—--—-—⸗—⸗—⸗—⸗—⸗—⸗——C—C—C—C—C—C—C—P—⸗xxꝛ:'õ—O(O;————————
In der dem Jahresberichte 1904 der Großh. Realschule und des Progymnasiums zu Bingen a. Rh.
beigegebenen Abhanulung:„Justus Freiherr von Liiebig. Zur hundertsten Wiederkehr seines Geburtstages“ hatte ich versucht, Liebigs Bedeutung als Lehrer, Gelehrter, Reformator und Mensch in kurzen Worten zu schildern. Anlaß dazu bot die in das damals abgelaufene Schuljahr gefallene Feier der hundertsten Wiederkehr des Geburtstages des berühmten Chemikers. In dieser Abhandlung wurde auch der innigen Freundschaft gedacht, die Justus Liebig mit Friedrich Wöhler, seinem berühmten Fachgenossen, verband. Nun trifft es sich, daß in diesem Jahre gerade 100 Jahre verflossen sind seit der Entdeckung des Aluminiums durch Wöhler. Dies gibt mir Veranlassung, als Abschiedsgabe für meine seitherigen Schüler, das Leben und das Werk Wöhlers zu schildern, eines Mannes, der es wie kein Zweiter verdient, daß sein Andenken im deutschen Volke lebendig bleibt.
Das Beste, was wir unseren Schülern im Unterrichte fürs Leben mitzugeben vermögen, ist die Begeisterung. Wodurch könnten wir die aber besser bei ihnen wecken, als indem wir sie einen Blick tun lassen einerseits in die Werkstätte, anderseits in das Gemütsleben der großen Forscher, denen die Wissenschaft allen Fortschritt, durch die Entdeckung neuen Landes und die Eröffnung neuer Wege, zu verdanken hat!
Des Mephistopheles Worte(im„Faust“, I. Teil) bestehen auch hier zu Recht:
„Grau, teurer Freund, ist alle Theorie
Und grün des Lebens gold'ner Baum.“ *1 A ₰
Liebig! Ja, den kennt sozusagen jedes Kind. Selbst solche, die in Chemie keine oder nur mangelhafte Kenntnisse besitzen, haben doch wenigstens etwas von Liebigs Fleischextrakt gehört, andere, die schon etwas besser unterrichtet sind, wissen, auch wenn sie Liebigs Be- deutung nicht voll zu erfassen imstande sind, doch mindestens, daß Liebig als erster wirklicher Agrikulturchemiker der Reformator des Ackerbaues geworden ist daß die Landwirtschaft ihm den Fortschritt der künstlichen Düngung zu verdanken hat, der seinerseits den großen Aufschwung der Kali-, Superphosphat- und Stickstoffindustrie zur Folge hatte. Aber Wöhlerel!
Der ist für die große Menge eine unbekannte Größe. Und doch verdankt die chemische Wissenschaft und Technik diesem großen Manne eine schier unübersehbare Reihe von Ent- deckungen, von denen hier einleitend nur zwei der größten erwähnt werden mögen. Wenn heute das stolze Zeppelinluftschiff, einen uralten Traum der Menschheit erfüllend, majestätisch durch die Lüfte dahinzieht, oder wenn, um von etwas Prosaischerem zu reden, die Hausfrau in der Küche mit Stolz die Blicke über die glänzende Reihe ihrer Aluminiumtöpfe hingleiten läßt, dann muß daran erinnert werden, daß Wöhler es war, der die Wunder der modernen Technik, das Luft- schiff und den Aluminiumtopf, erst ermöglicht hat durch seine 1827 erfolgte Entdeckung des „Silbers des Lehms“, des Aluminiums.
Und wenn wir heutigentages die riesigen Fortschritte der organischen Chemie anstaunen, der es gelungen ist, eine ganze Reihe von natürlichen, aus dem Pflanzen- oder Tierreich stam- menden Stoffen synthetisch darzustellen, d. h. künstlich aus einfacheren Stoffen aufzubauen— es sei an dieser Stelle nur auf den künstlichen Indigo hingewiesen—, so wissen nur die wenig- sten, daß wiederum Wöhler es war, dem als erstem unter allen Chemikern im Jahre 1828 es glückte, eine natürliche organische Verbindung, und zwar den Harnstoff oder das Carbamid, synthetisch herzustellen.
Was aber noch weniger Menschen wissen, ist das, daß dieser große Gelehrte und Forscher auch ein im höchsten Maße bewunderns- und liebenswerter Mensch gewesen ist. Und das offen- bart sich nirgends deutlicher als in seinem Verhältnisse zu Liebig.
Ihn, Wöhler, verband mit Liebig eine Freundschaft, wie sie in solcher Innigkeit und Selbst- losigkeit zwischen zwei großen Männern, noch dazu Fachgenossen, also gewissermaßen Rivalen, selten angetroffen wird, eine Freundschaft, die uns an den Freundschaftsbund zwischen Goethe und Schiller gemahnt, und die, in jungen Jahren aus gemeinsamer chemischer Forschungsarbeit erwachsen, während eines ganzen langen Lebens immer fester und inniger sich gestaltete, den edlen Charakter und das tiefe Gemüt der beiden Männer im schönsten Lichte erstrahlen lassend.
Liebig und Wöhler! Wunderbarer haben sich nie zwei Männer und Fachgenossen er- gänzt als diese beiden! Ungleich an Charakter und Temperament, verschieden auch in der Art und Weise ihres wissenschaftlichen Arbeitens, gerieten sie als ganz junge Männer durch einen
3


