Aufsatz 
Studien zu Schillers Wallenstein. I
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(Nr. 6) so wiederfindet: man müsse von Individuum zu Individuum herumfragen, um die Totalität der Gattung zusammenzulesen. Der Dichter nun, der, wie oben gesagt, der Menschheit(der menschlichen Natur) ihren möglichst vollständigen Ausdruck zu geben die Aufgabe hat, muß beide Systeme, oder richtiger gesagt, die Träger beider Systeme in einem vollkommenen Dichtwerke vereinen. Und nun prüfe man daraufhin den Wallenstein. Der geschichtliche Stoff bot dem Dichter nur Realisten, und seine Aufgabe forderte die Beseitigung dieser Einseitigkeit. Seine Gestalten zu idealisieren, wie er es früher wohl getan hatte, verbot ihm,«seine neue Methode zu arbeiten» (vergl. Brief an Körner 28. XI. 96) so blieb ihm nichts weiter übrig, als, um jenen «reichen Gehalt der menschlichen Natur» möglichst allseitig zu erreichen, den Realisten die Idealisten in frei geschaffenen Gestalten gegenüberzustellen. Auf diese Weise ver- mied er auch, daß sein dort nur realistisches Gemälde sich nur grau in grau darbot: «Die finstere Gestalt Wallensteins und seiner Intriganten fordert gebieterisch die Ein- führung des glänzenden Max»(Freytag, Technik des Dramas). Und er erreichte zugleich die Vertiefung des sittlichen Konfliktes, was Kühnemann in seiner Abhandlung meister- haft ausgeführt hat.

Wenn wir somit die Erklärung, warum Schiller die Gestalt eines Max in sein Drama einführte, in der Hand haben, so bedarf es kaum noch eines Beweises, daß der Dichter damit auch die Verpflichtung übernahm, uns den Realisten und den Idealisten in einem Auftritte sie und ihre Anschauungen einander scharf gegenüberstellend vorzuführen; das geschah in II, 2.

Wir können nunmehr an eine etwas eingehendere Betrachtung des Auftritts und damit die Erfassung seiner gedanklichen Übereinstimmung mit den Gedanken der ‚philosophischen Abhandlung herantreten. Vorweg will ich bemerken, daß, wenn in unserm Drama die Vertreter der beiden Weltanschauungen, Idealismus und Realismus, einander gegenüber gestellt werden sollen, von vornherein anzunehmen ist, daß der Realist der Anlage und dem Geiste des ganzen Dramas gemäß dabei die Haupt- rolle spielen wird; er wird also auch in diesem Auftritte den breitesten Raum einnehmen und schließlich den Platz behaupten. Beginnen wir daher mit der Betrachtung des Realisten!

Schiller läßt ihn in der Abhandlung«in Rücksicht auf das Theoretische» ausge- zeichnet sein«durch einen nüchternen Beobachtungsgeist und eine feste Anhänglichkeit an das gleichförmige Zeugnis der Sinne» und zeigt uns in dem Auftritte dement- sprechend seinen Helden. Wallenstein stellt allein die ganz nüchtern betrachtete Lage

in Rechnung und zieht lediglich aus ihr unbeirrt durch Erwägungen allgemein mo- ralischer Natur seine Schlüsse: der Hof hat seinen Untergang beschlossen; drum ist

er willens, ihm zuvorzukommen. Was er dabei zu wagen hat, ist ihm völlig klar, und er ist auf den Tadel der Welt gefaßt. Er kann aber nicht anders handeln, da der Fall einfach so liegt, daß er entweder Gewalt ausüben oder leiden muß: was ein Realist da zu wählen hat, kann keinen Augenblick zweifelhaft sein. Aber das ist in dieser ganz gemeinen Wirklichkeit nun einmal nicht anders:«da herrscht der Streit, und nur die Stärke siegt»; da gilt es eben sich zu behaupten:«wer nicht vertrieben sein will, muß vertreiben». Das ist Naturnotwendigkeit, und dem Realisten geziemt, wie Schiller in