nur die großen Stücke. Ich wünschte sehr, daß Du für die Annaleni) eine Note schreiben möchtest; es ist doch seltsam, daß man in allen Journalen davon spricht, und in dem, worauf Dein Name steht, nicht davon die Rede ist. Wirksamer wäre es gewesen, wenn der Hauptinhalt Deines Briefes an Dumas“ꝰ) gleichzeitig in den Annalen erschienen wäre“.
Der feinfühlige Wöhler weist dieses Ansinnen zunächst zurück, sieht sich aber später, als man in Frankreich eine Nachschrift, die er einem Briefe an Dumas beigefügt hat, entstellt wiedergibt, genötigt, die Flucht in die öffentlichkeit zu ergreifen. Im übrigen überläßt er seine gerechte Sache ruhig der Zeit und dem Taktgefühl der französischen Chemiker. Und er hat sich nicht getäuscht. Schon im Mai 1855 kann er Liebig schreiben:„Die Franzosen haben mir nun in Betreff des Aluminiums volle Gerechtigkeit widerfahren lassen, nachdem sie freilich alle Versuche gemacht hatten, die Ehre der Entdedcung den Franzosen zuzuwenden. Besonders nobel und klug hat sich Dumas gezeigt, der den Kaiser?*) bewogen hat, Deville und mir das Officierkreuz der Ehrenlegion zu verleihen. Mit Deville stehe ich in freundschaftlichem Verkehr, dessen Verdienste um die Darstellung des Aluminiums im großen niemand mehr anerkennen kann als ich“.
Sainte-Claire Deville macht die Wöhler gewährte Genugtuung zu einer vollkommenen, indem er eine Denkmünze aus Aluminium herstellen läßt und Wöhler übersendet, die auf dem Avers das Bild des Kaisers Napoléon III., auf der Rückseite aber den Namen Wöhler und die Jahreszahl 1827 aufweist.
Als Liebig von dieser Denkmünze hört, schreibt er an Wöhler aus München am 23. Juli 1855:„lch möchte gern dem König Max und auch meinen Zuhörern Deine Medaille aus Aluminium zeigen und bitte Dich auf 8 Tage darum“. Napoléon III. war übrigens von dem Aluminium so begeistert, daß er auch die franzõsischen Adler aus diesem Metalle herstellen ließ. Wir erfahren dies aus dem letzten Briefe, den Wöhler an Liebig geschrieben hat. Er ist datiert: Wiesbaden, den 7. April 1873, und in ihm heißt es:„... Auf meine Anfrage schreibt mir Lepsius¹), daß die Adler auf den eroberten franzõsischen Fahnen wirklich aus vergoldetem Aluminium bestehen— ein Metall, das 1827 zuerst in Berlin dargestellt worden ist. Sic eunt fatas5).“ Das Aluminium, das anfangs so teuer war, daß eine Aluminium-Kinderklapper, die Deville im Jahre 1856 bei der Geburt des Prinzen Lulu der kaiserlichen Familie zum Ge- schenk machte, als kostbares Angebinde bestaunt wurde— kostete doch im Jahre 1855, wo es auf der Pariser Weltausstellung als das„Silber aus Ton“ großes Aufsehen erregte, das Kilo- gramm 1000 ℳ— und von dem noch im Jahre 1886 das Kilogramm 100 ℳ kostete, ist erst wesentlich billiger geworden, seitdem man die alte chemische Methode der Gewinnung durch die elektrolytische ersetzt hat. Nachdem Charles M. Hall 1886 in dem natürlichen Kryolith, einem nur in Grönland in größeren Lagern sich findenden Mineral: Natriumaluminiumfluorid, Na, Al Fa, das geeignete Fluß- und Löõsungsmittel für die Tonerde, das Aluminiumoxyd, Al.Oa, gefunden hatte?), ging man seit dem Jahre 1890 zum fabrikmäßigen Großbetrieb über, indem man das aus dem Mineral Bauxit oder Wocheinit)) aufbereitete reine Aluminiumoxyd portionsweise zu dem im elektrischen Ofen mittelst eines Stromes von etwa 12000 Ampère geschmolzenen Kryolith) hinzufügt und das darin sich auflösende Aluminiumoxyd durch den Strom in seine Elemente, Sauer- stoff und Aluminium, zerlegt. Der eigentliche Aufschwung der Aluminiumindustrie datiert vom Ende des Jahres 1891, als die schweizerische Aluminiumindustrie-Aktiengesellschaft in
¹) Gemeint sind die„Annalen der Chemie und Pharmacie“, eine von Liebig herausgegebene chem. Zeit- schrift, die lange Jahre auch Wôhlers Name als Mitherausgebers auf dem Titelblatt trug.
²) Joan Baptiste André Dumas(1800— 1881), Pariser Chemiker, berühmt durch seine Dampfdichte- und Stickstoffbestimmung, vor allem aber durch seine Substitutionstheoric(Ersetzbarkeit eines Elementes in Verbindungen durch ein anderes, insbesondere des Wasserstoffs organischer Verbindungen durch Chlor, wie 2z. B. in der von ihm 1830 entdeckten Trichloressigsäure, CCls. C0OH). Seit 1832 Nachfolger Gay-Lussacs an der Sorbonne. Auch als Politiker hat Dumas eine große Rolle gespielt. Nach der Revolution von 1848 in die„gesetzgebende Versammlung“ gewählt, bekleidete er 1849—51, unter der Präsidentschaft Louis Napoléons im Kabinett den Posten als Minister des Ackerbaus und Handels und war, selbst„den dunklen
. Schichten des Volkes entsprossen“(seine eigenen Worte), hervorragend sozialpolitisch tätig.
³) Napoléon IIl.
¹) Wöhlers Freund Karl RichardLepsius(1810—1884), berühmter Berliner Agyptologe, der Vater des Darm- städter Geologen und Direktors der geolog. Landesanstalt(seit 1876) Richard Lepsius(1851—1915).
⁵) So gehen die Geschicke..
) Hall erzeugte 1886 mit dem Strom von 7 Grove-Elementen zwischen Kohleelektroden die ersten Stücke Aluminium aus dieser Schmelze.
*) Der Bauxit, ein zuerst bei der südfranzösischen Stadt Les Baux entdecktes, auch im Wocheiner Tal in Krain, ferner in Steiermark, in Kalabrien, bei Belfast in Irland, iu Ungarn und in den Vereinigten Staaten, in Deutsch- land bei Hadamar(Rgbz. Wiesbaden), im Vogelsberg und in der Wetterau vorkommendes Verwitterungsprodukt des Basalts, stellt ein mit Eisenhydroxyd und Kiesclerde gemengtes Aluminiumhydroxyd(Tonerdehydrat) dar. Der oberhessische Bauxitbergbau ist 1923 zum Erliegen gekommen.
) Man verwendet aber jetzt allgemein künstlich hergestellten Kryolith, weil der Kieselsäuregehalt des natürlichen Minerals zur Verunreinigung des Metalls mit Silicium Veranlassung gibt.
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