Nicolas Vauquelin:) stellten den Harnstoff zuerst im reinen Zustande her und gaben ihm den Namen„Urée“(lat. urea). Der Harnstoff gehört(neben der Harnsäure und dem Kreatinin) zu den stickstoffhaltigen Endprodukten des Eiweißstoffwechsels und wird in einer täglichen Menge von ca 30 g mit dem Harne aus dem Organismus ausgeschieden. Er bildet sich im Körper aus zwei Giften, Ammoniak, das, auf dem Wege über die Aminosäuren, aus dem Zelleiweiß sich abspaltet, und Kohlensäure, dem Verbrennungsprodukt des Kohlenstoffs beim Eiweiß-, Fett- und Kohlenhydratstoffwechsel. Ammoniak und Kohlensäure verbinden sich zu kohlensaurem Ammoniak(Ammonium), das in der Leber, der großen Entgiftungsdrüse, unter Wasserabspaltung zu Harnstoff umgebaut wird, der dann in den Nieren, mit dem Harne, aus dem Blute sich ausscheidet:
(NHL.)e CO,—(NCo+ 2120
Kohlensaures Ammon Harnstoff Wasser Während beim Menschen, den Säugetieren, Amphibien und Fischen die Hauptmasse des Stick- stoffs als Harnstoff ausgeschieden wird, erscheinen bei den Vögeln, den Reptilien und vielen niederen Tieren die stickstoffhaltigen Endprodukte des Stoffwechsels namentlich in Form von Harnsäure, die ebenfalls von der Leber geliefert wird(aus milchsaurem Ammon); bei dem Menschen und den Säugetieren, wo die Harnsäure normalerweise nur in geringer Menge erscheint, stammt sie aus dem Stoffwechsel der Nukleine, phosphorhaltiger Eiweißstoffe der Zellkerne.
Der Harnstoff läßt sich aus dem Harne leicht in Form von farblosen, langen, nadel- förmigen, gestreiften Kristallen gewinnen, die in Wasser leicht löslich sind und kühlend wie Salpeter schmecken Seine wässrige Lösung reagiert neutral, aber trotzdem hat der Harnstoff einen scharf ausgeprägten basischen Charakter und verbindet sich wie das Ammoniak, dessen Abkömmling er ist, durch direkte Addition mit Säuren zu gut Kristallisierenden Salzen. Der Harnstoff gehört zu der großen Gruppe von chemischen Verbindungen, die unter dem Einflusse des Lebensprozesses im Tier- und Pflanzenkörper gebildet werden, und die man schon frühzeitig unter dem Namen der organischen Stoffe von den im Minerzalreich sich findenden unor- ganischen oder Mineralstoffen unterschied.
Trotz zahlreicher Ahnlichkeiten, die beide Gruppen von chemischen Verbindungen in ihren physikalischen Eigenschafſen und ihrem chemischen Verhalten aufweisen, glaubten die damaligen Chemiker doch einen fundamentalen Unterschied zwischen beiden festgestellt zu haben: Wenn man die Zusammensetzung einner Mineralsubstanz qualitativ und quantitativ erforscht hatte, so war es in der Regel auch gelungen, sie aus ihren Bestandteilen wieder zu erzeugen; der Analyse oder Zerlegung folgte die Synthese oder der Aufbau auf dem Fuße.
Ganz anders die Stoffe, die man dem Organismus der Pflanze und des Tieres entnommen hatte. Wie sorgfältig man sie zerlegt haben mochte, bislang waren alle Versuche gescheitert, sie aus ihren Elementen wieder zurückzubilden, und man hatte sich bereits an die Annahme ge- wöhnt, daß an ihrer Bildung außer den im Mineralreiche wirksamen chemischen Kräften noch eine besondere geheimnisvolle Kraft, die„Vis vitalis“ oder„Lebenskraft“, wie man sie nannte, beteiligt sei. Man kann sich das Erstaunen und die Aufregung vorstellen, die die da- maligen Chemiker erfaßte, als Wöhler die Welt mit der Kunde überraschte, daß ihm die erste Synthese, d. h. künstliche Darstellung, einer organischen vVerbindung, des Harn-— stoffs, geglückt sei. Wir erinnern uns, daß Wöhler schon in Marburg mit Untersuchungen über die Verbindungen des Cyans, dieser seltsamen, von Gay Lussac 1815 entdeckten, wie ein chemisches Element sich verhaltenden Atomgruppe, CN, sich beschäftigt hatte. In: Heidel- berg hatte er seine Versuche über die Cyansàure begonnen, bei Berzellius in Stockholm sie weitergeführt und sie auch jetzt in Berlin wieder auflgenommen. Als er nun versuchte, das cyansaure Ammoniak, ein Salz, das beim Zusammentreffen von Cyansäuredämpfen mit trocknem Ammoniab als ein weißes kristallinisches Pulver sich bildet*), auch auf indirektem Wege darzustellen, indem er cyansaures Silberoxyd durch eine Salmiak(Chlorammonium)-Auflösung oder cyansaures Bleioxyd durch flüssiges Ammoniak zersetzte, da erhielt er bei dem letztgenannten Versuche neben Bleioxyd nur ein einziges Produkt, nämlich farblose, klare, oft mehr als zollange Kristalle, die ihrer ganzen Bildungsweise nach nichts anderes als cyansaures Ammoniak sein konnten, aber zu Wöhlers größter Verwunderung weder die Reaktionen der Cyansäure noch die des Ammoniaks zeigten, dagegen merkwürdigerweise in ihrem chemischen Verhalten an den— Wöhler wohlbekannten— Harnstoff erinnerten.
„Diese Khnlichkeit im Verhalten mit dem Harnstoff“, so berichtet Wöhler in seiner dies- bezüglichen Abhandlung'),„veranlaßte mich, vergleichende Versuche mit vollkommen reinem, aus Urin abgeschiedenem Harnstoff anzustellen, aus denen ganz unzweideutig hervorging, daß Harn-
¹) Louis Nicolas Vauquelin(1763— 1820), Schüler, Mitarbeiter und Nachfolger Fourcroys, glänzender Experi- mentator, entdeckte u. a. die Chinasäure, das Asparagin, die Kampfersäure, das Chrom(1797) und die Beryll- orde(im gleichen Jahre).
²) CN.O. H+ NH.= CN.O. NH,
3) Poggendorffs Annalen XIlI, 253(1828).
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