Aufsatz 
Friedrich Wöhler, der Arbeitsgenosse und Freund Justus Liebigs
Entstehung
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Rechnen und Zeichnen erhielt er in seinem 7. und 8. Jahre vom Vater selbst. Nachher kam er in die allgemeine Schule; später wurde ihm Privatunterricht im Lateinischen und Französischen, sowie in der Musik erteilt.

Im Jahre 1814, also mit 14 Jahren, trat Friedrich Wöhler in das Gymnasium zu Frank- furt a. M. ein, das er bis zu seinem Abgange auf die Universität besuchte. Unter seinen dama- ligen Lehrern waren mehrere später berühmt gewordene Männer: Friedrich Christoph Schlosser(17761861), seit 1817 Professor der Geschichte an der Universität Heidelberg, der Verfasser der weitverbreitetenWeltgeschichte für das deutsche Volk, Georg Friedrich Grotefend(1775 1853), der Grammatiker, gest. in Hannover als Direktor des Lyzeums, ver- dient um die erste Entzifferung der persischen Keilschrift, Karl Ritter(17791850), der Geograph, seit 1820 Professor in Berlin, der Begründer der sog. vergleichenden Erdkunde, und andere, denen allen er während seines ganzen Lebens ein dankbares Andenken bewahrt hat. Zwar hatte er in der Schule mehr Glück als Liebig, der bekanntlich stets die unterste Bank drückte und wegen absolut ungenügender Leistungen es in der Schule nicht weiter als bis in die mittleren Klassen brachte, während sein Freund Wöhler das Gymnasium glatt durchlief, ohne jemals sitzen zu bleiben. Aber durch besonderen Eifer oder besondere Kenntnisse zeichnete sich auch Wöhler im Gymnasium nicht aus. Namentlich Mathematik war seine schwache Seite. Für sie hatte er auch später wenig Sinn und Talent. Diese geringen Leistungen Wöhlers während seiner Schulzeit hatten aber zum Teil denselben Grund, der auch Liebigs Mißerfolge in der Schule größtenteils verschuldete, nämlich seine schon in früher Jugend hervortretende Liebe für die Naturwissenschaften, die sich namentlich in einer leidenschaftlichen Lust am Experimentieren und Sammeln äußerte. Diese Neigung wurde aber noch genährt sowohl durch den Vater selbst, der ja auch in der angewandten Naturwissenschaft Bedeutendes leistete, als auch besonders durch zwei Freunde des Hauses, die dem talentvollen jungen Wöhler tatkräftige Unterstützung zu teil werden ließen. Es waren dies der Hofrat Wichterich, der Erzieher der jungen Grafen Solms-Rödelheim, der sich sehr für die physikalischen Wissenschaften interessierte, und der Dr. Buch, ein vielseitig gebildeter, geistreicher Mann, der, ursprünglich Arzt, sich später als Privatgelehrter eifrigst mit chemischen, physikalischen und mineralogischen Arbeiten beschäftigte. Kam der erstgenannte dieser Männer, Wichterich, des Knaben Lust am Experimentieren dadurch entgegen, daß er ihm seine physikalischen und chemischen Apparate zur Verfügung stellte, so verdankt dem jahrelangen, lehrreichen Umgang mit dem zweiten Gönner, dem Dr. Buch, der heranreifende Jüngling so recht eigentlich die erste Anregung zum ernsten Studium der Naturwissenschaften. Dr. Buchs reiche Bibliothek steht ihm zur Verfügung. Eine Küche in der Wohnung seines Gönners dient als Laboratorium, in dem an bestimmten Wochentagen gemein- schaftlich Versuche vorgenommen wurden. Im Jahre 1817 war von dem genialen schwedischen Chemiker Jöns Jakob Berzelius das Selen entdeckt worden, ein seltenes Element, das dem Schwefel nahesteht und in unserer Zeit eine große Wichtigkeit in der Lichttelegraphie und Fern- photographie erlangt hat. Dieses merkwürdige Element kommt in einigen Schwefelkiesen und in Zinkblenden vor und findet sich auch im Schlamm der Bleikammern der Schwefelsäurefabriken.

Die beiden Freunde, Dr. Buch und der junge Wöhler, fahnden alsbald nach dem neu- entdeckten Element, und Wöhler ist so glücklich, es in einer böhmischen Schwefelsäure zu beobachten. Sofort läßt er sich von dem Graslitzer Vitriolerz, aus dem jene Schwefelsäure be- reitet wurde, kommen, und auch hier gelingt es ihm, den Selengehalt alsbald nachzuweisen. Das war die erste wissenschaftliche Entdeckung Wöhlers, aber erst vier Jahre später, im Jahre 1821, wurden Wöhlers Resultate durch Vermittlung Dr. Buchs in Gilberts Annalen veröffenlicht. An der Spitze dieses kleinen Aufsatzes erscheint der Name Friedrich Wöhler zum erstenmale in der Literatur.

Auch das im gleichen Jahre wie das Selen, also im Jahre 1817, durch den Professor der Chemie in Göttingen Friedrich Stromeyer(17761835) entdeckte Cadmium, ein in seinem chemischen Verhalten eine große Ahnlichkeit mit dem Zink aufweisendes und auch mit diesem gemeinsam in den Zinkerzen vorkommendes Metall, dessen Verbindungen in der Photographie, Augenheilkunde und besonders in der Malerei Verwendung finden, erregte das Interesse der beiden Forscher. Es gelang ihnen, eine kleine Menge aus(unreinem) Zink darzustellen, die Wöhler nachher auf einer Fußreise über Kassel nach Göttingen mitnahm, um das Metall Professor Stromeyer vorzulegen, der es auch als solches anerkannte. Bei dieser Gelegenheit besuchte er in Göttingen auch den berühmten Naturforscher Johann Friedrich Blumenbach (1752 1840), dessenHandbuch der Naturgeschichte er eifrig studiert hatte, und ließ sich von dem Gelehrten, dem wir die Einteilung des Menschen in die bekannten fünf Rassen verdanken, die Merkwürdigkeiten seines weltbekannten naturhistorischen Kabinetts, besonders seine berühmte Schädelsammlung zeigen. So sehr erfüllt zur damaligen Zeit die Leidenschaft zur Chemie des jungen Wöhlers ganze Seele, daß er sogar zu Hause seine Stube nach und nach in ein Laboratorium voller Gläser, Retorten, Kolben und Steine, alles in größter Unordnung,

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