Aufsatz 
Studien zu Schillers Wallenstein. I
Einzelbild herunterladen

an Humboldt am 21. März 1796:«Wallenstein ist ein Charakter, der als echt rea- listisch nur im ganzen, aber nie im einzelnen interessieren kann. Ich habe bei dieser Gelegenheit einige äußerst treffende Bestätigungen meiner Ideen über Realismus und Idealismus bekommen, die mich zugleich in dieser dichterischen Komposition glücklich leiten werden. Was ich in meinem letzten Aufsatze über den Realism gesagt, ist von Wallenstein im höchsten Grade wahr. Er hat nichts Edles, er erscheint in keinem einzelnen Lebensakt groß; er hat wenig Würde und dergleichen».«Er kann sich nicht, wie der Idealist, in sich selbst einhüllen».

Was hier zunächst auffallen könnte, ist, daß Schiller nur von Wallenstein, dem Realisten, spricht und garnicht von Max, dem Idealisten. Und doch war der Dichter schon damals eifrig mit dieser Gestalt beschäftigt; wir lesen nämlich in je einem Briefe an Goethe und Körner vom 28. November 1796, daß er den Hauptcharakter und die meisten Nebencharaktere nur mit der reinen Liebe des Künstlers behandle, durch eigene Zuneigung aber bloß für den nächsten nach dem Hauptcharakter interessiert sei: den jungen Piccolomini; gegen Körner erwähnt er auch noch Thekla. Jn Betreff der Ge- staltung des Charakters Wallensteins verweist er also ausdrücklich auf seine Abhandlung über naive und sentimentalische Dichtung. Bevor wir nun die Berechtigung dieses Hinweises prüfen, müssen wir uns zunächst fragen, ob denn ein solcher Auftritt über- haupt berechtigt ist und welche Rolle er im Haushalt des Dramas spielt.

Es ist klar, daß die beiden Gestalten Max und Thekla ihr Dasein einem Kunstgesetz, wie es Schiller damals als richtig und notwendig erkannt hatte, ver- danken; wenn auch nicht, wie Werder meint, dem des Kontrastes, sondern vielmehr dem der Vollständigkeit. Der Dichter bemerkt nämlich in jener Abhandlung unter dem Abschnitt: Die sentimentalischen Dichter, daß der Begriff der Poesie kein anderer sei, als der Menschheit ihren möglichst vollständigen Ausdruck zu geben. In dem Menschen aber ist, seitdem er in den Stand der Kultur eingetreten ist und die Kunst Hand an ihn gelegt hat, die sinnliche Harmonie aufgehoben,«und er kann nur noch als moralische Einheit, d.h. als nach Einheit strebend, sich äußern».«Die Übereinstimmung zwischen seinem Empfinden und Denken, die in dem ersten Zustande(dem der Natur) wirklich stattfand, existiert jetzt bloß idealischy». Demnach muß«im Zustande natürlicher Ein- falt, wo der Mensch noch, mit allen seinen Kräften zugleich, als harmonische Einheit wirkt, wo mithin das Ganze seiner Natur sich in der Wirklichkeit vollständig ausdrückt die möglichst vollständige Nachahmung des Wirklichen»«im Zustande der Kultur, wo jenes harmonische Zusammenwirken seiner ganzen Natur bloß eine Idee ist, die Er- hebung der Wirklichkeit zum Ideal, oder was auf eins hinausläuft, die Darstellung des Ideals den Dichter machen». Am Schlusse der Abhandlung lehrt nun Schiller, daß die Menschheit«in einem sich kultivierenden Jahrhundert» durch einen«radikalen Antagonismus» getrennt sei, nämlich den des Idealismus und Realismus. Er zeigt dann ferner, daß das System der Realisten und der Idealisten jedes für sich betrachtet einseitig ist. Das Ideal der menschlichen Natur, deren Gehalt reich ist, ist unter beide

verteilt, von keinem völlig erreicht. Das ist ein Gedanke, der sich in den Ästhetischen Briefen J/