Aufsatz 
Studien zu Schillers Wallenstein. I
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Schicksals des Menschen, seines Hoffens und Begehrens, seines Fehlens und Strauchelns. Wer hätte nicht selbst schon einmal einen schmerzlichen Stachel im Herzen gefühlt, weil er«zu frei gescherzt mit dem Gedanken»? Wir empfinden,«wenn dieser Königliche fällt», mit innerem Behagen die Hinfälligkeit aller menschlichen Größe und geben Gordon recht, daß«keiner da feste stehen möchte, wo er fiel». Kaum dürfte die tragische Furcht, das Gefühl der Substitution, sich zu erschütternderem Eindruck steigern lassen, als es in unserm Stücke geschieht!» Das nenne ich den Ausdruck der «Empfindung», der Moral des Stückes, und die spricht eben Gordon IV, 2 aus. Auch Goethe hat versucht, diese Empfindung, Moral, diesen Grundgedanken des Stückes aus- zusprechen; er nennt ihn das«Objekt» des Stückes. Dies ist nach ihm:«Die Dar- stellung einer phantastischen Existenz, welche durch ein außerordentliches Individuum und unter Vergünstigung eines außerordentlichen Zeitmoments unnatürlich und augen- blicklich gegründet wird; aber durch ihren notwendigen Widerspruch mit der gemeinen Wirklichkeit des Lebens und mit der Rechtlichkeit der menschlichen Natur scheitert und samt allem, was an ihr befestigt ist, zu Grunde geht».

Man könnte versucht sein, zu zeigen, daß Goethe die Anregung zu dieser Fassung des dramatischen Grundgedankens aus der Buttler-Gordonszene geschöpft habe. Die «phantastische Existenz» nämlich die des Herzogs malt uns Gordon am Schlusse des Auftritts aus seinen persönlichen Erinnerungen an die gemeinsam mit Wallenstein verlebte Jugend; auch das«außerordentliche Individuum» wird uns durch Gordons Schilderung des noch im Sturze Königlichen eindrucksvoll vor Augen gestellt.«Die Vergünstigung eines außerordentlichen Zeitmoments, unnatürlich und augenblicklich ge- gründet» finden wir ebenfalls in Gordons Worten angedeutet:

«Doch unnatürlich war und neuer Art(augenblicklich gegründet!) Die Kriegsgewalt in dieses Mannes Händen:

Dem Kaiser selber stellte sie ihn gleich,

Der stolze Geist verlernte sich zu beugen.»

Die«gemeine Wirklichkeit des Lebens» und die«Rechtlichkeit der menschlichen Natur» sind zusammen verkörpert in Buttler und Gordon.

Vielleicht unterstützt diese meine Konstruktion noch die Tatsache, daß dieser Bericht Goethes von Schiller mit verfaßt ist(vergl. Brief Schillers an Körner 8. V. 1799), wobei freilich Schiller zugibt, daß der ganze Aufsatz etwas eilfertig aufgesetzt sei. Aber die Tatsache der gemeinschaftlichen Abfassung spricht dafür, daß Goethen bei Darstellung des«Objekts» dieser Auftritt vorgeschwebt habe, wie Schillern ja aus- gesprochenermaßen(Brief an Iffland!).

Wenn mir nun gelungen sein sollte, durch meine Ergänzungen zu Bellermann und Kühnemann wahrscheinlicher zu machen, daß Schiller in seinem Briefe vom 27. Fe- bruar 1798 unsern Auftritt(II, 2) gemeint hat, so ist damit hinlänglich dargetan, daß der Auftritt mindestens dem Zwecke dienen sollte, eine Beurteilung des Wallensteinschen Verbrechens zu geben. Dazu hat Bellermann vortrefflich ausgeführt, weshalb es auch notwendig war, ein solches Urteil auszusprechen, und wie vortrefflich diese Notwendig- keit vom Dichter erfüllt ist.«Noch ein zweiter, ebenfalls nicht der Handlung, sondern