Aufsatz 
Marryats Masterman Ready als Lesestoff der dritten Realschulklasse : 1. Teil
Entstehung
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weniger Lektüre begnügen und uns dieſelbe um ſo genauer aneignen. Bezüglich ſchriftlicher Arbeiten für die oberen Klaſſen warnt Prof. Winkler vor der freien Ausarbeitung von Themen:Die jetzt üblichen Inhaltsangaben fallen ſo ſchlecht aus, daß ſie unkorrigierbar ſind, falls ſie der Lehrer mit den Schülern nicht gründlich einpaukt. Dies hat aber nach meinem Dafürhalten ſeinen Grund nicht ſowohl darin, daß die Schülerkeine vollkommene Beherrſchung des Geleſenen erreichen und ihnendie vollkommene Beherrſchung der Sprache fehlt, ſondern, daß dieſe flachen Themen zum Teil dem Schüler unintereſſant werden, teils auch weil ſie über die eigentliche Klaſſenſtufe hinausgehen mögen. Man hat ja mit Recht darauf hinge⸗ wieſen, daß der Schüler in den fremden Sprachen nur eine Arbeit leiſten könne, die den Anforderungen entſpreche, wie man ſie zwei bis drei Jahrgänge tiefer in der Mutterſprache zu ſtellen pflege.

Auch ein anderer Grund gegen die neue Methode kann nicht ſtichhaltig ſein:Die Schüler lernen einen Ausdruck für eine Idee erſt in dem betr. Leſeſtücke, und gleich darauf ſollen ſie ſich in der Inhaltsangabe anderer Ausdrücke bedienen! Vorausgeſetzt, daß dies geſchieht, was ich nicht unbedingt billigen könnte, wird doch jeder gewiſſenhafte Lehrer dafür Sorge tragen, daß dieſe anderen Ausdrücke keine neu zu erfindenden, ſondern früher dageweſene ſind. Es entſpräche alſo dieſe Ubung nur der obigen Forderung, neue Gedanken in bekanntes Wort⸗ material zu kleiden.

Warum ſollte ferner der Sprachunterricht nicht in die Kenntnis des fremden Landes und Volkes einführen? Daß man hier gelegentlichden Mund etwas voll nimmt, hat ja ein namhafter Reformer auf der wiener Verſammlung zugeſtanden. Es iſt aber gewiß beſſer, die Schüler leſen etwas über Paris und London, über die fremden Sitten und Gebräuche ſoweit ſie unſere nivellierende Zeit noch erhalten hat! über hervortretende Charakterzüge der anderen Völker als die abgedroſchenen, faden Geſchichten, wie ſie zum Teil noch in unſeren Leſebüchern ſpuken.

Der Umfang der in der Schule bewältigten fremdſprachlichen Lektüre ſteht allerdings in keinem Verhältnis zu dem, wasmancher ſtarke Leſer unter den Schülern in der Mutter⸗ ſprache leiſtet. Dafür kommt ſie ihm aber auch ganz anders zum Bewußtſein als die raſch durchflogenen Erzählungen der Schülerbibliothek oder die ſpannendeGeſchichte der väterlichen Zeitung. Und ſchließlich: bildet denn die Schule perfekte Chemiker, Mathematiker oder Ge⸗ ſchichtskenner aus? Handelt es ſich für uns denn darum Fachkenntniſſe zu übermitteln oder abgeſehen von dem Bildungsideale ſolche nur vorzubereiten? Außerdem hat man ja auch mit Erfolg verſucht, beſonders talentierte Schüler auf die Privatlektüre zu ver⸗ weiſen, ein Gebiet, das ſich gewiß gut verwerten läßt.

Wenn die Analogie, wie ferner behauptet wird, von der neuen Methode nicht intenſiv genug geübt wird, ſo kann das nur ein vereinzelter Fehler ſein und bleiben, denn gerade ſie macht ſich in hohem Maße nutzbar, was man einigermaßen aus der Bezeichnungimitative Methode herausleſen könnte.

Zum Schluſſe kommt Winkler zu dem Ergebnis, es ſeiein pſychologiſcher Irrtum und zugleich ein Zugeſtändnis der pädagogiſchen Ohnmacht, dem Inhalte des Leſeſtücks für die Spracherlernung einen ſo großen Wert beizulegen, wie man es allgemein thue. Dem⸗ gegenüber dürfte doch die Erfahrung der Mehrzahl der neuſprachlichen Lehrer beſtätigen, daß gerade durch geeignete Lektüre das Intereſſe der Schüler in hohem Maße angeregt wird.