Aufsatz 
Marryats Masterman Ready als Lesestoff der dritten Realschulklasse : 1. Teil
Entstehung
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fertig, ſeine Mutterſprache zu erlernen ¹). So weit folgen wir dem Verfaſſer. Wenn er aber hinzufügt, daß es in Öſterreich eine Methode gebe, die unverſtandene Sätze ſo lange an das Ohr des Schülers ſchlagen laſſe, bis letzterer ſie erfaßt habe, ſo führt er eben nur öſterreichiſche Zuſtände an, die mit der neuen Lehrweiſe im allgemeinen nichts zu thun haben. Die ver⸗ ſchiedenartigen Lehrbücher auf Grund der Anſchauung ²) ſcheinen für Leute, die derartig vor⸗ gehen, gar nicht geſchrieben zu ſein.

Betreffs der ſchriftlichen Arbeiten kommt Winkler auf Anfängerleiſtungen zu ſprechen, die er für ſehr mechaniſcher Art hält, wie etwa die Verſetzung eines Leſeſtücks aus einer Zeit in die andere. Das iſt eine Behauptung, die nur in beſchränktem Maße Giltigkeit hat. Man⸗ kann es doch nicht gut eine rein mechaniſche Leiſtung nennen, wenn der Schüler eine Handlung als ſelbſt oder mit einem anderen erlebt darſtellt, wenn die Form der einfachen oder verneinten Frage dabei eine reichliche Verwendung findet, eine Umwandlung etwa in Participien ſtatt⸗ findet, direkte in indirekte Rede verwandelt wird, wenn in Anlehnung an das Leſeſtück eine analoge Darſtellung über eine andere Perſon, Sache oder Geſchichte verlangt wird u. ſ. w. Niemand wird aus der reichen Fülle von Aufgaben, wie ſie ſich beiſpielsweiſe in den Lehr⸗ büchern von Breymann⸗Möller, Bierbaum, Roßmann⸗Schmidt, Schmidt u. a. finden den Eindruck gewinnen, als handele es ſich hierbei um gedankenloſe Aufgaben!

Auch die Einwände betreffs der Benutzung von Bildern ſind durch die Praxis erledigt. ³) Wohl ſind es jagewöhnliche Vorgänge und Gegenſtände, die hier dargeſtellt ſind, und die infolge ihrer Alltäglichkeit keine ſtarke Vorſtellung entſtehen laſſen. Aber daß man den Unterricht doch vollſtändig auf ſolche Bilder baſieren kann, iſt glänzend erwieſen, und kein ge⸗ wiſſenhafter Lehrer wird auch die andere Forderung in vollem Umfange zu erledigen unterlaſſen: fort und fort neue Gedanken zu erwecken und in bekanntes Wortmaterial einzukleiden. Im weiteren kommt Winkler auf das von den Analytikern gerühmte Sprachgefühl zu reden und behauptet, dasſelbe ſei nur auf Grund von ſehr viel Lektüre zu erwerben. Erſt wenn man 100 Bände franzöſiſcher Schriftſteller mit großer Aufmerkſamkeit durchgeleſen habe, könne man von einem erwachenden Sprachgefühl reden. Ich glaube, hier hätte Prof. Winkler beſſer geſagt,wenn man 100 Bände mit großer Gewiſſenhaftigkeit durchge⸗ arbeitet und verarbeitet hat, denn das aufmerkſame Leſen wird kaum genügen. Auch glaube ich, daß man dann nicht von einem beginnenden, ſondern einem bereits ent⸗ wickelten Sprachgefühl reden könnte. Da es ſich aber für die Schule überhaupt nur um eine vorbereitende Arbeit handeln kann, ſo müſſen wir uns eben bei der beſchränkten Zeit mit viel

¹) Alle diejenigen, welche eine Umbildung des fremdſprachlichen Unterrichts nach dem Vorbilde der Mutter⸗ ſprache im Auge haben, dürfen nur nicht vergeſſen, daß hier ein grammatiſcher Unterricht im umfangreichſten Maße ſtattfindet. Denn das ſtete Verbeſſern falſcher Analogiebildungen des Kindes durch die Eltern oder über⸗ haupt Erwachſene iſt doch nichts anderes als ein grammatiſcher Unterricht. So ſelbſtverſtändlich dies auch klingen mag, es gibt immer noch Leute, welche glauben, eine fremde Sprache ohne Sprachlehre lehren zu können. Die ganze Analogiebildung iſt eben nur das bewußte Streben des Kindes, es an Sprachfertigkeit ſeiner Umgebung gleich zu thun und eine einmal gemachte Wahrnehmung auf andere Perſonen oder Dinge zu übertragen. Später übernimmt die Schule die Einführung in einen größeren Ideenkreis und die geeignete Verarbeitung früher dageweſenenWort⸗ und Gedankenmaterials in immer neue Formen.

2) Eine Zuſammenſtellung derſelben ſ. bei Münch a. a. O.§ 103.

³) Eine andere Frage iſt es allerdings, ob man dieſen Betrachtungen die ausgearbeitete dialogiſche Form

oder die des Aufſatzes zu Grunde legt. Ich möchte mich für letztere ausſcheiden. 2*½