Aufsatz 
Friedrich Wöhler, der Arbeitsgenosse und Freund Justus Liebigs
Entstehung
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Friedrich Wöhler wurde geboren am 31. Juli 1800 zu Eschersheim bei Frankfurt a. M. Seine Geburt erfolgte unter merkwürdigen Umständen. Er erblickte nämlich das Licht der Welt nicht unter dem väterlichen Dache, sondern bei Verwandten. Und das kam so. Friedrich Wöhlers Vater, August Anton Wöhler(17711890), hatte auf der Universität Marburg Tierarzneikunde und Landwirtschaft studiert, jedoch seinen Aufenthalt auf der Hochschule dazu benutzt, nebenher in den verschiedensten Gebieten der philosophischen und philologischen Wissen- schaften Umschau zu halten, sodaß er mit umfangreichen Kenntnissen ausgestattet und mit einem Gesichtskreise, der weit über den seiner eigentlichen Berufstätigkeit hinausreichte, die Hochschule verließ. Fast unmittelbar nach Beendigung seiner akademischen Studien wurde der junge Mann, dessen Vater(also des Chemikers Friedrich Wöhler Großvater) Stallmeister beim Land- grafen Wilhelm IX. von Hessen-Kassel, dem späteren(seit 1803) Kurfürsten Wilhelm J., war, von dem Landgrafen zum Stallmeister seines Sohnes, des nachmaligen Kurprinzen von Hessen-Kassel, ernannt, der in Hanau residierte. Dieser Prinz, der spätere Kurfürst Wilhelm II. von Hessen Kassel, war ein etwas despotisch veranlagter Herr, dessen Jähzorn namentlich keine Grenzen kannte. Eines Tages nun besuchte er in Begleitung des jungen Stallmeisters seinen Marstall. Irgend ein geringfügiger Umstand erregte dermaßen seinen Zorn, daß er sich seinem Begleiter gegenüber zu den unerträglichsten Beschimpfungen und schließlich zu Tätlich- keiten hinreißen ließ. Dies war aber unserem wackeren Stallmeister denn doch zuviel. Er er- griff eine Reitpeitsche und gab Seiner Hoheit einen Denkzettel, wie Sie ihn zweifelsohne oft genug verdient, aber schwerlich jemals früher erhalten hatte. Ein guter Renner entführte den Zuchtmeister rasch der unmittelbaren Machtsphäre des Gezüchtigten. Der, mit Recht besorgt, noch obendrein lächerlich zu werden, war klug genug, den Flüchtling nicht zu verfolgen.

Gleichwohl hielt es dessen Gattin für geraten, schleunigst ihren bisherigen Wohnsitz auf- zugeben und vorläufig Unterkunft in dem Hause ihres Schwagers, der Pfarrer in Eschersheim bei Frankfurt a. M. war, zu suchen.

So kam es, daß sich Frau Wöhler beim Eintritt eines so wichtigen Ereignisses, wie es die Geburt ihres Sohnes Friedrich darstellte, nicht zu Hause befand. Wöhlers Vater fand bald wieder eine passende Lebensstellung. Er wurde herzoglicher Stallmeister und Physikats- tierarzt in Meiningen. Durch vielseitige Besserungen, die er in der Landwirtschaft des kleinen Staates einführte, gewann er schnell eine einflußreiche Stellung und wurde mit mannigfachen Nebenämtern betraut; so verwaltete er auch während einer Reihe von Jahren als Intendant das herzogliche Hoftheater. Im Jahre 1806, als Friedrich Wöhler 6 Jahre alt war, trat sein Vater aus den Diensten des Herzogs von Meiningen aus und kaufte sich bei Rödelheim in der Nähe von Frankfurt a M ein Landgut, durch dessen mustergültige Bewirtschaftung er bald die Augen des Fürstprimas des Rheinbundes Karl Freiherrn von Dalberg, des Großherzogs von Frankfurt, auf sich zog. Auf Veranlassung Dalbergs verlegte August Wöhler im Jahre 1812 seinen Wohnsitz, unter Beibehaltung seines Landgutes, nach Frankfurt a. M., um als Stallmeister am Großh. Hofe Stellung zu nehmen. Er behielt seinen neuen Wohnsitz auch nach Dalbergs Rücktritt im Jahre 1814 bei und entfaltete in seiner neuen Heimat Frankfurt bis zu seinem im Jahre 1850 erfolgten Tode eine reichgesegnete, auf die Förderung alles Guten und Schönen gerichtete Tätigkeit. Er war, 1817 von der Universität Marburg zum Dr. philos. promo- viert, von 180 bis zu seinem Tode Präsident der 1816 gegründetenGesellschaft zur Be- förderung nützlicher Künste und deren Hilfswissenschaften(Polytechnischen Ge- sellschaft), außerdem seit 1820 Vorsteher der von Diesterweg ins Leben gerufenen Sonntags- schule, er war erfolgreich beteiligt an der 1822 errichteten Sparkasse, Stifter des Instituts zur Beförderung der Garten- und Feldbaukultur und in hervorragender Weise tätig für die erste Frankfurter Kunst- und Gewerbeausstellung im Jahre 1826 und ebenso für die erste Blumen- und Pflanzenausstellung im Jahre 1835. Als August Wöhler am 25. Januar 1846 sein 25 jähriges Amtsjubiläum als Präsident der Polytechnischen Gesellschaft feierte, ehrten ihn seine Verehrer durch Gründung der Wöhlerstiftung zur Ausbildung junger Leute für den Gewerbe- und Handelsstand. Außer dieser Stiftung erinnern noch die Wöhlerstraße und die 20 Jahre nach August Wöhlers Todei) errichtete Wöhlerschule, ein Realgymnasium, an diesen um Frank- furt a. M. so hochverdienten Bürger).

Unter Leitung eines solchen Vaters, behütet von der Liebe einer klugen, mit unverwüst- lichem Humor begabten Mutter, einer Tochter des Gymnasialdirektors Schröder in Hanau, wuchs unser junger Freund Friedrich Wöhler heran. Den ersten Unterricht im Lesen, Schreiben,

1) Er starb am 19. Juli 1850 infolge eines Schlaganfalles, den er auf einem Spaziergang in die Felder seines Gutes in Rödelheim erlitt.(Mitteilung der Polytechnischen Gesellschaft zu Frankfurt a. M.)

²) Näheres über August Wöhler in folgenden Schriften:Einer der Besten von Frankfurts Bürgern. Anonymer Aufsaiz aus dem Frankfurier Journal Nr. 701 vom 20. Sept. 1882. Biograpnie Aug. Wohlers von G. Veith, Einladungsschrift zu der am 5. April 1871 stattfindenden ôffentlichen Prüfung der Wôhlerschule, Frank- furt a. M. 1871.