Aufsatz 
Friedrich Wöhler, der Arbeitsgenosse und Freund Justus Liebigs
Entstehung
Einzelbild herunterladen

Wöhler war so glücklich, in einer Zeit bei Berzelius zu arbeiten, in der dieser in seiner Vollkraft mit den schönen Untersuchungen über die Fluorverbindungen, das Silicium, das Bor u. s. w. beschäftigt war. Es war für ihn höchst belehrend, diese Forschungen in ihrem speziellen Verlaufe zu verfolgen, dabei alle die sinnreichen Mittel und Methoden und alle die kleinen Handgriffe kennen zu lernen, die Berzelius eigentümlich waren, und ihm in der Be schaffung des Materials dazu behilflich sein zu können. Die ersten Arbeiten, die Wöhler auf Berzelius' Rat vornahm, waren quantitative Mineraluntersuchungen, denn in der Anwendung der Wage hatte er noch wenig ÜUbung. Nebenbei beschäftigte er sich mit der Darstellung von Stoffen, die er wenig oder noch nicht kannte: Selen, Lithion, Ceroxyd, Wolfram.

Auch nahm er jetzt wieder die Untersuchungen über die Cyansäure auf, für die sich Berzelius lebhaft interessierte, da sie ihm für die Entscheidung der Frage, ob das jetzt unter dem Namen Chlor allgemein bekannte gelbgrüne Gas ein Element(chemischer Grundstoff) oder eine chemische Verbindung sei, von Wichtigkeit zu sein schienen. Sir Humphry Davy hatte die Theorie aufgestellt, dieses Gas sei ein Element, und hatte ihm den Namen Chlor beigelegt. Berzelius, der es für eine chemische Verbindung hielt, nämlich für oxydierte Salzsäure¹) hatte die Davy'sche Theorie lange Jahre hartnäckig bekämpft, mußte jedoch schließlich, der Macht der inzwischen bekanntgewordenen Tatsachen sich beugend, Davy Recht geben. Sogar seine alte Köchin und chemisches Faktotum Anna mußte diese wissenschaftliche Schwenkung mit- machen, denn als sie eines Tages beim Ausspülen eines Kolbens die Bemerkung machte, er rieche nach oxydierter Salzsäure, da wurde sie von Berzelius belehrt:Anna, Du mußt jetzt nicht mehr von oxydierter Salzsäure sprechen; von heute an mußt Du Chlor sagen.

Die freie Zeit, die Wöhler übrig hatte, verwendete er meist zur Erlernung der schwedi- schen Sprache und übersetzte zur Übung Berzelius' Abhandlungen fürHoggendorffs Annalen ins Deutsche. Durch Berzelius wurde er auch mit den bedeutendsten damaligen schwedischen Gelehrten bekannt und befreundet, mit dem Chemiker, Mineralogen und Hütten- besitzer Wilhelm Hisinger(1766 1852), der 1804(gleichzeitig mit, aber unabhängig von Klaproth und Berzelius) die später für denAuerstrumpf(neben der 1828 von Berzelius entdeckten Thorerde) so wichtig gewordene Cererde:) entdeckt hatte, mit dem Chemiker und Entdecker des Lithiums)(1817) Joh. August Arfvedson(17921841), den als tüchtige Zoologen und Anthropologen bekannten beiden Retzius(Anders Adolf Retzius, 1776 1860, verdanken wir die Einteilung der Schädel in Lang- und Kurzschädel oder Dolicho- und Brachycephalen) und dem Chemiker und nachmaligen Entdecker der seltenen Metalle Lanthan (1839), Didym¹)(1842), Erbium und Therbium(1843) Karl Gustav Mosander(17971858).

Mit ihnen machte er auch öfters Excursionen in Stockholms schöne Umgegend. Im Juli 1824 mußten die Arbeiten im Laboratorium zum Abschlusse gebracht werden, denn Berzelius erwartete um diese Zeit den Geologen(und Direktor der Porzellanfabrik zu Sèvres) Alexandre Brongniart(1770 1847) von Paris, dem er versprochen hatte, auf einer geologischen Reise, die jener mit seinem Sohne Adolphe Théodore Brongniart(1801 1876), dem späteren berühmten Paläobotaniker, in Schweden und Norwegen zu machen beabsichtigte, Begleiter und Führer zu sein. Wöhler hatte das Glück, an dieser mineralogisch-geologischen Reise teilnehmen zu dürfen, die in jeder Beziehung seinen Gesichtskreis erweiterte, sowohl durch die Fülle des Geschauten er besuchte die berühmten Bergwerke in Falun(Kupfererz) und Dannemora(Magnet- eisen), die Universitätsstadt Upsala, die norwegische Hauptstadt Christiania(heute Oslo geheißen) und ihre Umgebung, Südschweden und die Universitätsstadt Lund als auch durch den vertrauten Verkehr mit seinen berühmten Reisegenossen, denen sich unterwegs für einige Tage noch der berühmte dänische Physiker und Chemiker Hans Christian Oersted(17771851), der Ent- decker der Ablenkung der Magnetnadel durch den galvanischen Strom(1820), und zu Wöhlers unaussprechlicher Freude auch der von ihm so sehr bewunderte Sir Humphry Dayvy, der, von Norwegen zurückkehrend, sich zufällig auf der Reise nach Kopenhagen befand, anschlossen.

Uber Helsingborg, Helsingör, Kopenhagen und Lübeck trat Wöhler die Heimreise an und traf glücklich im Oktober 1824 in Frankfurt im Elternhause wieder ein. Hier war er den folgenden

¹) Die Phlogistiker(Anhänger von Stahls Phlogistontheorie) hatten es alsdephlogistisierte(verbrannte) Salz- säure bezeichnet. Auch als das Oxyd eines unbekannten Elemenfes Murium sah man das Chlor an.

²) Der Name Thorerde soll an den nordischen Gott Thor, der Name Cererde an die am 1. Jan. 1801 durch Piazzi erfolgte Entdeckung des ersten Planetoiden, der Ceres, erinnern.

³) Das Lithium(der Name kommt vom griech. lithos, Stein, weil das Metall in zahlreichen Gesteinen vorkommt) wurde bereits im folgenden Jahre von Davy und in größerer Menge 1855 durch Bunsen und Matthiesen auf elektrolyt. Wege erhalten.

¹) Das Didym(von didymos, doppelt) wurde später(1885) von Karl Auer von Welsbach(dem Erfinder des ). P P Gasglühlichts und Schüler Bunsens) in zwei Elemente, Neodym und Praseodym, gespalten.

10