Aufsatz 
Friedrich Wöhler, der Arbeitsgenosse und Freund Justus Liebigs
Entstehung
Einzelbild herunterladen

gesegneten Zufall auf demselben Arbeitsgebiete hart aneinander, um aus wissenschaftlichen Gegnern rasch zu Freunden fürs Leben zu werden, Freunden, die die geheimsten Regungen ihres Seelenlebens nicht vor einander verbargen und bei einander Rat und Trost suchten nicht bloß in wissenschaftlichen Nöten, sondern auch in den widrigen Zufällen des Lebens, von denen auch die auf den Höhen des Lebens Wandelnden nicht verschont bleiben.

Wir befinden uns in der glücklichen Lage, daß uns der Briefwechsel Liebigs und Wöhlers in den Jahren 1829 1873 erhalten geblieben ist. Er wurde nach dem Tode der beiden Freunde in zwei Bänden, in Auswahl, herausgegeben von dem berühmten Berliner Chemiker August Wilhelm von Hofmanni), dem wir auch die ausführliche Biographie Wöhlers (enthalten in dem dreibändigen WerkeZur Erinnerung an vorangegangene Freunde) ver- danken²). In diesen Briefen teilen sich die beiden Fachgenossen die Ergebnisse ihrer neuesten wissenschaftlicheu Arbeiten mit oder fragen gegenseitig um Rat, wenn sie auf Hemmnisse bei ihren Forschungen gestoßen sind.

Allein dieser Briefwechsel, so schreibt Hofmann in der Vorrede dazu,ist weit entfernt, ausschließlich wissenschaftlichem Meinungsaustausche zu dienen oder an Tatsächliches anzuknüpfen; er enthüllt uns gleichzeitig den hochherzigen Sinn dieser Männer, die unzigennützige Freundschaft, die opferwillige Menschenliebe, welche sie beseelte. Niemand wird diese Blätter aus der Hand legen, ohne von aufrichtiger Bewunderung für die Freunde erfüllt zu sein. Ihre Korrespondenz umfaßt einen Zeitraum von mehr als 40 Jahren, die zwischen ihnen gewechselten Briefe zählen nach vielen Hunderten, aber in diesen Hunderten von Briefen findet sich kaum ein Wort, das sie wünschen könnten, nicht geschrieben zu haben. Und wie eigenartig tritt uns das Wesen dieser beiden Männer, die in Naturanlage, Bildungsgang, Auffassungs- und Ausdrucksweise nicht verschiedener gedacht werden können, aus diesem Briefwechsel entgegen! Liebig feurig und ungestüm, einen neuen Gedanken mit Enthusiasmus ergreifend, daher aber auch wohl der Phan- tasie mehr als erwünscht die Zügel schießen lassend, die gewonnene Überzeugung hartnäckig verteidigend, aber der Erkenntnis des Irrtums keineswegs verschlossen, ja für den Nachweis des- selben aufrichtig dankbar, Wöhler kühl und bedachtsam, an eine neue Aufgabe mit nüchterner Überlegung herantretend und daher gegen jede übereilte Schlußfolgerung fast sichergestellt und erst nach sorgfältiger Prüfung, welche Irrtümer geradezu auszuschließen scheint, eine Ansicht zum Ausdrucke bringend aber beide so eigenartig den Weg der Forschung wandelnde Männer von derselben unentwegten Wahrheitsliebe beseelt!

Liebig reizbar und leichtverletzt, alsdann aufbrausend seiner Bewegung kaum Herr und derselben nicht selten in herben Worten Luft machend, daher auch oft in lange und heftige Fehde verwickelt Wöhler leidenschaftslos, selbst übelwollender Herausforderung gegenüber uner- schütterlichen Gleichmut bewahrend, den bittersten Gegner durch die Gemessenheit seiner Sprache entwaffnend, ein abgesagter Feind von Zank und Hader und daher auch eines Friedensschlusses kaum bedürftig aber beide Männer von demselben unbeirrbaren Gerechtigkeitssinne durch- drungen. Kann es uns wundern, daß zwischen zwei so verschiedengearteten, aber so wunder- bar sich ergänzenden Naturen eine Freundschaft reifen mußte, welche beide zu den besten Ge- winnsten ihres Lebens zählen durften?

Aus dieser prägnanten Charakterschilderung, wie sie Aug. Wilh. v. Hofmann hier gibt, läßt sich deutlich erkennen, daß wir, um in der Sprache des berühmten Chemikers und ener- getischen Naturphilosophen Wilhelm Ostwald(geb. 1853 in Riga, 1887 1906 Professor in Leipzig, lebt jetzt zu Großbothen bei Leipzig in seinem LandhauseEnergie) zu reden, in Liebig den ausgesprochenen Typus des Romantikers. in Wöhler den nicht minder deutlich ausgeprägten Typus des Klassikers vor uns haben. Beide Typen ergänzten aber einander derart glücklich, daß wir des einen Mannes Lebensarbeit und Seelenleben nicht ohne des anderen

Schaffen und Fühlen verstehen können. 2 AX 3

¹) August Wilhelm von Hofmann, geb. 1818 zu Gießen(als Sohn des Provinzial- und Universitätsbaumeisters Hofkammerrat Hofmann, des Erbauers von Liebigs weltberühmtem Laboratorium auf dem Seltersberg zu Gießen), gest. 1892 als Prof. der Chemie zu Berlin. Schüler und Assistent Liebigs, dann Prof. am College of Chemistry in London, 1865 Nachfolger Eilhard Mitsonerlichs in Berlin. Hofmann, ein ungewöhnlich hervorragender experimenteller Forscher, arbeitete hauptsächlich auf dem Ge- biete der organischen Chemie(klassische Untersuchungen über die stickstoff- und phosphorhaltigen organ. Verbindungen, Hauptfôrderer der Anilinfarben leerlarhen)- Industrie); in weiteren Kreisen ist er bekannt geworden durch seinen Wasserzersetzungsapparat, seine Dampfdichtebestimmung und sein klassisches Buch: Einleitung in die moderne Chemie.

Hofmann ist auch der Gründer derDeutschen Chemischen Gesellschaft(1868).

²) Außer den beiden erwähnten Werken wurden noch hauptsächlich zu Rate gezogen: E. v. Meyer.Geschichte der Chemie undLudw. Darmstaedters Handbuch zur Geschichte der Naurwissenschaften und der Technik.

4