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denn wenn sich alle großen Männer der Weltgeschichte vor den möglichen Folgen ihrer kühnen und überkühnen Taten gefürchtet hätten, so wäre gewiß wenig unter- nommen und die geschichtliche Entwicklung um viele“ Schritte zurückgeblieben! Schließlich: der gutgemeinte Vorschlag, sich selbst zu leben, verlockender gemacht durch das Versprechen, ihn zu begleiten, sein(Maxens) Schicksal niemals von dem seinen (des Herzogs) zu trennen: wie hätte der gerade eine Umkehr in Wallenstein hervor- bringen sollen? Auch die Gräfin hatte ihm schon das ruhige, friedliche(und nichtige!) Bild seiner Zukunft gezeigt, wenn er den Feldherrnstab niederlegte, und damit— und anderes hatte sie mit ihrer Schilderung auch nicht bezweckt— nur den aus Wallen- steins tiefster Ueberzeugung stammenden Ausruf ausgelöst: «Wenn ich nicht wirke mehr, bin ich vernichtet». Und «Eh ich sinke in die Nichtigkeit, eh mich die Welt mit jenen Elenden Verwechselt, die der Tag erschafft und stürzt, Eh spreche Welt und Nachwelt meinen Namen Mit Abscheu aus, und Friedland sei die Losung, Für jede fluchenswerte Tat.» Und Wallenstein sprach hier aus eigenster Erfahrung: hatte er doch das ihm Verächt- liche eines solchen Scheindaseins schon einmal an sich selbst erlebt! Und nur der eine Gedanke hatte ihm damals die aufgezwungene Muße nach dem Sturze auf dem Regensburger Tage erträglich machen können, daß auch für ihn noch einmal der Tag der Vergeltung kommen werde.— Ging er jetzt und. unter diesen Umständen in die von Max so idyllisch ausgemalte Selbstverbannung, so durfie er auf eine zweite Rückberufung ganz gewiß nicht rechnen. So schneiden denn Wallensteins Worte jeden Einwurf Maxens ab, und zwar für immer, Worte, die aus der tiefsten Tiefe seiner Lebens- und Weltanschauung geschöpft und deshalb unwiderleglich sind: «Ergib dich drein. Wir handeln, wie wir müssen. So laß uns das Notwendige mit Würde Und festem Schritte tun!» Und nun überlege man sich einmal, ob Wallenstein diese, seine äußere Würde, auf die er so viel gibt, hätte behaupten können, wenn er(«durch einen Knaben weich gemacht») die gefaßten Entschlüsse aufgegeben, Wrangel zurückgerufen und alles rückgängig ge- macht hätte, was zu gutem Ausgange eingeleitet war! Ich meine, der Dichter hätte seinen Wallenstein bei Freund und Feind lächerlich gemacht, ihn, der schon bei den zielbewußten Schweden im Geruche des Zauderns stand und sich sagen lassen mußte, daß ein solches Unternehmen«durch rasche Tat nur glücken» könne. Er hätte ihn aber auch in unsern Augen lächerlich gemacht, wenn er ihn auch nur einen Augenblick lang den Gedanken an eine Änderung seiner Entschlüsse, die vernünftigerweise garnicht mehr zu ändern wären, hätte fassen lassen.
Und noch etwas! Wenn Wallenstein wirklich, wie behauptet wird, von Maxens Worten erschüttert wäre und nun Wrangel hätte zurückrufen wollen,— wenn es ihm damit Ernst gewesen wäre— warum läßt denn der Dichter ihn diesem Gedanken nicht länger und schärfer nachgehen, warum geschieht denn nichts zu seiner Verwirk-


