Aufsatz 
Friedrich Wöhler, der Arbeitsgenosse und Freund Justus Liebigs
Entstehung
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Winter eifrig mit Vorbereitungen für seine Habilitation als Privatdozent der Chemie an der Universität Heidelberg beschäftigt. Zur Übersiedelung nach Heidelberg kam es indessen nicht. Gerade um diese Zeit nämlich war in Berlin von dem um die Stadt hochverdienten Bürger- meister von Bärensprung die städtische Gewerbeschule gegründet worden, an der auch eine Lehrstelle für Chemie vorgesehen war. Diese Stelle wurde nun Wöhler angetragen, und zwar hauptsächlich auf Betreiben des Berliner Geognosten und Mitgliedes der Berliner Akademie der Wissenschaften Freiherrn Christian Leopold von Buch(17741853), berühmt durch seine geognostischen Reisen in Europa, dessen Bekanntschaft Wöhler schon sls Marburger Student gemacht hatte. Damals hatte nämlich Wöhlers Lehrer, der Professor der Mineralogie Ullmanni), den jungen Studiosus dem berühmten Berliner Gelehrten als den Entdecker des Kali-Kalk-Harmotoms oder Phillipsits vorgestellt, eines früher unbekannten Minerals, das Wöhler in einem Basaltbruch gefunden hatte*). Seit dieser Zeit interessierte sich Leopold von Buch für den jungen Mann und schrieb jetzt einen eigenhändigen längeren Brief an ihn, ihm die Vorteile der neuen Stelle im hellsten Lichte schildernd. Als auch noch Berzelius in gleichem Sinne an Wöhler geschrieben hatte, da entschloß sich dieser, die angebotene Stelle anzunehmen und, wenn auch schweren Herzens, auf den Lieblingsplan des Heidelberger Privat- dozententums zu verzichten.

Im März 1825 reiste Wöhler nach Berlin. Vorläufig wurde er nur für ein Jahrauf gegenseitige Probe mit 400 Talern Gehalt und einer bescheidenen freien Wohnung angestellt. Das Direktorium der Schule erkannte schnell, welche ausgezeichnete Kraft man an Wöhler ge- wonnen hatte. In dem Maße, als sich die Anstalt entwickelte und ausdehnte, verbesserten sich seine äußeren Verhältnisse, und nach Verlauf weniger Jahre wurde ihm die Stelle definitiv über- tragen mit einem ansehnlichen Gehalt und großer freier Wohnung in dem Hause der Anstalt selbst; 1828 wurde er durch einen königlichen Erlaß zum Professor ernannt. Der Aufenthalt in Berlin, die größeren Hilfsmittel, die ihm hier zu Gebote standen, der rege wissenschaftliche Verkehr mit den anderen aus Berzelius' Schule, mit Mitscherlich, Heinrich und Gustav Rose und mit dem ihm innig befreundeten Gustav Magnus, die häufige Gelegenheit, in verschiedenen Kreisen mit zahlreichen hervorragenden Männern jener Zeit in Berührung zu kommen, alles dies konnte nicht verfehlen, anregend und belehrend zu wirken. Von ganz be- sonderem Vorteile war es für ihn, daß er sich fortwährend der Gewogenheit und Protektion Leopold von Buchs zu erfreuen hatte. Zu seinen liebsten Erinnerungen zählte er später auch, den Großmeister der deutschen Naturforschung, den berühmten Weltreisenden, Begründer der klimatolog. und Pflanzen-Geographie und der Physik des Meeres, den Mitarbeiter Gay- Lussacs(bei dessen Entdeckung der chemischen Gasgesetze, 1805 1808) und Gönner Liebigs, den Freiherrn Alexander von Humboldt(1769 1850) persönlich kennen gelernt, seinen geistvollen, alle Gebiete des Wissens umfassenden Unterhaltungen beigewohnt, seine berühmten Kosmosvorträge gehört zu haben. In Berlin erneuerte er auch die Bekanntschaft mit einem wunderlichen Kauze, den er schon bei Berzelius kennen gelernt hatte. Es war dies der Philosoph, Naturforscher und Dichter Henrik Steffens(1773 1845), ein geborener Norweger, 1811 Prof. in Breslau, seit 1831 in Berlin. Wöhler berichtet uns, Steffens,dieser sog. geistreiche Mann, habe in seinen Vorlesungen in Berlin unter anderm vorgetragen, der Diamant sei nichts anderes als ein zu sich selbst gekommener Quarz.lch traf ihn einmal, erzählt Wöhler,beim Essen im Café royal und erzählte ihm von Untersuchungen, von Tatsachen, mit denen ich beschäaftigt war.Das ist alles ganz gut, lieber Doktor, sagte er,aber es ist nicht der wahre Weg in der Naturforschung; verlassen Sie diese Richtung und schlagen Sie sich zu uns, da werden Sie zu anderer Erkenntnis kommen. Zu derselben Zeit wurden auch von den Hegelianern einige Versuche gemacht, mich zu werben(ich wohnte sogar mit Hegel in einem Hause und und habe mit ihm Whist gespielt). Wöhlers berühmter Bekannter, derpreußische Staats- philosoph Georg Wilhelm Friedrich Hegel(17701831), pflegte in seinen Vorlesungen zu lehren: Anfang der Naturphilosophie oder erste unmittelbare Bestimmung der Natur ist Raum und Materie; in der Physik hat sich die Materie zum Körper individualisiert, im chemischen Prozeß vernichtet die unorganische Natur sich selbst. Die Aufhebung des chemischen Prozesses ist das Organische, das Lebendige. Das Leben ist Selbst- erhaltung, Selbstzweck. Im Menschen zum freien vernünftigen Selbst geworden, vollbringt der Geist seine Selbstbefreiung von der Natur.

Dieser damals an den deutschen Hochschulen herrschenden Naturphilosophie hatte sich auch Liebig, der Phantasievolle, als junger Student nicht entziehen können. Aber mit Bitterkeit

¹) An ihn erinnert der UIlmannit oder Antimonnickelglanz, Ni Sb S, ein Mineral, das sich auf Erzgängen, u. a. im Siegen'schen, findet.

²) Jetzige Fundorte sind: Stempel bei Marburg, Habichtswald bei Kassel, Annerod bei Gießen, Kaiserstuhl, Löbau in Sachsen, Böhmen, Riesendamm bei Irland, Sizilien u. s. w.

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