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Hier wird es alſo klar ausgeſprochen, welcher Umſtand eine der Hauptſchwächen der imitativen Methode bildet: Das Fehlen eines hinlänglich breiten Anſchauungs⸗ ſtoffes. Allein dem wäre doch, ſollte man denken, leicht abzuhelfen. Man brauchte ja nur den grammatiſchen Stoff in beſonderen Unterrichtsſtunden abzuthun, während man in den übrigen die Lektüre und die ſie betreffenden Übungen behandelte. Dieſen Ausweg hat man auch an den meiſten Orten gefunden. Er hat den Vorzug, einfach zu ſein, und bequem und ſicher zum Ziele zu führen, ganz abgeſehen davon, daß er von Münch und Glauning in den reſp. Teilen der Baumeiſter'ſchen Encyklopädie empfohlen wird. Wozu hätte auch der Sturm der Entrüſtung über die armſelige grammatiſierende Methode jene ſtattliche Reihe von Lehrgängen gezeitigt, die das Bücherbrett argloſer Anfänger im Lehrberufe zieren. Iſt das Unterrichtswerk durchgearbeitet, dann geht man zur Lektüre über, die je nach Temperament mit behaglicher Breite oder raſender Eile erledigt wird. Einige Fragen über den Inhalt bilden die Sprechübungen. Freilich darf man nicht fragen, worin eigentlich die beſondere Neuheit dieſer Methode beſtehen ſoll. Statt des alten Ploetz bezw. Plate hat man einfach einen Lehrgang zu Grunde gelegt, der auf pſychologiſch und methodiſch richtigeren Grundſätzen aufgebaut iſt und aus dem einige Ungeheuerlichkeiten der Grammatik verſchwunden ſein mögen. Ein Unbefangener würde allerdings denken, die frühere Weiſe ſei die der Unfreiheit geweſen, die neue ſoll die der Freiheit ſein; wenn das charakteriſtiſche Zeichen der alten Zeit das Ge⸗ bundenſein an die Vorſchriften des Lehrgangs war, ſo müßte jetzt dem Lehrenden Beweglichkeit innerhalb gewiſſer Grenzen geſichert ſein, und er ſich bemühen, ſeine Schüler möglichſt raſch in den vollen Strom der lebendigen Sprache einzuführen.
Nun, die Verſuchung iſt ja eine recht große gegenüber den Mühen, die die zweite Art des Betriebes, die direkte Einführung in die Sprache vermittelſt deren vornehmſter Vertreter, der Schriftſteller, bietet. Aber wie wird man es anfangen, wenn man nur eine beſchränkte Stundenzahl zur Verfügung hat, wie das im Engliſchen der Fall iſt? Dieſe Sprache iſt ja überhaupt, ſelbſt auf Realanſtalten, dem Franzöſiſchen gegenüber unverhältnismäßig ſchlecht bedacht. So ſtehen bei uns in Heſſen 30 franzöſiſchen Stunden nur 12 engliſche gegenüber. Wenn wir auch die größeren Schwierigkeiten des Franzöſiſchen als etwa zwei Jahreskurſen entſprechend anrechnen wollen, ſo müßten für das Engliſche immer noch 18 Stunden übrig bleiben, ſtatt deſſen ſind es aber bloß 12. Auch für die Realgymnaſien iſt eine Stundenzahl von 30 franzöſiſchen und 18 engliſchen Stunden vorgeſehen(Klinghardt hatte ſogar 20 zur Verfügung!); es iſt alſo nicht erſichtlich, warum die Realſchulen, die doch ihre Schüler in viel höherem Maße für das praktiſche Leben vorbereiten, ſo bedeutend zurück⸗ ſtehen ſollen. Für das Franzöſiſche nun iſt hinlängliche Zeit vorhanden, nach der einen oder anderen Weiſe vorzugehen, für das Engliſche aber iſt keine andere Wahl, als entweder dem Lehrbuche zwei bis drei Jahre lang zu folgen, und dann bleibt für die zu bewältigende Lektürer überhaupt herzlich wenig Zeit übrig, oder man beginnt, wie ich es gethan habe, bereits im 2. Jahre mit der Lektüre, und dann läßt es ſich ſchlechterdings nicht umgehen, dieſelbe auch grammatiſchen Fragen dienſtbar zu machen d. h. ſtreng induktiv vorzugehen. Wenn ich des⸗ wegen oben als Forderung hinſtellte, es müßten die franzöſiſchen und engliſchen Schulſchrift⸗ ſteller eine eingehende methodiſche Bearbeitung erfahren, ſo hatte ich hierbei namentlich die Stufen bis zum Abſchluſſe der lateinloſen Realſchule oder auf dem Realgymnaſium bis Ende IIb im Auge. Von da an müßten andere, mehr ſtiliſtiſche Aufgaben in den Vordergrund treten, die


