Aufsatz 
Friedrich Wöhler, der Arbeitsgenosse und Freund Justus Liebigs
Entstehung
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verwandelt. Glühversuche, die er hier nicht vornehmen kann, macht er in der Küche, wo alle Kohlenbecken in Beschlag genommen werden. Auch eine kleine Volta'sche Säule baut er sich auf aus großen russischen Kupfermünzen und Zinkplatten und lernt ihre Kraft kennen, das Wasser zu zersetzen und Zuckungen in den Armen hervorzubringen. Zur Reduktion des Atz- kalis, also zur Darstellung des metallischen Kaliums, reicht ihre Stärke allerdings nicht aus; aber seine Begierde, dieses merkwürdige, von dem berühmten englischen Chemiker Sir Humphry Davyi) auf diesem Wege im Jahre 1807 aufgefundene Metall, das er nur aus der Beschreibung kannte, zu sehen und zu besitzen, ist so groß, daß er beschließt, die Darstellung auf chemischem Wege nach der Methode, die Curaudau im Jahre 1808 veröffentlicht hatte und die auf dem Erhitzen von Atzkali mit Kohle bei Weißglut beruht, zu versuchen. Wie trefflich ihm dieser Versuch gelungen ist, ersehen wir aus dem bereits erwähnten Briefwechsel zwischen Liebig und Wöhler.

Am 27. Juni 1870 schreibt nämlich Liebig von München aus an Wöhler nach Göttingen: Der Hauptgrund dieses Briefes ist eigentlich, Dir die Abschrift eines Briefes zu schicken, den Du vor 52 Jahren an Deinen Freund Hermann von Meyer geschrieben hast..

In diesem einen Briefe liegt Deine ganze Laufbahn als Chemiker klar autgedeckt. Dein ganzes Denken dreht sich um Experimente, wie dies bei Jünglingen von gleichem Alter sonst nicht der Fall ist. Ich dachte, es würde Dir Spaß machen, einen dieser Briefe wieder zu lesen, welche Hermann von Meyer mit seinem ganzen literarischen Nachlasse unserer Akademie vermacht hat. Wöhler erwidert hierauf unter dem 30. Juni des gleichen Jahres:lch danke Dir für meinen alten Brief, den ich vor 52 Jahren geschrieben habe. Es hat mir Spaß gemacht, aus diesem wie aus einer anderen Welt kommenden Briefe zu sehen, was ich damals gedacht und getrieben habe. Merkwürdig ist es, daß ihn dashinkende Meyerche, wie meine Mutter den Hermann v Meyer zu nennen pflegte, so lange und überhaupt aufbewahrt hat. Der Chloroperation erinnere ich mich noch ganz lebhaft, denn ich wäre beinahe dabei erstickt. Um dieselbe Zeit laborierte ich auch auf meiner Stube mit Phosphor und verbrannte mir dabei die linke Hand so arg, daß die Narben noch zu sehen sind. Phosphorpartikelchen waren über- all umhergespritzt, und als ich abends zu Bett gegangen war und das Licht ausgemacht hatte, sehe ich zu meinem Schrecken in der Stube überall Feuer, stehe wieder auf und laufe zu meine Vater, der mich beruhigte, daß es nur Leuchten und nicht gefährlich sei. 8

All' mein Denken und Dichten drehte sich damals um Chemie. Mein ldeal war vor allem, Kalium zu machen nach Curaudaus vVerfahren; meine Schwester zog dabei den Blasebalg, und die Waschküche, worin es geschah, wäre beinahe in Brand geraten. Aber ich bekam wirk- lich Kalium und konnte vor Freude darüber in der Nacht nicht schlafen Das in diesem Briefe erwähntehinkende Meyerche, Wöhlers Jugendfreund Hermann v. Meyer(1801 1869), war ein geborener Frankfurter und ist später durch seine paläontologischen Arbeiten be- rühmt geworden. Seinem eigentlichen Berufe nach war er Beamter bei der deutschen Bundes- kassenverwaltung in Frankfurt a. M.; in dieser Stadt ist er auch gestorben. Wöhler, ein eifriger Sammler von Mineralien und Versteinerungen, stand mit ihm im regsten Tauschverkehr, desgleichen mit dem durch seine Reisen auf lsland und im Ural bekannt gewordenen Mineralien- händler Menge, der seinen eigentlichen Wohnsitz in Hanau hatte, aber einen großen Teil des Jahres mit seinen mineralogischen Schätzen zwecks Verkaufs in der Welt umherzog. Ihm brachte Wöhler manches Ränzchen voll selbstgesammelten Hyalits oder Glasopals, einer in Frankfurts Umgebung vorkommenden Spielart des Opals, zum Umtausch nach Hanau.

Eines Tages, als er Menge, der während der Messe mit seinen Mineralien nach Frankfurt gekommen war, besuchte, traf er in dessen Lager mit Goethe zusammen, der bekanntlich eine große Vorliebe für mineralogische Studien hatte, und wurde bei dieser Gelegenheit dem Dichter- fürsten vorgestellt.

Im Frühjahre 1820 wurde Wöhler aus dem Frankfurter Gymnasium als reif zur Univer- sität entlassen. Teils aus Neigung, teils einem Wunsche seiner Familie willfahrend, entschloß er sich zum Studium der Medizin und bezog als Sprößling einer alten kurhessischen Familie die kurhessische Landesuniversität Marburg, wo, wie wir erfahren haben, auch sein Vater, August

¹) Humphry Davy(1778 1829), aus kleinen Verhältnissen hervorgegangen, anfangs Gehilfe eines Chirurgen, ent- deckte schon als junger Mann die berauschende Wirkung des Stickoxyduls(Lachgases), N.O. Seit 1801 Prof. an der Royal Instituiion in London, bald darauf auch Mitglied der Royal Society(Präsident 1820), entdeckte er mit Hiffe des galvan. Stromes die Alkali- und Erdalkalimetalle(1807 1808), bewies 1810 die elementare(ein- fache) Natur des Chlors sowie die Existenz sauerstoffreier Säuren und Salze und erfand 1815 die Sicherheits- lampe fur die Bergleute. Auch als Philosoph und Dichter hat er sich einen Namen gemacht und, als richtiger Engländer, auch ein Buch über den Lachsfang,Salmonia, geschrieben. Seine schönste Entdeckung, sagte er einst, sei Faradaygewesen. Auch Sir Humphry's Bruder, John Davy, war ein namhatter Chemiker, der 1811 das Chlorkohlenoxyd oder Phosgengas, COCl,, entdeckte und nach seines berühmten Bruders Tode dessen Werke herausgab 4

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