„Wer unter der Leitung des Herrn Leopold Gmelin Chemie studiert hat, findet gewiß bei mir sehr wenig zu lernen. Demungeachtet will ich mir nicht die glückliche Gelegenheit, Ihre persönliche Bekanntschaft zu machen, versagen und werde Sie daher herzensgern als meinen Arbeitskameraden annehmen.“
Wöhler trat die Reise nach Stockholm selbstverständlich alsbald an. Die schwedische Reise sowie seinen fast einjährigen Aufenthalt bei Berzelius hat er später als alter Mann in den „Berichten der Deutschen chemischen Gesellschaft“ vom Jahre 1875 unter dem Titel „Jugenderinnerungen eines Chemikers“ ausführlicher beschrieben. Da der Aufenthalt bei Berzelius einen entscheidenden Einfluß auf Wöhlers wissenschaftliche Laufbahn, ja auf seinen ganzen Lebensgang ausgeübt hat, so sei es gestattet, noch einige Augenblicke bei diesem Lebensabschnitte zu verweilen. Wir erhalten einen eigentümlichen Einblick in die Verkehrsmittel jener Zeit, wenn wir erfahren, daß Wöhler in Lübeck genötigt war, fast 6 Wochen auf den Ab- gang eines Schiffes zu warten. Er vertrieb sich die Zeit mit Experimentieren in Gemeinschaft mit dem Lübecker Apotheker Kindt, mit dem er bekannt geworden war. Als endlich das kleine Segelschiff, mit dem er in so später Jahreszeit die Reise noch wagte, volle Ladung hatte, segelte er am 25. Oktober von Travemünde ab und landete nach einer äußerst stürmischen, aber ungewöhnlich kurzen Fahrt von nur vier Tagen an dem felsigen Gestade von Dalarô, einer kleinen Festung, von wo aus man damals, zur Umgehung des langen Seeweges durch die Schären, zu Land nach Stockholm zu fahren pflegte. Bei Berzelius fand er die freundlichste Aufnahme. In einer Zeit wie der unseren, wo so riesige Summen für wissenschaftliche Zwecke ausgegeben werden,— man erinnere sich hier nur an das von der Kaiser Wilhelm-Gesellschaft kurz vor dem Weltkriege in Dahlem bei Berlin gegründete Institut für Chemie, dessen Bau- kosten 000 000 Mk. betrugen, während die Ausstattung mit Apparaten 200000 Mk. verschlang, und an das gleichzeitig von derselben Gesellschaft ebendaselbst eröffnete Institut für Elektro- chemie und physikalische Chemie, das 780 000 Mk. an Baukosten und 150000 Mk. für die Apparate erforderte, wobei noch bemerkt werden muß, daß das Gelände vom Staate geschenkt worden war,— in einer solchen Zeit klingt es wie ein Märchen, wenn wir hören, in welch' arm- seligen Räumen und mit welch' dürftigen Hilfsmitteln der große Berzelius seine unsterblichen Untersuchungen ausführte.
„Als er mich“, so erzählt Wöhler in den„Jugenderinnerungen“, in sein Laboratorium führte, war ich wie in einem Traume, wie zweifelnd, ob es Wirklichkeit sei, daß ich mich in diesen klassischen Räumen befinde. Neben dem Wohnzimmer gelegen, bestand es aus zwei gewöhn- lichen Stuben mit der einfachsten Einrichtung; man sah darin weder Öfen noch Dampfabzüge, weder Wasser- noch Gasleitung. In der einen Stube standen zwei gewöhnliche Arbeitstische von Tannenholz; an dem einen hatte Berzelius seinen Arbeitsplatz, an dem anderen ich den meinigen. An den Wänden waren einige Schränke mit den Reagentien aufgestellt, die nicht in allzureicher Auswahl vorhanden waren; denn als ich zu meinen Versuchen Blutlaugensalz bedurfte, mußte ich es mir von Lübedk erst kommen lassen! In der Mitte der Stube standen die Quecksilber- wanne und der Glasblasetisch, letzterer unter einem in den Stubenofen-Schornstein mündenden Rauchfang von Wachstaffet. Die Spülanstalt bestand aus einem Wasserbehälter von Steinzeug mit Hahn und einem darunter stehenden Topfe. In dem anderen Zimmer befanden sich die Wagen und andere Instrumente, nebenan noch eine kleine Werkstatt mit Drehbank. In der Küche, in der die alte gestrenge Anna, Köchin und Faktotum des nordischen Meisters, der damals noch Junggeselle war, das Essen bereitete, standen ein kleiner Glühofen und das fortwährend geheizte Sandbad“.
Wöhler war damals der Einzige, der in diesem Privatlaboratorium von Berzelius arbeitete; vor ihm waren schon mehrere andere deutsche Chemiker dort gewesen: Christian Gottlob Gmelin(1792— 1860), nachmals Professor in Tübingen, einer der bedeutendsten Chemiker seiner Zeit, dem es 1828 gelang, das Ultramarin künstlich herzustellen, sodann Eilhard Mitscherlich (1794— 1863), später, als Nachfolger Martin Heinrich Kklaproth si), Prof. der Chemie in Berlin und berühmt geworden durch die Entdeckung der Isomorphie(1819) und Polymorphie(1821)), ferner Heinrich Rose(1795— 1864), der spätere berühmte Berliner Analytiker, und dessen Bruder Gustav Rose(1798— 1873), nachmals Professor der Mineralogie in Berlin, nach Wöhler kam Gustav Magnus(1802— 1870), der spätere berühmte Prof. der Physik und Technologie in Berlin, auch als Chemiker bedeutend: Entdecker des grünen„Magnussalzes“,[Pt(NH).J. Pt Cl.
¹) Martin Heinrich Klaproth(1743—1817) endeckte 1790 die Zirkonerde(aus dem Zirkon von Ceylon) und das grüne ranoxyduloxyd(aus der Pechblende), das er irrtümlich für das Metall selbst hielt(der Name Uran sollte an die 1781 erfolgte Entdeckung des Planeten Uranus durch W. Herschel erinnern).
²) Mitscherlichs Sohn Alexander(1836— 1918), das Patenkind Alex. v. Humboldts, eine Zeitlang Assistent bei Wöhler in Göttingen, von 1868— 1883 Prof. der Chemie an der Forstakademie Hannòverisch-Münden, später in Freiburg i. Br., ist der Erfinder des Verfahrens, aus Holz durch Einwirkung von saurem Calcium- sulfit die Sulfitcellulose, den heute am meisten gebrauchten Papierrohstoff, herzustellen.
9


