Aufsatz 
Studien zu Schillers Wallenstein. I
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muß am Schlusse der Unterredung erkennen, daß seine Bemühungen einerseits an der tiefsten Weltanschauung Wallensteins scheitern müssen und anderseits deshalb nicht mehr Erfolg haben können, weil eben die ersten Schritte zum Abfall schon geschehen sind. Er verläßt den Herzog in der heftigsten Bewegung.

Es ist nun die Frage: welches ist die Bedeutung dieses Auftritts? Soweit ich sehe, sind die Meinungen darüber geteilt. Fielitz, der als den dramatisch-tragischen Grund- gedanken der Wallensteindichtung das ansieht, daß eine Warnung an Wallenstein von bedeutsamster Stelle zu spät kommen muß, sieht in diesem Auftritte nur die Gelegen- heit, dies Zuspät dem Zuschauer mit aller Schärfe zum Bewußtsein zu bringen. Dabei fassen er und andere, z. B. Bellermann, Bulthaupt, Walzel, die Bedeutung dieses Auftritts auch noch dahin auf, daß der Dichter uns darin die Wurzeln eines letzten Schwankens des Fürsten zeigen wolle, das er im nächsten Auftritte dann zum Ausdruck bringe, Doch tritt diese Auffassung hinter einer anderen stark zurück, die auch Kühne- mann vertritt. Ihr schließe ich mich an und suche sie nur in einigen Stücken zu er- gänzen. Aber zuvor will ich jene Ansicht von einem letzten Schwanken Wallensteins auf ihre Berechtigung hin prüfen. Sie beruht besonders auf der Frage des Herzogs an Terzky im dritten Auftritte des zweiten Aufzuges:«Wo ist der Wrangel?» Bulthaupt, der mir der angedeuteten Auffassung den schärfsten Ausdruck gegeben zu haben scheint, glaubt, daß in dieser Frage«ohne allen Zweifel» der Vorsatz liege,«die geschlossene Uebereinkunft zu widerrufen». Auf den ersten Blick«mags leidlich scheinen»; ver- gegenwärtigen wir uns aber einmal die Lage! Am Schlusse des Gespräches(II, 2) macht Schiller die Bemerkung:«Max, der bisher in einem schmerzvollen Kampfe gestanden, geht schnell ab. Wallenstein sieht ihm verwundert und betroffen nach und steht in tiefe Gedanken verloren». Dann beginnt der dritte Auftritt, Terzky komnit und fragt:«Max Piccolomini verließ dich eben?» Wallenstein antwortet nicht auf diese Frage, sondern stellt die Gegenfrage:«Wo ist der Wrangel?» Terzky:«Fort ist er.» Wallenstein:«So eilig?» Dann berichtet Terzky von Wrangels plötzlichem

Verschwinden: «Es war, als ob die Erd ihn eingeschluckt.

Er war kaum von dir weg, als ich ihm nachging,

Ich hatt ihn noch zu sprechen, doch weg war er,

Und niemand wußte mir von ihm zu sagen.

Ich glaub, es ist der Schwarze selbst gewesen,

Ein Mensch kann nicht auf einmal so verschwinden.» Von Wrangel ist ferner keine Rede mehr: das Gespräch wird durch den hinzukommen- den Illo auf Octavio gelenkt und bleibt bis zum Schlusse des Auftritts dabei, gipfelnd in Wallensteins wundervoller Erzählung seines Traumes vor der Lützener Schlacht.

Für beachtenswert halte ich zunächst die Bemerkung am Schlusse des

zweiten Auftritts, dann natürlich die Frage Wallensteins nach Wrangel und endlich seinen erstaunter Ausruf:«So eilig?» Dies alles zusammen: das Gespräch mit Max, das den Herzog, wie die Bemerkung zeigt, in besonderer Weise berührt hat, und un- mittelbar danach jene Fragen, kann auf den ersten Blick wirklich die Ansicht auf-*