Worin der Irrtum beſtehen ſoll, iſt nicht recht erſichtlich, auch leider nicht angegeben, wie man es anders machen ſollte. Worin ſollte die Stärke, das Gegenteil der Ohnmacht, beſtehen? Es wäre ſchlimm, wenn der„Inhalt, den der Schüler aus dem in der ſchwer verſtändlichen fremden Sprache abgefaßten Leſeſtücke ſchöpft“, keine Anziehung mehr auf ihn ausüben würde. Dann wäre der Leſeſtoff eben ungeeignet, Inhalt und Form deckten ſich nicht, wie es bei einem guten Werke, um nicht zu ſagen Meiſterwerke, ſein ſoll, und nur das beſte wollen wir unſern Schülern ja bieten.
Gerade weil die neuere Zeit an Stelle des Nacheinander das Nebeneinander geſetzt hat, können wir der Schlußbemerkung Winklers nicht zuſtimmen:„Erſt wenn auf Grund des Erfaſſens der Sprachgeſetze die Sprache beherrſcht wird, können die anderen Ideale erreicht werden.“ Nun, wie es mit dem Beherrſchen der Sprache zuweilen ſelbſt bei den Lehrern ſteht, darüber kann man gelegentlich auf Ferienkurſen im Auslande die ergötzlichſten Erfahrungen machen. Wenn man aber ſo lange warten wollte, bis dem Schüler der in den geleſenſten Schriftſtellern niedergelegte Sprachſchatz vertraut wäre, dann würde man wohl überhaupt nie zur Lektüre kommen. Und warum immer das UAtilitätsprinzip hervorheben? Denn darauf würde die Sache wohl hinauslaufen. Die Schule hat doch auch andere Aufgaben als die zu erringende Sprachfertigkeit. Wer würde wohl mit geſchloſſenen Augen ſich zur Höhe eines Berges führen laſſen, von wo eine prächtige Fernſicht den Wanderer belohnen ſoll? Würde er nicht vorziehen, mit offenen Augen zu marſchieren, ſich auf dem Wege ſchon des Erreichten freuen und Umſchau halten? Warum ſollten wir unſeren Schülern, die wir ja doch nur zum geringeren Teil zu einer Höhe führen, die ſie einen Blick in die reiche franzöſiſche und engliſche Geiſteswelt werfen läßt, dieſen Genuß verſagen?
Ja warum nicht einmal den Verſuch machen, die Schüler ſo früh als möglich, vielleicht mit dem erſten Unterrichtsjahre ſchon, mit einem Schriftſteller bekannt zu machen? Die franzöſiſche ſowie die engliſche Litteratur iſt reich genug an Werken, die durch geeignete Be⸗ arbeitung einen Ausgangspunkt für den ſprachlichen Unterricht bieten würden. Durch paſſende Streichungen oder Zuſammenſtellungen ließe ſich, ohne eine Verwäſſerung des Kunſtwerkes zu bieten, dasſelbe Ziel erreichen, das wir jetzt mit allerlei Anekdoten und hausbackenen Geſchichten verfolgen. Würde der Schriftſteller wirklich für uns an Wert verlieren, weil wir uns durch einige Kapitel intenſiver mit der Form beſchäftigen, die er ſeiner Darſtellung gegeben hat? Warum ſollte, um beim Bilde zu bleiben, der Reiſende geringeren Genuß von ſeiner Wanderung haben, weil er ſich auch mit der geologiſchen Beſchaffenheit der durchzogenen Gegend beſchäftigt?
Aber um ſchließlich den Kern der ganzen Streitfrage zu treffen, die ſo lange die Neu⸗ philologen Deutſchlands in zwei feindliche Lager geſchieden hat, und die noch nicht erledigt iſt, worin beſteht eigentlich das Trennende zwiſchen den Anhängern der alten und denjenigen der neueren Lehrweiſe? Oder mit anderen Worten:„Worin hat die herrſchende Unzufriedenheit, die immer noch vorhandene aber nicht offen zugeſtandene Gegnerſchaft ihren Grund? Die Frage, ob Einzelſätze oder Leſeſtück, kann es doch wohl nicht ſein, denn die iſt längſt zu Gunſten des letzteren entſchieden. Nein, es iſt die noch ungelöſte Frage über den Umfang der Grammatik— natürlich in weiterem Sinne!— und die Art ihrer Aneignung und Befeſtigung. Leider, und unbegreiflicherweiſe, haben die berechtigten Angriffe der Führer der Reformbewegung bei recht vielen Fachgenoſſen ſonderbare Begriffe über die auch nur zu oberflächlicher Beherrſchung


