Wöhler, seinerzeit studiert hatte. Aber auch jetzt blieb die Chemie seine Lieblingsbeschäfti- gung, und, da es ein Universitätslaboratorium, in dem die Studenten praktisch arbeiten konnten, zu damaliger Zeit in Marburg noch nicht gab, so machte er, zum großen Verdruß seines Haus- wirtes, auch hier seine Wohnstube zum Laboratorium und fing an, sich mit Versuchen über die Schwefelblausäure(Rhodanwasserstoffsäure, HCNS) und andere Cyanverbindungen zu beschäftigen, ein Gebiet, auf dem er später seine größten wissenschaftlichen Lorbeeren pflücken sollte.
Es ist vielleicht von Interesse zu erfahren, daß die Jahrzehnte später unter dem Namen „Pharaoschlange“ aufgetauchte vielbeliebte Spielerei ihren Ursprung zurückführt auf die in dem improvisierten Laboratorium des Marburger stud. med. Friedrich Wöhler gemachte Be- obachtung, daß das Schwefelcyanquecksilber, Hg(CNS),, beim Erhitzen zu eigentümlichen wurmförmigen Gestalten aufschwillt.
Schon nach Verlauf eines Jahres verließ Wöhler die Universität Marburg, die ihm, was Chemie anbelangte, nicht viel bieten konnte, und bezog die Universität Heidelberg, im voraus erfüllt mit Begeisterung für den dortigen Professor der Chemie, Leopold Gmelinqi), der ihm in der Tat auch während seiner ganzen Universitätszeit der liebste Lehrer und wohlwollendste Freund und Ratgeber gewesen ist Exr arbeitete bei Gmelin in dessen chemischem Laboratorium und stand in lebhaftem persönlichem Verkehr mit ihm Fast alle Muße, die ihm die medizinischen Studien übrig ließen, verwendete er auf Chemie, und selbst in den späteren Semestern, in denen die Klinik seine Zeit fast ganz in Anspruch nahm, blieb es ihm Bedürfnis, täglich in den alten Klostergang, das Laboratorium, wenigstens einmal hineinzusehen. Hier in Heidelberg begann er auch seme Versuche über die Cyansäure, die gewissermaßen das Vorsp el zu seiner be- rühmten Harnstoffuntersuchung darstellten, und, angeregt durch den Professor der Physiologie Tiedemannꝰ), machte er sich auch an die Lösung der von der medizinischen Fakultät gestellten Preisfrage über den„Übergang von genossenen Stoffen in den Harn“, worüber er eine ganze Reihe von Versuchen anstellte, teils an sich selber, meist aber an Hunden. Er war so glücklich, seiner Arbeit den Preis zuerkannt zu sehen.
Am 2. Sept. 1823 bestand Wöhler in Heidelberg das Fakultätsexamen und wurde zum Doctor der Medizln, Chirurgie und Geburtshilfe„insigni cum laude“ promoviert. Der junge Doctor sollte sich nun auf Reisen begeben und größere Hospitäler besuchen; da gab Gmelin seinem Lebenslaufe eine andere Richtung, indem er ihm riet, nach seinem Beispiele die praktische Medizin aufzugeben und sich ganz der Chemie zu widmen. Ohne sich lange zu besinnen und im voraus der Zustimmung seines Vaters gewiß, ging er mit Vergnügen auf Gm elins Vorschlag ein. Auf dessen weiteren Rat und ermutigt durch die günstige Art, wie Berzelius in seinem Jahresberichte Wöhlers erste chemische Arbeiten besprochen hatte, fragte er bei diesem an, ob er ihm gestatten wolle, bei ihm zu arbeiten. Der nordische Meister¹), damals unbestritten der berühmteste Chemiker der Welt, dem sich höchstens Gay-Lussac¹) in Paris, Alexander v. Humboldts Freund und Lehrer Justus Liebigs, an die Seite stellen konnte, antwortet Wöhler aus Stockholm unterm 1. Aug. 1823 folgendes:
¹) Leopold Gmelin(1788—1853), Professor der Chemie und Medizin zu Heidelberg von 1814— 1851. Gab ein großes „Handbuch der Chemie“ heraus, das noch jetzt unter dem Titer„Gmelin— Kraut's Handbuch der Chemie“ im Buchhandel zu haben ist. Der Vater Leopold Gmelins, Johann Friedrich Gmelin(1748— 1804), als Prof. der Medizin und Chemie in Göttingen gestorben, war der Vorgänger Friedrich Stro- meyers und genört durch sein dreibändiges höchst gründliches Werk:„Geschichte der Chemie“ zu den frühen Geschichtsschreibern dieser Wissenschaft.
²) Friedrich Tiedemann(1781—1861), von 1816— 49 in Heidelberg, später in München, schrieb mit Gmelin ein Buch über die Verdauung.
³) Jöns Jakob Freiherr von Berzelius(1779—1848), von 1807— 1831 Prof. am Karolinischen Institut zu Stock- holm, Seit 1818 ständiger Sekretär der schwed. Akademie, en'deckte das Selen(1817), das Silicium(1823), das Thorium(1828), vervollkommnete die quantitative Analyse, führte wichtige organische und physiolog. Untersuchungen aus, schuf den Begriff der lsomerie, die chemischen Symbole und Formeln und stellte mit bis- her noch nicht dagewesener Genauigkeit die Atomgewichtszahlen fest; seine elektrochemische(dualistische) Theorie beherrschte jahrzehntelang die Wissenschaft.
¹) Joseph Louis Gay-Lussac(1778- 1850), genialer Physiker und Chemiker, Prof. der Chemie an der Ecole polytechnique und gleichzeitig Prof. der Physik an der Sorbonne(die Sorbonne wurde von dem Kaplan und Beichtvater des hl. Ludwig, Robert de Sorbon, 1201- 1274, gegrundet als Institut für unbemittelte Studenten der Theologie und erlangte in der Folge eine große Berühmtheit in der theolog. Wissenschaft. Später wurde sie Sitz der öffentl. Vorlesungen der Fakultaten der Universität von Paris). Gay-Lussac, Schüler des durch seine Spekulationen über dic chem. Affinität berühmt gewordenen Pariser Chemikers Claude Louis Graf v. Berthollet(1748—1822), untersuchte gemeinsam mit Alex. v. Humboldt 1805— 1808 die Gesetzmäßigkeiten bei der chem. Verbdg der Gase, entdeckte das nach ihm benannte Temperatur- ausdehnungsgesetz der Gase(1802— 1816) und das erste zusammengesetzte Radical, das Cyan, CY, begründete die Titriermethode(Maßanalyse) und erfand die seinen Namen tragende Dampfdichtemethode(eine bestimmte Menge Substanz wird gewogen und dann ihr Volum in Dampfform gemessen).
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