Aufsatz 
Studien zu Schillers Wallenstein. I
Einzelbild herunterladen

10

mit Bellermann überein denn die Gordonszene sei«ein breiter Ruheplatz der Hand- lung» und ebenso in Bezug auf das Geistreiche und Poetische der Behandlung. Gordon spräche nicht poetisch-geistreich, sondern drücke nur die Empfindungen des Alltagsmen- schen, der Welt, bei Wallensteins Tun und Falleaus. Großen Beweiswert schreibt Kühnemann den Schlußworten des betreffenden Gedankenganges zu:«Bei dieser Gelegenheit habe ich aber recht gefühlt, wie leer das eigentlich Moralische ist und wie viel das Subjekt leisten mußte, um das Objekt in der poetischen Höhe zu halten». Da mit Subjekt natürlich nicht Schiller selbst gemeint sei, sondern die Person, die das Urteil spräche, so könne sich das nur auf Max beziehen, der gerade in diesem Auftritte den ganzen Adel seiner Natur herauskehre, während Gordon in den Gesprächen mit Buttler nur ein Philister sei und garnichts leiste. Aber selbst wenn Schiller mit«Subjekt» den Dichter, also sich selbst, gemeint habe, so könnten sich die Worte auch nur auf den Auftritt II, 3 beziehen: denn er habe nicht auf Gordon, sondern auf Max alle Mühe verwandt,«um das Objekt in der poetischen Höhe zu halten.» Es leuchtet wohl ein, daß die Beweise Bellermanns und Kühnemanns, die der Entstehungsgeschichte des Dramas entnommen sind, nicht so überzeugende Kraft haben, wie der aus dem Wort- laut des Februarbriefes entnommene; immerhin aber erscheint es mir glaubhaft, daß die Gordonszenen noch nicht geschrieben sein konnten, als Schiller Goethen die drei ersten Aufzüge vorlas. Denn am 9. III. 1798 waren nach Schillers Bericht an Goethe drei Viertel der ganzen, noch ungeteilten Arbeit fertig, also etwa bis zum Schlusse des zweiten Aufzuges von Wallensteins Tod. Dies las Schiller Goethen am 20. oder 21. März vor; am 21. März ist er«im» vierten Aufzuge, Anfang Mai erst«mit dem fünften Aufzuge» beschäftigt; am 15. August liest er dem Freunde die beiden letzten Aufzüge vor soweit sie fertig waren.

Ganz unzutreffend scheint mir indessen Fielitzs Behauptung zu sein, daß die Auf- tritte Octavio mit Buttler, Isolani und Max notwendiger sein sollten als die Wallensteins mit Octavio, Max und Illo-Terzky. Die Auftritte Octavio mit Isolani und Buttler sind allerdings von größter Bedeutung für die Handlung; denn in ihnen wird uns an zwei vortrefflichen Beispielen der Abfall der Führer vor Augen geführt, und das mußte ge- schehen. Aber ebenso bedeutsam sind die Wallenstein-Auftritte, die den innersten Kern der Handlung enthüllen: das unerschütterliche Vertrauen Wallensteins auf Octavio und seine verhängnisvolle Verblendung dabei. Hingegen haben die Ausführungen Beller- manns und besonders Kühnemanns über die Beziehungen des Wortlauts des Februar- briefes zum Wallenstein-Max-Gespräche und den Gordon-Buttler-Auftritten etwas stark Überzeugendes. Doch wundert mich, daß man auf einen Unterschied dabei nicht ein- gegangen ist. Schiller schreibt nämlich in dem Februarbriefe von dem«ganz gemeinen moralischen Urteile über das Wallensteinsche Verbrechen» und in dem Briefe an Iff- land:«Gordon spricht die Empfindung, ich möchte sagen, die Moral des Stückes aus!» Ich begreife nicht, wie Fielitz«das moralische Urteil über ein Verbrechen» und«die Moral des Stückes» zusammenwerfen kann! Moral, Empfindung des Stückes ist doch wohl als Grundgedanke des Stückes zu fassen! Diese«Moral des Stückes» aber ist doch nicht dasselbe wie ein moralisches Urteil über ein. Verbrechen! Eine Nebenein-