutelle den Kautschuk. Ja, selbst an die kompliziertesten Produkte des Tier- und Pflanzenlebens hat sich die moderne Chemie gewagt: Emil Fischer ist der künstliche Aufbau eiweißartiger Stoffe, der sog. Polypeptide, gelungen, und die Chemiker der Leipziger Riechstoffindustrie(Heine&. Co, Schimmel& Co) haben das Kunststück fertiggebracht, künstliches Rosenöl darzustellen, zu welchem Behufe sie die mehr als 1 ½ Dutzend verschiedenen Aromatika, die das natürliche Rosenöl enthält, einzeln künstlich herzustellen und dann im richtigen Mengenverhältnis zusammenbringen mußten. Und, um nur ein Beispiel aus allerneuster Zeit anzuführen, man gewinnt gar aus ge- branntem Kalk, Koks und Wasser auf dem Wege über das Calciumcarbid und das Acetylen synthetischen Acetaldehyd, CH.. CHO, eine farblose, flüchtige, leicht bewegliche, eigentümlich gewürzhaft und erstickend riechende, sehr leicht entzündliche, von Scheele 1774 entdeckte Flüssig-

¹) Große Mengen Harnstoft als Düngemittel stellt jetzt die Badische Anilin- und Sodakabrik dare durch Erhitzen von carbaminsaurem Ammonium,. CO. NH,, auf 130 140° unter Druck; dieser synthetische Harnstoff ist wegen seines hohen Stickstoffgehaltes(ca. 46%) und wegen seiner absoluten Unschädlichkeit und Wasserbestän- digkeit ein idealer Stickstoffdünger.

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