sprach er später davon, daß„diese an Worten und ldeen so reiche, an wahrem Wissen und ge- diegenen Studien so arme Periode“, während deren er in Erlangen zu Füßen Schellings ¹) saß, ihn um zwei kostbare Jahre seines Lebens gebracht habe.
Wöhler, dem Nüchternen, widerstrebte diese Richtung, ihm mochte es gehen wie dem Schüler im„Faust“: „Mir wird von alledem so dumm, Als ging mir ein Mühlrad im Kopf herum.“
Seinen seitherigen Bestrebungen treu bleibend und im Besitze eines eigenen Laboratoriums zögert er nun nicht, seinem Forschertriebe alsbald nach den verschiedensten Richtungen zu folgen. Von den ungemein zahlreichen Untersuchungen und Arbeiten der Berliner Periode sind die beiden bedeutendsten die Entdeckung des Metalles Aluminium und die künstliche Darstellung des Harnstoffs.
Bei ihnen müssen wir etwas länger verweilen, weil sie es sind, die den Ruhm des Namens Wöhler in die ganze Welt hinausgetragen haben.
Während Wöhlers Aufenthalts in Stockholm war Berzelius die lsolierung, d. h. die Rein- darstellung des Siliciums, des Grundbestandteiles der Kieselsäure, gelungen(1823).
An diese Arbeit des Meisters sich anlehnend, erhält nun Wöhler im Jahre 1827 das Aluminium, indem er Kalium auf Chloraluminiumꝰ) einwirken läßt, wobei Chlorkalium entsteht und Aluminium freiwird.
Das neuentdeckte Metall wird allerdings zunächst nur in Form eins grauen Pulvers erhalten, das unter dem Polierstahl grauweiß wird. Erst 18 Jahre später, als er schon längst Professor an der Universität Göttingen ist, gelingt es ihm, nach derselben Methode, das Metall in Form von Kugeln zu erhalten. Am 24. Januar 1845 schreibt er von Göttingen aus an Liebig in Gießen:„Ich habe gefunden, daß man das Aluminium in geschmolzenen, stecknadelkopfgroßen Kugeln erhalten kann, völlig geschmeidig, zinnweiß, in Kalilauge unter Wasserstoffentwicklung leicht löslich“, aber schon am 15. Februar des gleichen Jahres kann er seinem Freunde berichten: „Ich habe das Aluminium in so großen Kugeln erhalten, daß ich das spezifische Gewicht be- stimmen konnte, es ist 2,50³)“.
Im Jahre 1854 war es, durch technische Verbesserung und damit Verbilligung der Natrium- herstellung, dem Pariser Chemiker Henri Etienne Sainte-Claire Deville(1818—1881), dem Nachfolger Dumas' an der Sorbonne und Begründer der Aluminium-, Magnesium- und Platinindustrie(dem wir auch die 1857 begonnenen klassischen Untersuchungen über die „Dissociation“, d. h. mit steigender Temperatur zunehmende Zersetzung, gasförmiger Verbindungen verdanken), gelungen, das Aluminium, durch Reduktion von Kryolith mit Natrium, fabrikmäßig darzustellen. Es darf uns bei dem ein wenig zur Eitelkeit neigenden Charakter der Franzosen nicht Wunder nehmen, daß man in Frankreich nun anfangs versuchte, Deville als den eigentlichen Entdecker des Aluminiums hinzustellen.
Liebig fordert seinen Freund auf, seine Rechte zu wahren, er schreibt an Wöhler unterm 15. Mai 1854:„Ich war zwei Tage in Paris und habe Deville und sein Aluminium gesehen. Denke Dir, er stellt es nach Bunsens¹) Methode mit dem galvanischen Strome dar. Neu sind eigentlich
¹) Friedrich Wilhelm Jos. v. Schelling(1775— 1854), berühmter Philosoph, 1820— 27 in Erlangen, seit 1841 Berlin. In seiner letzten Entwicklungsstufe, der positiven Philosophie, wollte er eine christliche Philo- sophie aus Mythologie und Offenbarung begründen, indem er gnostische Phantasien mit seiner ldentitäts- philosophie vereinte.
²) Das Chloraluminium war im gleichen Jahre von Hans Christian Oersted durch Erhitzen eines zu Kugeln geformten Gemenges von Tonerdehydrat, Kohlenpulver und Zuckersirup in einem Chlorstrome bei Rotglüh- hitze erhalten worden.
³) Nach späteren genaueren Bestimmungen schwankt, je nach der Bearbeitung, die Dichte des Aluminiums zwischen 2,64 und 2,7.
¹) Robert Wilhelm Bunsen(1811— 1890), Nachfolger Wöhlers in Kassel, seit 1838 Prof. in Marburg, 1851 in Breslau, seit 1852 in Heidelberg, 1889 im Ruhestande. Ganz hervorragender Experimentator. Er stellt 1837 die merkwürdigen Kakodylverbindungen(Verbindungen der Dimethylarsengruppe, As(CHs)) dar, erfindet 1840 das Bunsenelement, 1843 das Fettfleckphotometer, 1850 den Bunsenbrenner, 1870 ein sehr genaues Eiscalori- meter, stellt 1845 auf Grund von Forschungen in lsland seine Geysirtheorie auf, begründet im gleichen Jahre die Gasanalyse, zerlegt 1851 das geschmolzene Magnesiumchlorid mit Hilfe des elek- trischen Stromes in Magnesium und Chlor und zeigt damit den Weg zur industriellen Gewinnung der Erdalkali- und Erdmetalle. Er begründet 1850 mit Gustav Robert Kirch- hoff(1824—1887, 1854 Prof. in Heidelberg, seit 1874 in Berlin) die Spektralanalyse, mit deren Hilfe er 1860 in der Dürkheimer Mutterlauge das Metall Cäsium, 1861 in dem Mineral Lepidoſith das Rubidium entdeckte. Liebigs Brief zufolge hat Deville versucht, außer auf rein chemischem Wege, auch elektrolytisch nach Bunsens Methode Aluminium fabrikmäßig herzustellen.
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