Aufsatz 
Studien zu Schillers Wallenstein. I
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den Charakteren entnommener Gesichtspunkt geht unmittelbar aus dem großen Gegen- satze hervor, der den Dichter zunächst bestimmte(Bellermann meint hier den gleich zu behandelnden Gegensatz zwischen dem Idealisten und Realisten). Ihm lag viel an der richtigen Beurteilung seines Helden in sittlicher Hinsicht».«Es kam dem Dichter darauf an, eine Person zu haben, deren Bewußtsein unverfälscht genug, deren Stimme bedeutend genug, deren Herz unerschrocken genug war, um die Tat, auch dem Feld- herrn gegenüber, als das zu bezeichnen, was sie ist»(nämlich als Verrat).«Je mehr der Dichter diesen Beurteiler sittlich hob, je sicherer wir sind, daß er keine selbst- süchtigen Zwecke kennt, je tiefere Herzensneigung er ihm anderseits für den gewaltigen Mann lieh, je lauter also Max Wallensteins Heldengröße und alle hohen und liebens- werten Züge seines Wesens pries, desto eindringlicher und glaubwürdigr wurde er in seiner sittlichen Verwerfung der Tat.»

Vielleicht könnte man sagen, eine solche Beurteilung des Wallensteinschen Ver- brechens sei nicht nötig im Drama, zumal ja, wie übrigens auch Bellermann sehr gut gezeigt hat, schon Wallenstein selber zu der Ueberzeugung des Verbrecherischen seiner Tat gekommen war und deshalb sich vor dem letzten Schritte zum Abfall ge- scheut hatte aber das zu entscheiden, ist hier schließlich nicht die Aufgabe; hier kommt es lediglich darauf an, zu zeigen, daß, da der Dichter das Bedürfnis offenbar gehabt hat, er es in diesem Gespräche und nicht in dem zwischen Buttler und Gordon getan hat.

Bellermann schreibt, wie schon erwähnt:«noch ein zweiter.... Gesichtspunkt geht.... hervor». Also muß Schiller nach Bellermanns Meinung auch einen ersten gehabt haben. Und so ist es. Auch in der Feststellung dieses stimmt Bellermann mit Kühnemann völlig überein, und ich kann mich beiden nur anschließen. Meine Aufgabe sehe ich hierbei allein darin, weiter auszuführen, was jene nur mehr oder weniger angedeutet haben.

Kühnemann sagt mit Bezug auf unser Gespräch:«Hier werden in abgeklärter Form die Gedanken und Motive zum Bewußtsein erhoben, aus denen heraus die Rea- listen handeln und im Gegensatz dazu diejenigen, welche die Idealisten leiten; der in- nerste geistige Kern des Dramas wird bloßgelegty. Und etwas allgemeiner Bellermann: «Schiller fühlte das Bedürfnis, jener Welt selbstsüchtiger und ehrgeiziger Bestrebungen, die sich um Wallenstein drängend und hemmend dreht, auch ein Bild reiner schöner Menschlichkeit gegenüberzustellen».«Schiller wollte in seinem Werke diese beiden Seiten der menschlichen Natur, die er in jener Abhandlung begrifflich entwickelt, gleicherweise zum Ausdruck bringen».«Jene Abhandlung» ist Schillers letzte große philosophische Schrift, die unter dem Sammelnamen:«Über naive und sentimentalische Dichtung» bekannt ist. Am Schlusse dieser Abhandlung bespricht Schiller den großen, die ganze Menschheit trennenden, grundsätzlichen Gegensatz des Idealismus und Rea- lismus. Wir wissen, daß bei der Komposition des Wallenstein die dort gewonnene Fr- kenntnis verwendet worden ist; denn der«poetisch wichtigste Teil des Dramas, der der Liebe gewidmet ist», verdankt dieser Erkenntnis seine Entstehung. Schiller schreibt